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Remo Kell : Entspannt bis in die Unterlippe

  • -Aktualisiert am

Mann der Magie: Remo Kell. Bild: Kaufhold, Marcus

Mit seinem eigenen Theater hat sich Remo Kell einen Traum erfüllt. Als Zauberer tritt er dort drei Mal in der Woche auf. Dahinter steckt harte Arbeit.

          4 Min.

          Remo Kell kann nicht zaubern, jedenfalls nicht wirklich. Er nennt sich nicht Magier, sondern Spezialist, er zeigt Tricks mit Karten, Münzen und Bechern und fragt man ihn direkt, macht er keinen Hehl daraus, dass seine Illusionen auf Geschicklichkeit und Fingerfertigkeit beruhen. Close-Up-Zauberei, das Vorführen von Tricks ganz nah am Zuschauer, ist Remo Kells Spezialität.

          Vor einigen Wochen eröffnete der 40 Jahre alte Mann sein eigenes Theater, das „Black Rabbit“, im Restaurant „Buzzano“, gleich hinter der Alten Oper. Donnerstags, freitags und samstags zeigt er dort seine Tricks, die Show dauert etwa eine Stunde. Seit mehr als 20Jahren verdiene er hauptberuflich mit Illusionen sein Geld, aber das eigene Theater, nur für ihn, das sei sein Traum gewesen.

          Er bietet das „Show-Du“ an

          Sphärische Musik tropft aus den Lautsprechern, als die Gäste den Theaterraum betreten. Sie setzen sich in die schweren, rot-schwarz gemusterten Samtsessel. 33Zuschauer haben Platz, Sessel an Sessel, die hinteren Reihen ansteigend. 25Besucher sind an diesem Abend gekommen, die meisten waren vorher im Restaurant essen, italo-amerikanische Küche in gehobenem Ambiente. Viele haben sich einen Drink mit zur Show genommen. Intim ist es in Kells Zaubertheater, das Zimmer hat in etwa die Größe eines halben Tennisplatzes. Das soll so sein, sagt Kell, seine Tricks finden im Kleinen statt. Damit die Illusion funktioniere, müsse der Zuschauer genau sehen können, was vorne passiere.

          Die Musik endet abrupt, als der untersetzte Mann mit dem Kugelbauch mit der Show anfängt. Er bietet den Gästen das „Du“ an, jedoch mit Einschränkungen. Golf spiele er, neulich sei ihm bei einem Turnier von einem älteren Herren das „Tages-Du“ angeboten worden, daher biete er heute das „Show-Du“ an. Anekdoten wie diese gibt es oft in Kells Zaubershow, sie halten die einzelnen Tricks zusammen, sorgen für Lacher, unterhalten zusätzlich. Ständig bindet er sein Publikum in die Show ein, antwortet auf Zwischenrufe, bittet um Assistenz bei Tricks. Eine junge Frau soll sich eine Karte aussuchen, aus einem Kartenfächer, den Kell locker aus dem Handgelenk schüttelt. Die Karte soll sie dem Publikum zeigen, ohne dass er erkennen kann, welche es ist, sie dann wieder zurückschieben. Die Zuschauer meinen, den Trick zu kennen, manch einer lacht hämisch, als der Zaubertrick scheinbar schief geht. Remo Kell hat aus dem Stapel die falsche Karte gewählt, zerreißt sie frustriert, legt die Schnipsel aufeinander. Wie nebenbei bittet er einen Mann, der besonders laut gelacht hat, die Schnipsel aufzuheben, die sich dann als zusammengefaltete, unversehrte Karte mit dem jetzt richtigen Wert entpuppen.

          Mit zehn Jahren sah er den ersten Zauberer

          „Ich mag die Zauberer nicht besonders, die ins Fernsehen gehen“, sagt Kell, „als ob da einer wirklich sechsRichtige vorhersagen könnte“. Wenn einer wirkliche Magie beherrschen würde, der würde doch in Tibet sechsMeter über dem Boden schweben, nicht im Fernsehen Löffel verbiegen. Gute Illusionen, das sei das Ergebnis von viel Übung, harter Arbeit, und jeder Menge Erfahrung. Für den Zuschauer gehe es aber nicht um die Technik, da zähle nur der Effekt, die Unterhaltung.

          In einem Sommerurlaub auf den Kanaren sah Kell zum ersten Mal einen Zauberer, zehn Jahre war er da alt. „Dann habe ich den halt die nächsten zweiTage so lange genervt, bis er mir ein paar Tricks beigebracht hat“, sagt er, auch wenn auf seiner Website etwas anderes steht. Dort spinnt Kell ein Seemannsgarn von Tasmanien über russische Gefängnisse bis hin zur Fremdenlegion. Tatsächlich reiste er als junger Mann zu zahlreichen Zauberer-Kongressen, bis er schließlich seinen Mentor kennenlernte. Dem verdanke er alles, der habe ihm alles beigebracht. Dessen Name würde den meisten Menschen aber nichts sagen, in der Zauberer-Szene aber, da sei dessen Name gleichbedeutend mit Gott.

          „Den Trick übe ich vor jeder Show, damit ich sehe, wie ich drauf bin“

          Für den schwierigsten Trick der Show lässt Kell sich von Musik begleiten, er zeigt eine Choreographie aus Kartenkunststücken. Lässt wie von Geisterhand einzelne Karten aus den Stapeln wandern, verstreicht den Stapel dann zu einer langen Reihe, die er dann zum Wogen bringt. Poetisch wirkt das, und sehr, sehr magisch.

          „Den Trick übe ich vor jeder Show, damit ich sehe, wie ich drauf bin“, sagt Kell. Fingerfertigkeit sei nicht alles, man müsse entspannt bleiben, „selbst die Unterlippe muss locker sein, sonst klappt der Trick nicht“. Mehr als ein halbes Jahr hat er an diesem Trick gearbeitet, ihn jeden Tag einige Stunden lang geübt. Ein normales Leben sei das nicht. Das könne er ja auch gar nicht führen, habe sein Vater einmal gesagt - und eine Wette angeboten. Einen Monat in der Buchhaltung des elterlichen Sportgeschäftes, mit festen Arbeitszeiten, neun Uhr morgens bis 17Uhr. Wetteinsatz war ein Monatsgehalt für diese Stelle, hielte Remo Kell durch, bekäme er es, bräche er früher ab, müsste er es seinem Vater zahlen. „Montags ging es los, am Donnerstag hab‘ ich meinem Vater schon den Scheck gebracht.“

          Keinen anderen Beruf mehr

          Den Traum vom eigenen Theater habe er schon lange gehabt, monatelang nach passenden Räumen gesucht. Eine Wohnung wollte er schon umbauen, da habe ihn ein Freund angesprochen, Ahmed Yavuz, der Chef des „Buzzanos“. Die Einrichtung des Restaurants spielt mit dem Thema Mafia, den 50er Jahren in Chicago oder New York. Da würde das „Black Rabbit“ doch wunderbar passen, habe sein Freund gesagt. Und wenn der Zuschauer wolle, könne er vorher was essen oder nach der Show noch ein Bier trinken, so würden alle profitieren.

          Kell ist 40 Jahre alt, etwas anderes als Zaubern will er nicht mehr machen. „Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man nicht mehr zurück kann“, sagt Kell. Bewürbe er sich auf einen normalen Beruf, würde doch jeder ablehnen, wenn im Lebenslauf zu lesen sei, Berufserfahrung: 30 Jahre Zauberkünstler. Dabei hat Kell einen Beruf erlernt, einen, den andere als normal bezeichnen würden. Direkt nach dem Abitur hat er eine Kaufmannslehre gemacht, auch, um die Eltern zu beruhigen. „Aber schon da war mir klar, dass ich das niemals arbeiten werde.“ Bewunderung habe er für Menschen, die jeden Tag ins Büro gingen. Er hat drei Mal in der Woche eine Show, dann noch ein paar Betriebsfeste oder Weihnachtsfeiern, auf denen er auftrete, das reiche ihm. Und natürlich übe er täglich. Aber wer könne schon von sich sagen, tatsächlich seinen Traum zu leben. Ganz ohne Magie.

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