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Pferdetrainer in Frankfurt : „Unser Leben war immer der Rennsport“

  • -Aktualisiert am

Familienbetrieb: Heinz Hesse sieht im Stall nach dem Rechten, Tochter Regina - hier mit Rennpferd Lee Major - sitzt bei der „Morgenarbeit“ im Sattel. Bild: Wonge Bergmann

Der Pferdesport verlässt Frankfurt: Heinz Hesse ist einer von zwei Pferdetrainern, die noch in der Stadt weilen. Er kümmert sich seit Jahrzehnten in Sachsenhausen um die vierbeinigen Athleten. Jetzt fühlt er sich vom Hof gejagt.

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          Nach und nach gehen Heinz Hesse die Nachbarn aus. Die „große Familie“ werde immer mehr auseinandergerissen, die traditionellen Zusammenkünfte zum Frühstück würden mangels Masse eingestellt. „Auf der Flucht“ seien die Kollegen, sagt Hesse. Zuletzt hat Wilfried Kujath die Konsequenzen gezogen und ist mit Sack und Pack und all seinen von ihm betreuten Pferden nach Saarbrücken gezogen. Davor hatte sich Hesses ehemaliger Schwiegersohn Toni Potters davongemacht, nach Großenkneten, wo er für einen großen Besitzer auch als Trainer arbeitet.

          „Wegen dem Fußball wird so viel Wind gemacht, dass es uns in alle Richtungen verbläst“, sagt Pferdetrainer Hesse. Grund für die Absetzbewegungen ist die Übereinkunft der Stadt mit dem Deutschen Fußball-Bund, auf dem Gelände der Galopprennbahn dessen Kompetenzzentrum zu errichten und den Pferden nur noch ein Jahr in Frankfurt zu lassen, wo sie immerhin 152 Jahre um die Wette gelaufen sind.

          Außer dem nun 76 Jahre alten Heinz Hesse im Forsthausbogen der Bahn hält bis jetzt noch Markus Münch an der Niederräder Landstraße durch. Der ehemalige Fußballprofi (Bayern München, Bayer Leverkusen) war der besseren Trainingsmöglichkeiten wegen vor ein paar Jahren von Mannheim nach Frankfurt gewechselt und hatte damals nicht unwesentlich in sein neues Quartier investiert, finanziell und was die Quantität (und Qualität) der Pferde anging. Münchs letzten Nachbarn Karl Demme hat es vor wenigen Monaten nach Köln gezogen.

          „Rennsport ist wie Opium“

          Heinz Hesse ist also der Vorletzte an einem Standort, an dem zur besten Zeit bis zu sieben Trainer ihrer Arbeit nachgingen, bis zu 160 Pferde auf ihre Leistungsprüfungen vorbereitet wurden, bis zu 30 Renntage im Jahr abgehalten wurden. 1970 hatte der gebürtige Rheinländer Hesse nach Stationen in der Schweiz und Paris seinen Lebensmittelpunkt nach Frankfurt verlagert und hier auch seine Jockeylaufbahn beendet, beenden müssen wegen eines Knackses an der Wirbelsäule. Berufsrisiko. Die logische Folge: Pferdewirtschaftsmeister, wie die Trainer heute heißen.

          Die ganze Familie Hesse lebt für die Pferde. „Rennsport ist wie Opium. Unser Leben war immer der Rennsport“, sagt Hesse voller Wehmut. Urlaub kannte er nicht. „Das ist doch ein Haufen Verantwortung. Man kann doch Pferde nicht alleine lassen. Und außerdem ist es hier draußen doch wie im Urlaub - immer an der frischen Luft.“ Und das von sechs Uhr früh an. Jeden Morgen auf die Minute pünktlich, bei Wind und Schnee, bei Regen und Nebel. Und nachmittags noch einmal zwei Stunden. Sieben Tage die Woche.

          Ehefrau Brigitte arbeitet wie all die Jahre immer noch mit im Stall, Tochter Monika gewann 1986 den Preis der Perlenkette, hierzulande die älteste und bedeutendste Auszeichnung für Amateurreiterinnen, Tochter Regina sitzt bei der „Morgenarbeit“ täglich im Sattel. Familienehre. Wegen eines Sturzes muss Heinz Hesse derzeit selbst etwas kürzertreten. Das tut mindestens ebenso weh wie die Verletzung, denn Hesse war es selbst in diesem Alter gewohnt, die Form seiner Pferde vom Sattel aus zu beurteilen. Ehrensache. Auch den Besitzern gegenüber, denen die Pferde zwar ebenso lieb, aber im Sinne des Wortes auch teuer sind.

          Bürgerentscheid über Rennbahn

          Auf mehr als 500 Siege hat es der Trainer Hesse gebracht, wobei der größte Erfolg seiner Laufbahn allerdings ein zweiter Platz war. 1983 wurde der von ihm betreute Nandino aus dem Odenwälder Gestüt Etzean nach einem großen Rennen Zweiter im Deutschen Derby in Hamburg. Schon damals wusste Hesse auf den ersten Blick: Das wird einer. Es ist das Auge, das einen guten Trainer auszeichnet, außerdem die Fähigkeit, die bisweilen merkwürdigen Eigenheiten eines Pferdes richtig einzuschätzen und sie in Energie auf der Rennbahn zu verwandeln. „Gut durchgymnastizieren“, sagt Hesse zu einem artgerechten Training. Und: „Leistungssportler muss man gut behandeln.“ Derzeit kümmert er sich nur noch um vier dieser vierbeinigen Athleten, drei davon gehören dem Stall Hexenberg, ein seit Jahren treuer Kunde von Heinz Hesse, den vierten nennt Ehefrau Brigitte ihr Eigen. Die Anzahl ist auch eine Konsequenz der Umstände.

          Irgendwann hätte es mit der eigenen Trainiererei ein biologisches Ende gehabt, ergo zieht Hesse ein freiwilliges vor. „Aber keiner kann nachvollziehen, dass es so ein Ende nehmen soll. Das ist schon ein bisschen traurig.“ Hesse fühlt sich nach 45 Jahren vom Hof gejagt. Wie seine Kollegen. Deswegen hat auch eine flapsige Bemerkung des Wirtschafts- und Sportdezernenten Markus Frank (CDU) allenthalben für Kopfschütteln gesorgt. Frank hatte behauptet, in fünf Jahren gebe es den Galopprennsport sowieso nicht mehr - warum also diese Rennbahn erhalten?

          Rennsportfreunde hingegen fragen: Warum sie aus Gründen des Prestiges zum Preis eines Schrebergartens verschenken? Ein klein wenig Hoffnung verbindet Hesse jedoch noch mit dem Bürgerentscheid im Juni. Dann können die Frankfurter selbst über das Schicksal der Rennbahn entscheiden.

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