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Industrie baut Gesundheitsvorsorge aus : Reha auf dem Werksgelände

Arbeiten auch am eigenen Körper: Fitnesskurs im Industriepark Bild: Infraserv

Im Rhein-Main-Gebiet tut sich was in Sachen Mitarbeiterfitness, denn die Industriebetriebe bauen ihre Gesundheitszentren aus. Wie beide Seiten davon profitieren.

          Im Industriepark Kalle-Albert wollen sie es genau wissen: Inwieweit wirkt sich das regelmäßige Training im Gesundheitszentrum auf dem Werksgelände auf den Körper des jeweiligen Mitarbeiters aus? Im Januar 2012 hat der Industriepark-Betreiber Infraserv den in Eigenregie hochgezogenen und mit allerlei modernen Geräten ausgestatteten Bau in Betrieb genommen. Zuvor hatten Mitarbeiter schon die Beweglichkeit ihrer Wirbelsäule prüfen lassen. Auch die Muskulatur wurde untersucht. Seitdem nutzen 160 der 350 Mitarbeiter im Industriepark regelmäßig das Gesundheitszentrum – und haben sich gerade ein zweites Mal unter anderem auf ihre Muskulatur hin untersuchen lassen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auf die Ergebnisse ist Personalchef Horst Daubner, der regelmäßig selbst im Werk trainiert, gespannt. Dessen ungeachtet kann er schon auf andere, erfreuliche Resultate verweisen. So haben die Mitarbeiter des Gesundheitszentrums einem Beschäftigten, der sich zu Hause an der Lendenwirbelsäule verletzt hatte, ein persönlich zugeschnittenes Reha-Programm ausgearbeitet. Tag für Tag kam der Mann zur Rehabilitation ins Werk. „Anfangs hatten die behandelnden Ärzte gesagt: Vor August sehen Sie ihn nicht wieder – durch die Reha bei uns hat er im Mai wieder angefangen“, berichtet der Personalchef. Im Ergebnis haben beide Seiten einen Vorteil davon. Der Mitarbeiter hat nicht so lange Krankengeld beziehen müssen wie gedacht und der Betrieb deutlich früher wieder auf eine bewährte Kraft bauen können.

          Ziel: Fit für die Rente mit 67

          Schließlich ist Infraserv Kalle-Albert daran interessiert, Fehlzeiten und dadurch verursachte Kosten zu vermeiden. Da nimmt man laut Daubner in Kauf, die Kosten für individuelle Reha-Angebote im Werk selbst tragen zu müssen. Nutzt es doch letztlich der Produktivität.

          Und nicht zuletzt der Produktivität zu dienen ist das Ziel betrieblicher Gesundheitsvorsorge, wie Volker Weber, Landesbezirksleiter der Industriegewerkschaft Bergbau-Chemie-Energie, sagt. Dies sei schon seit jeher ein Ansatz der Chemiegewerkschaft gewesen. Insofern überrascht es nicht, dass die Gesundheitsvorsorge auch in dem erstmals 2008 geschlossenen sogenannten Demographie-Tarifvertrag der Chemiebranche ihren Niederschlag gefunden hat. Ein Ziel lautet, Beschäftigte so fit zu halten, dass sie möglichst bis zur Rente mit 67 arbeiten können.

          In der Folge haben viele Firmen verschiedene Angebote auf- und ausgebaut, die der Gesundheit dienen sollen. Dies gilt nicht nur für Großunternehmen mit der entsprechenden finanziellen Kraft. Auch viele Mittelständler hätten die Notwendigkeit erkannt und bezahlten Yogakurse und Rückenschulen, sagt Frank Lucaßen, Landesvorsitzender des Bundesverbands der pharmazeutischen Industrie und hauptberuflich Geschäftsführer des Arzneimittel- und Medizintechnikherstellers Fresenius Kabi in Bad Homburg.

          Infraserv gleich mit zwei Zentren

          Merck in Darmstadt betreibt zwar kein Gesundheitszentrum, hat aber ein „ganzheitliches Gesundheitsmanagement“ geschaffen, in Zusammenarbeit mit der Betriebskrankenkasse, Werksärzten und Arbeitnehmervertretern. Ziel ist, die Arbeitsfähigkeit und Gesundheit der Mitarbeiter zu erhalten. Ein Zehntel der 8800 Beschäftigten nimmt Kurse aus der Reihe namens „Merck@Fit“ in Anspruch, 140 haben sich im vergangenen Jahr beim „Rücken-Fitback“ durchchecken lassen. Wie es heißt, wurde dieses Programm auch auf seine Wirksamkeit hin überprüft. Ergebnis: In der Folge hätten die Teilnehmer weniger Beschwerden als zuvor und seien motiviert worden, gesundheitsförderlichen Sport zu treiben.

          „Gesunde Unternehmen brauchen gesunde Mitarbeiter“, heißt es auch beim Frankfurter Industriepark-Betreiber Infraserv Höchst. Angesichts der demographischen Entwicklung und der verlängerten Lebensarbeitszeit sei es für jeden Einzelnen und die Firmen gleichermaßen wichtig, etwas für die Gesundheit zu tun. „Dabei spielt bei den Angeboten zur betrieblichen Gesundheitsförderung die Nähe zum Arbeitsplatz eine entscheidende Rolle“, sagt die Infraserv-Führung um Jürgen Vormann und Roland Mohr. Gemäß dieser Erkenntnis hat das Unternehmen auf seinem Werksgelände gleich zwei Gesundheitszentren gebaut. Das erste ging im Januar 2011 auf 600 Quadratmetern in Betrieb. Anderthalb Jahre später folgte das zweite mit 450 Quadratmetern.

          Viele haben Rückenprobleme

          Mit den auseinanderliegenden Standorten wird Infraserv dem Anspruch gerecht, nah an den Betrieben zu sein, aus denen die Kunden kommen. Derzeit nutzen 1230 Mitarbeiter aus zehn der 85 Betriebe am Standort die Angebote der Zentren. Insgesamt arbeiten 23.000 Männer und Frauen im Industriepark Höchst. Besonders gefragt sind Pilates, Yoga, Herz-Kreislauf-Training und Rückenschulen, da viele Beschäftigte von Rückenbeschwerden geplagt sind, wie es heißt.

          Der Industriepark-Betreiber hat ebenso wie das Wiesbadener Schwesterunternehmen beide Gesundheitszentren selbst geplant, gebaut und eingerichtet. Allerdings holten sich die Höchster im Gegensatz zu den Wiesbadenern den Rat eines Dienstleisters ein. Ihnen stand in Gestalt der Sona Positive Health GmbH aus Frankfurt eine Firma zur Seite, die selbst in Deutschland drei Fitnesscenter betreibt, eines davon in Niederrad, und zudem für Mittelständler das Konzept Sona Mobil anbietet, einschließlich Rückenschulen und Ernährungsberatung.

          Dergleichen muss nicht das Budget eines Betriebs belasten: Wie Frank Lucaßen vom Bundesverband der pharmazeutischen Industrie zu bedenken gibt, können die Betriebe bis zu 500 Euro Kursuskosten je Mitarbeiter steuerlich geltend machen. Das kommt nicht zuletzt Mittelständlern zupass.

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