https://www.faz.net/-gzg-9tn7i
Bildbeschreibung einblenden

„Remake“-Frauenfilmtage : Das etwas andere Festival

Dreierteam mit Kamerablick: Gaby Babić, Karola Gramann und Heide Schlüpmann leiten „Remake“. Bild: Francois Klein

Die Kinothek Asta Nielsen wird 20 Jahre alt und feiert mit „Remake“ die zweiten Frankfurter Frauenfilmtage. Das Bewusstsein für Geschichte aus weiblicher Perspektive steht dabei ebenso im Vordergrund wie der historische Blick auf den Film.

          3 Min.

          Die Buchstaben leuchten rot, pink, grün, jeder anders geformt: „Remake“ prangt an der Wand über dem Sofa in der Kinothek Asta Nielsen. „Echtes Neon“, versichert Karola Gramann – nicht irgend so ein LED-Substitut. Das Material ist essentiell. Da, und nicht nur da, sind sich Gramann, Heide Schlüpmann und Gaby Babić sehr einig. Auch wenn sie durchaus auch digitale Kopien eines seltenen Werks zeigen, ja, mit ihren Restaurierungsprojekten immer auch dafür sorgen, dass ein filmisches Werk auch digital wieder zugänglich gemacht wird: Das echte Filmmaterial, die Pflege und Wiederentdeckung des Filmerbes ist das Herzstück der Kinothek Asta Nielsen.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das ist jetzt auch wieder so, wenn mit „Remake“ die zweiten Frankfurter Frauenfilmtage von 26. November bis 1. Dezember stattfinden werden. Dafür nimmt die Kinothek in der „Pupille“, dem Kino im Studierendenhaus am Campus Bockenheim, von Dienstag an Quartier mit Filmen, Debatten und sogar einer Kinderbetreuung. Zwei riesige 35-Millimeter-Projektoren werden ins Schauspiel Frankfurt verfrachtet, um in einem „Cineconcert“ am 28. November den Stummfilm „Hindle Wakes“ von 1926/27, ein ganz und gar außergewöhnliches Werk, mitsamt einer neuen Vertonung durch Maud Nelissen aufzuführen. Die Komponistin am Klavier hat ein ganzes kleines Orchester dabei, das dem Jahrmarktsvergnügen der jungen Baumwollarbeiterin Fanny die richtigen Töne beigeben wird. Maurice Elveys Film, der echte Drehorte mit dem Emanzipationsdrama Fannys und sehr viel schrägem Humor verbindet, ist schon beim ersten Festival „Remake“ im kleinen Rahmen gezeigt worden und stieß auf so viel Interesse, auch unter Filmwissenschaftlern, dass der Film jetzt einfach noch einmal und ganz groß in Szene gesetzt wird.

          Geschichte aus weiblicher Perspektive

          Nicht nur da ist „Remake“ anders als andere Festivals – und heißt deshalb wohl auch nicht so. Es sind Frauenfilmtage, von den dreien gleichberechtigt konzipiert, wobei auch einiges wieder verworfen worden ist, wie Heide Schlüpmann sagt. „Licht“ etwa von Barbara Albert (2015–17) wird das Festival schon am Dienstagnachmittag eröffnen, dafür ist „Marie Antoinette“ von Sofia Coppola gestrichen worden – es sollte nur ein Historienfilm für „Herstory“ stehen. Um Geschichte aus weiblicher Perspektive nämlich dreht sich der Schwerpunkt des zweiten Festivals. Historienfilm, Rückblicke auf Kolonialgeschichte, Frauenbewegung, verworfene Utopien sind Teile des Programms, das wieder, wie schon 2018, ein historisches Festival vorstellt, diesmal das osteuropäische „Kino Women International“ von 1987–1990, dessen Gründung einst Gramann beiwohnte und das am 28. November mit drei herausragenden Beiträgen in Erinnerung gerufen wird. Und mit der Filmemacherin und Veranstalterin Ella Bergmann-Michel wird wieder ein hiesiges Werk neu digitalisiert und restauriert vorgestellt.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Im vergangenen Jahr hat die Kinothek, Binding-Kulturpreisträgerin 2017, neben städtischer Förderung und weiterer Unterstützung eine ausgesprochen hohe Landesförderung von 270.000 Euro bekommen, um das erste Paket des Festivals „Remake“ zu stemmen, und traf auf eine ausgesprochen positive Resonanz.

          Künftig soll „Remake“ dann alle zwei Jahre stattfinden, jedes Mal soll es einen neuen Schwerpunkt haben, immer aber mit einem historischen Blick. Schließlich steht die Kinothek seit nunmehr 20 Jahren für die Filmarbeit von Frauen in Geschichte und Gegenwart. Und dass es keine Zukunft gibt, ohne die Vergangenheit zu kennen und zu reflektieren, davon sind die Macherinnen tief überzeugt.

          Festival ohne Konkurrenzdenken

          Zu den Gründerinnen Gramann und Schlüpmann, beide in den Siebzigern, ist als nächste Generation Babić hinzugekommen, die viele Jahre das Go East Festival in Wiesbaden geleitet hat. Nun macht auch sie ein Festival der anderen Art: „Wir bleiben bei einer Leinwand und dem linearen Sehen, wir machen keine Parallel-Screenings und bieten die Möglichkeit, Gruppen zu sehen“, erklärt sie. Schlüpmann, die sich regelmäßig bei den großen Festivals ärgert, dass man zwangsläufig Filme, die parallel laufen, verpasst, legt Wert darauf, dass das Publikum nach den Vorführungen ins Gespräch kommt, und Gramann, die einst die Kurzfilmtage Oberhausen geleitet hat, sieht im Verzicht auf einen Wettbewerb eine Besonderheit – und die Chance, eine Dramaturgie ohne Konkurrenzdenken zu bieten. Dafür gibt es bei „Remake“ Raum für Austausch, Vorträge und Begegnungen mit zahlreichen Filmschaffenden, etliche Studierendengruppen reisen an, um die Filme aus allen Epochen der Filmgeschichte zu sehen, die wieder ein deutsch-englischer Katalog mit wissenschaftlichen Beiträgen begleitet, der schon vorliegt.

          „Das Schöne am Festival ist es ja, dass wir in der laufenden Arbeit weitere Aspekte aufgreifen können“, erklärt Gramann das Prinzip. So, wie die Interessen der Kinothek erst das Festivalprogramm entstehen lassen, so werden die Fäden übers Jahr weitergesponnen. Die Reihe „Remake on location“, setzte schon weit vor dem Festival Schwerpunkte, so wurde der Thementag des queeren Films, der, kuratiert von Gramann, am 29. November stattfindet, durch den Filmabend „Dykes, Camera, Action!“ schon Ende Oktober vorbereitet. Einen Tag nach dem Festival wird „Remake on location“ festgesetzt. Dann läuft „Hindle Wakes“ im Caligari Wiesbaden, nur von Maud Nelissen ohne Orchester begleitet. Mit einer kleinen Reihe zu Ella Bergmann-Michel im Januar und Februar in Frankfurt wird auch dieser Schwerpunkt des Festivals fortgesetzt. Dass die Geschichte weitergedacht wird, gilt eben auch für die der Kinothek selbst.

          „Remake“ beginnt am 26. November um 16.30 Uhr mit dem Filmprogramm, um 19.30 Uhr ist Eröffnung im Kino Pupille, Studierendenhaus, Campus Bockenheim, Frankfurt. Weitere Spielorte und Programm bis 1. Dezember im Internet unter www.remake-festival.de.

          Weitere Themen

          Konzept für lokale Ausbrüche

          Corona-Pandemie in Hessen : Konzept für lokale Ausbrüche

          Die hessische Landesregierung hat festgelegt, was bei Infektionen zu tun ist. Angesichts der Corona-Lockerungen in Hessen soll ein Präventionskonzept künftig lokal begrenzte Ausbrüche eindämmen.

          Topmeldungen

          Sozialdemokrat, Ex-Investmentbanker, Staatsdiener: Jörg Kukies hat viele Professionen.

          Finanzstaatssekretär Kukies : Macher mit Milliarden

          Mit der Corona-Krise hat Jörg Kukies noch mehr zu tun bekommen. Der Finanzstaatssekretär sitzt dem Ausschuss vor, der über die Hilfen für sehr große Unternehmen entscheidet. In der Bankenwelt hat der einstige Investmentbanker einen guten Ruf.

          Jubel und Schock bei Klopp : „Das ist unglaublich!“

          Der FC Liverpool spielt in der Premier League weiter beeindruckend erfolgreich und jagt nun sogar eine ganz besondere Bestmarke. Doch bei der Partie gegen Brighton kommt es auch zu einem Schreckmoment.

          Verfassungsschutzbericht : Erstarken die Ränder?

          Horst Seehofer legt heute den Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2019 vor. Wahrscheinlich werden Rechts- und Linksextremismus darin viel Platz einnehmen. Verfolgen Sie die Präsentation in unserem Livestream.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.