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Kommentar : Bewährungsprobe für Frankfurt

Frankfurt hat lange genug im Irrglauben gelebt, reine Finanz- und Dienstleistungsmetropole zu sein. Die Stadt sollte nicht zulassen, dass die Großmetzgerei Brandenburg wegzieht.

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          Das Wortspiel ist naheliegend: Es geht um die Wurst. Die bislang in Frankfurt-Fechenheim ansässige Großmetzgerei Brandenburg würde gerne auch ihre neue Fleisch- und Wurstwarenfertigung wieder in Frankfurt bauen, zieht aber auch einen Wegzug in Betracht, falls sich in der Umgebung jene Flächen und Bedingungen finden, die man in Frankfurt bislang offenbar vergeblich sucht.

          Das sollten die Verantwortlichen der Stadt nicht zulassen. Denn es geht um einen industriellen Arbeitgeber, der allein am Standort Frankfurt 1000 Männern und Frauen Arbeitsplätze bietet - und noch dazu Gewerbesteuer zahlt. Vollkommen zu Recht weisen Frankfurter Gewerkschafter von DGB und der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten darauf hin, dass Brandenburg nicht nur Hochqualifizierte beschäftigt, sondern gerade auch an- und ungelernten Männern und Frauen einen ordentlich bezahlten Broterwerb bietet.

          So paradox es zunächst klingen mag, diese Arbeitsplätze sind für Frankfurt mindestens so wertvoll wie die der hochspezialisierten Topverdiener. Es braucht diese wie jene Arbeitsplätze für ein funktionierendes Gemeinwesen. Sicher ist es nicht leicht, 15 Hektar Gewerbefläche - fast die Fläche von 20 Flußballplätzen - mit optimaler Verkehrsanbindung im Stadtgebiet zu finden, aber es sollte nicht unmöglich sein.

          Frankfurt hat lange genug in dem Irrglauben gelebt, reine Finanz- und Dienstleistungsmetropole zu sein. Es ist noch gar nicht so lange her, dass ein genauerer Blick auf das Gewerbesteueraufkommen die Frankfurter an die fortwährende Bedeutung der industriellen Tradition erinnert hat, an die Leute in Blaumann und Arbeitskittel, die ebenso zur Prosperität der Stadt beitragen wie die in Anzug und Kostüm. Immerhin hat man unlängst mit dem Masterplan Industrie auf dieses Versäumnis reagiert.

          Ein dicker, schicker Katalog allein reicht aber nicht, dem Plan müssen Taten folgen. Im Fall von Brandenburg darf nicht wieder passieren, was sich unlängst im Fall des Armaturenherstellers Christian Bollin zutrug: Das Frankfurter Traditionsunternehmen verlässt Frankfurt-Sossenheim und zieht nach Oberursel. Daraus sollte kein Trend entstehen.

          Jochen Remmert
          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

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