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Plan für DFB-Leistungszentrum prüfen : Rennbahn hat den Weinbergs offenbar nie gehört

Mit Pferdefuß: Wahrscheinlich war die Rennbahn nie im Besitz der Gebrüder Weinberg. Ein früheres Präsidiumsmitglied des Renn-Klubs will nun über die historische Belastung aufklären. Bild: dpa

In den Kaufverträgen finden sich keine Hinweise, dass das Rennbahn-Areal den Gebrüdern Weinberg je gehörte. Ein offener Brief an den DFB-Präsidenten soll nun erreichen, dass der Verein den Bau des Zentrums überdenkt.

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          Carl und Arthur Weinberg waren wahrscheinlich nie Eigentümer der Rennbahn im Frankfurter Stadtteil Niederrad. Das haben Recherchen dieser Zeitung ergeben. In den Kaufverträgen und im übrigen Schriftverkehr zum Verkauf der Grundstücke und Häuser der Industriellen und Kaufleute an die Stadt Frankfurt in den Jahren 1938 und 1939 findet sich kein Hinweis darauf, dass die Rennbahn den Weinbergs gehört hat. In den Dokumenten ist mithin auch keine Festlegung für die Nutzung der Rennbahn zu finden, wie sie derzeit als Argument gegen eine Nutzung des Geländes durch den Deutschen Fußball-Bund (DFB) ins Feld geführt wird. Womöglich liegt eine Verwechslung der Sportarten vor: Im Kaufvertrag mit Carl von Weinberg erkennt die Stadt den Wunsch des Verkäufers an, dass die Entwicklung des Golfsports in Frankfurt „keine Beeinträchtigung“ erfahre.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Diese Erkenntnisse stehen im Widerspruch zu der Behauptung, die Stadt habe sich 1938 „zwangsweise des Rennbahngeländes, das ursprünglich im Eigentum des jüdischen Kaufmannes Carl von Weinberg stand“, bemächtigt. So steht es in einem offenen Brief von Carl-Philipp Graf zu Solms-Wildenfels. Darin führt das frühere Präsidiumsmitglied des Frankfurter Renn-Klubs aus, dass der Kaufvertrag zwischen der Stadt und Weinberg vom 7.Dezember 1938 zudem mit dem Anspruch verbunden sei, dass das Rennbahngelände für alle Zukunft nur seinem bestimmungsmäßigen Zweck dienen dürfe, also dem Galopprennsport. Das Schreiben ist an DFB-Präsident Wolfgang Niersbach gerichtet. Solms-Wildenfels will erreichen, dass der DFB aufgrund der historischen Belastung sein Vorhaben überdenkt, das Rennbahn-Areal von der Stadt zu erwerben und dort 2016 ein Leistungszentrum zu errichten. Die Änderung der Nutzung stehe im Widerspruch zum Vermächtnis der „enteigneten, vertriebenen und später zwangsdeportierten Gebrüder von Weinberg“.

          Die Magistratsakte 9392

          Ein Sprecher von Planungsdezernent Olaf Cunitz (Die Grünen) teilte auf Anfrage mit, dass die Stadt sämtliche Akten geprüft habe. Zwar seien viele Akten im Krieg verbrannt, es gebe jedoch ein Dokument von 1949, in dem die Immobilien aufgeführt seien, die die Stadt seit 1933 von Juden erworben hat. Auch darin sei kein Hinweis auf eine Vereinbarung der Stadt mit Carl von Weinberg oder seinem Bruder Arthur zur Nutzung der Rennbahn gefunden worden. Es gebe noch nicht einmal ein Zeugnis dafür, dass die Rennbahn den Weinbergs gehört habe.

          Eine wichtige Akte hat sich den Recherchen dieser Zeitung im Institut für Stadtgeschichte zufolge allerdings doch erhalten: Es handelt sich um die Magistratsakte 9392. In der prall gefüllten Mappe ist der magistratsseitige Schriftverkehr zu den Grundstücksgeschäften der Stadt aus den Jahren 1938 und 1939 dokumentiert. Dort finden sich auch Abschriften der Kaufverträge, die die Stadt mit Carl und Arthur von Weinberg geschlossen hat. Am 7.Dezember 1938 wurde der Kaufvertrag mit Carl von Weinberg notariell beurkundet. Er verkaufte seinen Besitz für 1,375 Millionen Reichsmark an die Stadt. Dazu gehörten das Haus „Waldfried“ nebst parkähnlichem Grundstück am Gleisdreieck, der benachbarte Poloplatz, eine umfangreiche Kunstsammlung und eine Hypothek auf das Klubhaus des Golfclubs.

          Preis 400000 Reichsmark

          Nur drei Wochen später, am 30.Dezember 1938, veräußerte auch Arthur von Weinberg seinen Besitz an die Stadt. Es handelte sich um das Anwesen „Buchenrode“ nördlich der Rennbahn an der damaligen Forsthausstraße (der heutigen Kennedyallee), wie das Haus „Waldfried“ wurde es im Krieg zerstört. Insgesamt zahlte die Stadt für das 41610 Quadratmeter große Areal mitsamt Liegenschaften nur 400000 Reichsmark. Carl von Weinberg starb 1943 im italienischen Exil, sein Bruder Arthur in Theresienstadt. Arthurs Nachkommen wurde „Buchenrode“ 1952 restituiert, das Areal wurde parzelliert und bebaut.

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