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Frankfurts neues Altstadt : Im Herzen der Stadt

Ein Meer aus Schieferdächern: Blick vom Domturm auf die neue Altstadt Bild: Helmut Fricke

Die neue Frankfurter Altstadt ist fertig. In sechs Jahren Bauzeit ist zwischen Dom und Römer ein Quartier entstanden, das den historischen Verlauf der Straße aufnimmt. 35 Altstadthäuser geben der Stadt ein neues Gesicht.

          Das schönste Flüchtlingshaus

          Dieses Haus war eine einzige Provokation, und als solche haben sie die alteingesessenen Frankfurter auch empfunden: Da kommt ein Flüchtling daher, kauft sich das beste Grundstück am Platze und baut darauf das prächtigste Wohn- und Geschäftsgebäude, das die Stadt je gesehen hat. Er hielt die Bauvorschriften zwar ein, nahm aber deutlich Anleihen am architektonischen Geschmack seiner Heimat. Alles an diesem Haus sagte: Bescheidenheit mag in Frankfurt eine Zier sein, aber das ist die falsche Haltung; wer seinen Reichtum nicht in architektonische Prachtentfaltung investiert, lebt verkehrt.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Rede ist von der „Goldenen Waage“, die in den Jahren 1618 und 1619 gegenüber vom Domturm am Eingang zum Krönungsweg errichtet wurde. Eine prominentere Lage war nicht denkbar. Wenn der frisch gekrönte deutsche König und römische Kaiser aus dem Kirchenportal trat, um mit seinem Gefolge den Weg zum Festmahl im Römer anzutreten, dann stand man an den Fenstern der „Goldenen Waage“ in der ersten Reihe.

          Bauherr war Abraham van Hamel, der wie viele andere als Religionsflüchtling aus den spanischen Niederlanden nach Frankfurt gekommen war und offenbar einen größeren Teil seines Vermögens mit in die neue Heimat hatte nehmen können. Der selbstbewusste Mann war Gewürz- und Farbenhändler und zugleich Zuckerbäcker und auch nach seiner Übersiedelung nach Frankfurt geschäftlich erfolgreich.

          Die „Goldene Waage“ im neuen Gewand

          Die „Goldene Waage“ war, lässt man den Fassadenschmuck beiseite, der in manchem Detail an Bauten in Abrahams Heimat Antwerpen Anleihe nahm, ein klassisches Kaufmannshaus. Im mehr als fünf Meter hohen Erdgeschoss befand sich eine Kontorhalle, die nachts mit Klappläden geschlossen wurde. Darüber lagen Wohngeschosse. Im Hinterhaus befanden sich Produktionsräume und Kammern für das Gesinde. Der Bau wurde bekrönt von einem „Belvederchen“, einer Dachterrasse, von der aus der Blick über die Dächer der Altstadt ging.

          Prominente Lage: Sobald der frisch gekrönte deutsche König und römische Kaiser aus dem Kirchenportal trat, stand er in der Regel an den Fenstern der „Goldenen Waage.“

          Die Stadt erwarb das Haus 1889 und baute es zur Außenstelle des Historischen Museums um. Die Frankfurter hatten da längst ihren Frieden mit dem auffälligen Bau gemacht, der nun eine Touristenattraktion war. Als im 2005 die Debatte um die Bebauung des Dom-Römer-Areals begann, war die „Goldene Waage“ unter den historischen Gebäuden dasjenige, dessen Wiederaufbau oberste Priorität hatte.

          Nun ist das Werk beinahe vollbracht. Da der Innenausbau noch nicht vollendet ist, müssen sich die Besucher der Neuen Altstadt noch bis zum Jahresende gedulden, bis sie die „Goldene Waage“ besichtigen können. Das war nicht von Anfang an so geplant, vielmehr haben sich die Arbeiten wegen des gewaltigen Aufwands verzögert. So hat sich das für den Bau verantwortliche Architektenbüro Jourdan & Müller Steinhauser intensiv mit der Baugeschichte des Hauses beschäftigt; wo die Quellen schwiegen, wurde mit Analogieschlüssen gearbeitet. So ist Bürogründer Jochem Jourdan beispielsweise nach Belgien gefahren, um dort Häuser aus der Entstehungszeit der „Goldenen Waage“ in Augenschein zu nehmen und Rückschlüsse für Details der Frankfurter Bauaufgabe ziehen zu können. Und an die Handwerker wurden höchste Ansprüche gestellt, etwa an die Stuckateure, die die bedeutenden Stuckdecken wiederhergestellt haben.

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