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Filmemacher Ola Balogun : Ganz anders und doch vertraut

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Tradition und Moderne in einem Bild: Ola Baloguns Korruptionskomödie „Money Power“, 1982 Bild: Filmkollektiv Frankfurt

Er gilt als Gründungsvater des nigerianischen Films. Zu seinem 70. Geburtstag hat das Filmkollektiv Frankfurt Ola Balogun in Höchst eine Retrospektive gewidmet.

          Nigeria hat mit Deutschland ziemlich wenig gemeinsam. Warum dreht der wichtigste nigerianische Regisseur dann Filme, deren Handlung jeder Durchschnittsdeutsche kennt? Das ist die Frage, die sich den Zuschauern aufdrängt, wenn sie in Baloguns Filmen sitzen können. Wie am vergangenen Wochenende im schnuckeligen Saal des Filmforums Höchst, wo die Kurz-, Spiel- und Dokumentarfilme Ola Baloguns zu sehen waren, die das Filmkollektiv Frankfurt, eine Initiative junger Kinomacher, anlässlich des 70. Geburtstags des Regisseurs unter dem Titel „The Magic of Nigeria“ zusammengestellt hat.

          Jeden Film gucken zwanzig bis dreißig Cineasten, viele gehören zum Stammpublikum des Filmkollektivs. Alle sind gut gelaunt, unterhalten sich miteinander und mit den Veranstaltern, knabbern Erdnüsse und Bananenchips, die in Schalen auf dem Kassentisch stehen. Balogun selbst gehört leider nicht zum Publikum.

          Der nigerianische Film wuchs zum „Nollywood“ heran

          Das Filmkollektiv hat ihn zwar eingeladen, doch er interessiere sich nicht für die Vergangenheit, sagt Mitarbeitet Gary Vanisian. Seinen letzten Film hat er 1998 gedreht, heute ist er als Musiker tätig. Seinen Durchbruch feierte der Filmemacher Balogun mit „Ajani Ogun“ 1976. Der Film führte die Kultur der Yoruba-Wandertheater in den Film ein. Sein Plot erinnert ans Kasperle-Theater: Zwei arme, fröhliche Burschen wollen den reichen Bösewicht hinter Gitter bringen, der hinter der Freundin des einen her ist und diese immer wieder entführen lässt.

          „Ajani Ogun“ wurde zum ersten nigerianischen Kassenschlager. Danach wollten alle mitverdienen am Film-Business, der nigerianische Film wuchs und entwickelte sich schließlich zum heute bekannten „Nollywood“: Mit minimalem Geldaufwand dreht man stundenlange, teils bollywoodeske Filme von meist mäßiger Qualität, Nigeria ist heute der zweitgrößte Produktionsmarkt der Welt.

          Der zweite Höhepunkt des Höchster Programms ist „A Deusa Negra“, den Balogun 1978 in Brasilien drehte. Er handelt von einem Nigerianer, der seinem Vater den letzten Willen erfüllt, indem er in Brasilien nach Verwandten sucht. Seine Vorfahren wurden als Sklaven dorthin verschleppt. In Brasilien verliebt er sich, tötet in Notwehr seinen Nebenbuhler und findet zwar nicht seine alte Familie, gründet aber eine neue.

          Die drei Besonderheiten der Filme Baloguns

          Die Grundlagen von Geschichten überall auf der Welt sind die gleichen: Es geht um mutige Helden, die ein Ziel verfolgen, Hindernisse überwinden und letztlich ihren Gegenspieler besiegen. Es geht um Liebe, es geht um Gut gegen Böse. Es geht um den Tod und wie man damit umgeht. Abseits der Handlung aber haben Ola Baloguns Filme drei Besonderheiten.

          Die erste ist die Musik, die in jedem seiner Filme zu mindestens der Hälfte der Spielzeit zu hören ist. Oft musizieren die Protagonisten selbst, sie spielen auf traditionellen Instrumenten wie der Harfenlaute Kora, dem xylophonähnlichen Balafon und verschiedenen Trommeln der Yoruba.

          Die zweite Besonderheit schließt an das Musizieren an: Zentral ist für Baloguns Schaffen die Dokumentation der nigerianischen Kultur. Dies zeigt sich nicht nur in seinen Dokumentationen über Yoruba-Rituale, den Niger und die Magie Nigerias, sondern auch in seinen Spielfilmen: Minutenlang zeigt er Zeremonien, Rituale, Menschen beim Singen, Musizieren, Tanzen, In-Trance-Fallen und Mythen-Erzählen. Diese Szenen verlangsamen die Handlung, sie lassen sie in den Hintergrund treten zugunsten der Darstellung von Alltagskultur.

          Balogun feiert nicht Vergangenes, sondern die Zukunft

          Die dritte Besonderheit besteht in der Haltung, die aus den Filmen und ihren Helden spricht. Das Leben ist wichtiger als der Tod, die Gegenwart wichtiger als die Vergangenheit. Die Helden beweinen nicht die Toten, sondern beschäftigen sich mit den Problemen der Gegenwart. Ihre Traditionen schenken den Helden dabei Halt und führen sie in die Zukunft; ganz buchstäblich: Den Helden aus „A Deusa Negra“ leitet eine Göttin zum Ziel, die durch Zeremonien und Rituale mit ihm Kontakt aufnimmt. Und dieses Ziel ist eben nicht das Finden seiner alten Familie, sondern die Gründung seiner neuen.

          So gesehen, passt es gut, dass Balogun nicht zu seiner Retrospektive erscheint. Er feiert nicht die Vergangenheit, sondern baut die Zukunft. Die Schattenseite dieses Desinteresses an der Vergangenheit ist, dass von Baloguns zehn Spielfilmen nur noch fünf überhaupt erhalten sind. Dem Filmkollektiv Frankfurt gebührt Dank, dass sie den fast vergessenen Regisseur mit Unterstützung der „Cinématèque Afrique“ und vor allem der „Cinématèque française“ mit einer Retrospektive gefeiert hat.

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