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Denkmalschutz in Hessen : Restaurieren in unsicheren Zeiten

  • -Aktualisiert am

Fingerspitzengefühl: Restauratorin Natascha Schmidt bei der Arbeit in ihrem Atelier. Bild: Esra Klein

Von kleinen Gegenständen bis zu denkmalgeschützten Gebäuden – selbständige Restauratoren erhalten alte Strahlkraft. Die Corona-Beschränkungen fördern manch alten Schatz, aber auch neue Schwierigkeiten ans Licht.

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          Natascha Schmidt will sich nicht beklagen: „Ich habe während des Corona-Lockdowns zum Teil sogar mehr Aufträge erhalten“, sagt die seit 25 Jahren selbständige Restauratorin aus Dreieich-Buchschlag. Viele Menschen haben den Stillstand und die Einschränkungen dazu genutzt, Wohnung, Schränke und Stauräume aufzuräumen. Dabei ist manches zutage getreten, was der Zuwendung bedarf.

          Schmidts Schwerpunkt sind „Gemälde und gefasste Skulpturen“, bei ihr wurden vor allem historische Gemälde und ornamentale Rahmen eingereicht. Sie stehen oder hängen an den Wänden des kleinen Ateliers im Gewerbegebiet und stammen aus der Region. Nicht alles, was gewünscht wird, kann sie machen: „Unsere Aufgabe ist, das Original so gut es eben geht wiederherzustellen“, sagt sie, „aber nicht, es zu verändern.“ Einen vergilbten Firnis kann man abtragen und erneuern, abgedunkelte Farben aufhellen aber nicht.

          Den Alltagsschmutz abtragen, abgeplatzte Farbe oder die Vergoldung eines Rahmens ergänzen, fehlende Elemente per Gipsabdruck nachmodellieren und wieder einsetzen – all das gehört zu Schmidts Tätigkeiten, wie sie sagt. Vor allem aber auch Dokumentation und Aufklärung: „Wir erforschen bei jedem Objekt zuerst Herkunft, Alter, Aufbau, Schäden, sichern den Bestand.“ Fotos und Beschreibungen dokumentierten den Zustand, dann werde gereinigt, Fehlstellen würden gekittet oder fehlende Farbstellen wieder aufgebaut.

          Dem Original so nah wie möglich: In ihrem Atelier in Buchschlag restauriert Natascha Schmidt ornamentale Rahmen und historische Gemälde. Sie versucht Objekte so gut es geht wiederherzustellen, ohne sie dabei zu verändern. Bilderstrecke
          Restauration : Bei Natascha Schmidt im Atelier

          Die Corona-Einschränkungen haben bislang nicht zu Umsatzrückgängen geführt. „Es war einiges aufzuarbeiten, auch Museen haben die Zeit der Schließungen genutzt, um ihre Depots zu sichten“, sagt die Restauratorin. Hilfreich sei die neue Förderlinie der Ernst von Siemens Kulturstiftung, die seit Ende März Museen und freiberufliche Restauratoren mit Beträgen zwischen 2000 und 25.000 Euro bei Restaurierungsprojekten unterstütze, die sonst verschoben werden müssten. Zwei Ganzkörper-Portraits des Landgrafen und der Landgräfin von Hessen-Homburg aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts soll Schmidt auf Basis dieser Förderung für die Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen restaurieren.

          Kleinere Aufträge nehmen eher zu

          Doch Schmidt stellt nicht nur bewegliche Gegenstände wie Bilder und Rahmen wieder her, sie arbeitet auch an Altar-Ensembles sowie an Wand- und Deckenbemalungen in historischen Gebäuden, für kirchliche oder kommunale Auftraggeber. Und da bekommt sie mit, wie sorgenvoll viele Kolleginnen und Kollegen auf die nächsten Monate schauen. „Noch fließen die Gelder im öffentlichen Bereich, weil die Projekte bereits im letzten Jahr in Auftrag gegeben wurden“, sagt Franziska Müller, Sprecherin der Landesgruppe Hessen des Verbands der Restauratoren (VDR) in Deutschland. „Aber neue Aufträge gibt es derzeit wenige, und spätestens im Herbst, wenn die neuen Haushalte verabschiedet werden, besteht die Gefahr eines erheblichen Auftragseinbruchs.“ Privatanfragen für denkmalgeschützte Bauprojekte sind bei Müller, die sich vor allem um Baudenkmäler kümmert, schon jetzt stark zurückgegangen.

          Ob Museen, Stiftungen, kirchliche oder private Auftraggeber – bei kleineren, privaten Aufträgen sei wohl eine Zunahme zu verzeichnen, sagt die Sprecherin der hessischen Restauratoren-Gruppe. „Aber bei größeren Restaurierungsprojekten verzeichnen die Kollegen viele Anfragen nur unter Vorbehalt.“

          Zudem seien Ansprechpartner schwer zu erreichen und bei vielen Großprojekten die entscheidenden Besprechungen ausgefallen oder verschoben worden. Es gebe einen „Entscheidungsstau“. Viele Großprojekte seien zudem witterungsabhängig und oftmals erst in einem Jahr nachzuholen. „Das wird ein schwieriges Jahr für unsere Mitglieder“, befürchtet Müller.

          In einer Umfrage des Restauratoren-Verbands zu den Auswirkungen der Corona-Krise sprachen Ende April schon 73 Prozent der teilnehmenden selbständigen Restauratoren in Deutschland von einer allgemeinen Auftragszurückhaltung und Verunsicherung. Etwa die Hälfte litt zudem unter Engpässen bei der Beschaffung von Arbeitsmaterialien, und in etwa die gleiche Zahl war durch die Arbeit im Homeoffice sehr oder teilweise eingeschränkt. „Das liegt auch daran, dass unser Beruf stark frauenlastig ist“, erklärt Franziska Müller, in Hessen seien drei Viertel der Restauratoren weiblich. Viele Restauratorinnen hätten während des Lockdowns vorrangig die Kinderbetreuung übernehmen müssen. Deshalb sei es selbst dann, wenn es größere Aufträge gebe, nicht leicht, ein Team zusammenzustellen, „weil viele Kolleginnen zurzeit nicht voll arbeiten können“.

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