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„Green Farming Markt“ : Kräuter und Fische vom Supermarkt-Dach

Ernte auf dem Supermarktdach: Auf dem neuen Rewe-Markt in Wiesbaden-Erbenheim wird Basilikum angebaut. Bild: Marcus Kaufhold

Rewe eröffnet am Donnerstag in Wiesbaden-Erbenheim einen Markt, in dem auch geerntet wird. Der Bau gilt als „Green Building“ der neuesten Generation.

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          Die Barsche sind noch nicht angekommen, aber unter dem schlichten Glasdach sprießt es schon: Basilikumpflänzchen in Tausenden von Töpfen. Sie sind Teil einer sogenannten Aquaponikanlage, die Fisch- und Pflanzenzucht in einem geschlossenen Wasser- und Nährstoffkreislauf kombinieren. Was klingt wie ein Lebensmittel-Versuchslabor, ist Teil eines nachhaltigen Supermarkt-Konzeptes, das der Rewe-Konzern aus Köln am Ortsrand des Wiesbadener Stadtteils Erbenheim in einem Pilotprojekt umgesetzt hat, für eine Summe im zweistelligen Millionenbereich. Rewe selbst war Bauherr und hat auch das Grundstück gekauft.

          Petra Kirchhoff
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Von der Größe her ist diese Filiale, die Rewe „Green Farming Markt“ nennt, mit 1500 Quadratmetern eher ein normaler Lebensmittelmarkt. Doch mit den nüchternen Kästen, in denen Nahversorger in der Regel in sogenannten Fachmarktzentren verkaufen – nebenan in Erbenheim gibt es auch einen Drogeriemarkt –, hat der neue grüne Rewe-Ableger nicht viel gemein.

          Feine urbane Markthallen-Atmosphäre

          Das zeigt sich schon bei den Parkplätzen, auf denen das Regenwasser im Schotterbeet zwischen Pflastersteinen versickern kann. 30 Stellplätze gibt es für Fahrräder. Drumherum soll es demnächst blühen und grünen.

          Unten Markthalle, oben Pflanzenfarm: Der neue Supermarkt besteht weitgehend aus Holz und Glas.
          Unten Markthalle, oben Pflanzenfarm: Der neue Supermarkt besteht weitgehend aus Holz und Glas. : Bild: Marcus Kaufhold

          Außergewöhnlich sind massive Holzsäulen im Eingang, deren kleinteilige Bauweise von weitem an Türme aus Lego-Steinen erinnert. In jedem Fall schaffen sie feine urbane Markthallen-Atmosphäre. Dazu passen zwei Verkaufsstände links und rechts neben den Eingangstüren, in denen Rewe künftig Obst und Gemüse aus der Region verkauft. Gut 70 Partnerlandwirte und andere Hersteller aus Hessen beliefern den Markt, unter diesen die bewährten Vertreter der Landmarkt-Kooperation, aber auch lokale Anbieter wie die Bierstadter Brauerei oder die Wiesbadener Kaffeerösterei Maldaner.

          Handwerkliches wird herausgestellt

          Sushi, Fisch, Fleisch und Käse gibt es frisch und sauber voneinander abgetrennt in einer langen Reihe, frische Pilze in einer besonders guten Auswahl. Eine Unverpackt-Ecke darf freilich ebenso wenig fehlen wie ein veganes Sortiment. Aus Schütten lassen sich Macadamia-Nüsse und Kirchererbsen in individuellen Portionen abfüllen.

          Aufzucht im Markt: Durch das Glasdach fällt angenehm viel Tageslicht.
          Aufzucht im Markt: Durch das Glasdach fällt angenehm viel Tageslicht. : Bild: Marcus Kaufhold

          Lohner’s heißt die Partnerbäckerei, die in einem Geschäft mit Bistro und Außenterrasse unter anderem Brote mit Natursauerteig aus eigener Herstellung verkauft. Es gibt aber auch Abgepacktes von der Rewe-Tochter Glocken-Bäckerei. Salate werden im Markt frisch geschnippelt, wie überhaupt das Handwerkliche von Rewe herausgestellt wird. Hinter einer gläsernen Theke kann man zuschauen, wie die Basilikum-Bratwurst hergestellt wird.

          Glas und Holz aus heimischen Wäldern

          Bis auf Seitenriegel und Fußboden bestimmen Holz (zertifiziertes Nadelholz aus heimischen Wäldern) und Glas die Materialien. Durch das Glasdach fällt angenehm viel Tageslicht. Stützpfeiler sorgen für eine gemütliche Unterteilung. Der Neubau, der laut Rewe die höchsten Anforderungen der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, den Platin-Standard, erfüllt, sei bisher einzigartig in Deutschland und auch in Europa, heißt es.

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          Geplant hat es der Architekt Friederich Ludewig. Er leitet das Londoner Architekturbüro Acme, das im Zuge eines Wettbewerbs den Zuschlag für die Planung bekam. Die Supermarkt-Zukunft sieht der Architekt in Wohnquartieren wie in Erbenheim. Verbraucher wollten frische Produkte. Statt einmal in der Woche mit dem Auto einzukaufen, kämen sie mehrmals in der Woche zu Fuß oder mit dem Fahrrad vorbei, sagte der Architekt der „Frankfurter Rundschau“.

          Kein Nachhaltigkeitsanspruch beim Sortiment

          Beim Sortiment endet dann schon einmal der Nachhaltigkeitsanspruch. Bei Rewe in Erbenheim kann sich der Kunde Ananas-Früchte aus Übersee an einer Maschine schälen lassen. Erdbeeren gibt es nicht nur aus der Region, sondern auch aus Spanien. Jürgen Scheider, Vorsitzender der Geschäftsleitung für die Region Rewe Mitte mit rund 540 Supermärkten in Hessen und Teilen von Bayern und Rheinland-Pfalz, ist jedenfalls „auch ein bisschen stolz darauf“, wie er sagt, dass die Supermarkt-Zukunft in seiner Region beginnt. Aus 80 Mitarbeitern besteht das Team, das Stefan Zizek, bisher Chef im Rewe-Center in Egelsbach, leitet.

          Bleibt die Frage, was mit den vielen Basilikumpflanzen aus der Rewe-Farm passiert. Das Berliner Start-up ECF Farmsystems betreibt die Anlage und beliefert damit künftig die Rewe-Märkte in der Region. Die gezüchteten Barsche, deren Ausscheidungen der Dünger für die Kräuter sind, wandern in die Fischabteilungen.

          Wie Fisch- und Pflanzenzucht zusammenhängen, können sich Besucher, wenn es die Corona-Lage wieder zulässt, demnächst bei einer Führung auf dem Dach erklären lassen. Eine Landfrauengruppe steht schon auf der Anmeldeliste.

          Frisch und regional: Unter dem Glasdach gibt es ein Gewächshaus für Basilikum.
          Frisch und regional: Unter dem Glasdach gibt es ein Gewächshaus für Basilikum. : Bild: Marcus Kaufhold

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