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Rekord-Triathlon in Hessen : Eiserner Wille, eiserne Waden

  • -Aktualisiert am

Im Maintal unterwegs: Dirk Leonhardt absolviert seine Radetappen zwischen Aschaffenburg und Hanau. Bild: Maximilian von Lachner

Der Weg ins Guinness-Buch der Rekorde ist holprig. Doch der Bruchköbeler Dirk Leonhardt denkt selbst nach einem Unfall nicht ans Aufgeben.

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          Ganz schön laut ist es am Ufer, als Dirk Leonhardt seine letzte Runde im Badesee in Biblis schwimmt. Seine Frau, Freunde und Nachbarn sind zusammengekommen, um ihn noch mal anzufeuern. „Das war sensationell“, sagt der Bruchköbeler. Die letzte Runde sei er absichtlich langsam geschwommen, um den Moment noch einmal zu genießen. Sogar eine Kuhglocke hat jemand ausgepackt, um Lärm zu machen und ihn zu motivieren. „Es war rührend, weil ich die Leute ja gar nicht kenne.“

          Dass er den Weltrekord für den längsten Triathlon brechen will, hatte sich in der Kleingartenanlage in Biblis schnell herumgesprochen. Viele Menschen habe er erst während der acht Tage am Badesee kennengelernt. Die letzten Meter im Wasser wurden mit dem Handy gefilmt, sie liegen schon zwei Wochen zurück. Leonhardt teilt sie auf seinem Instagram-Kanal. Dort folgen ihm schon mehr als 1500 Fans und fiebern mit, wenn er über sein Fortkommen berichtet. Nachdem er 200 Kilometer im Wasser zurückgelegt hatte, ging es am 9. Juli ohne größere Pause aufs Rad. Leonhardt fuhr über Nacht noch rund 120 Kilometer von Biblis bis zu seinem Wohnort Bruchköbel. Schluss war erst um 4.45 Uhr.

          400 Kilometer täglich mit dem Rad

          Mittlerweile hat er über die Hälfte der angestrebten 5400 Kilometer Radstrecke hinter sich gebracht. Die selbstgewählte Rundfahrt führt von Bruchköbel bis nach Aschaffenburg. Dort wechselt er die Mainseite und fährt wieder nach Norden vorbei an Frankfurt bis zu seinem Wohnort. Nach dem Wechsel auf den Sattel lief es einige Tage gut für den Athleten. Fast 400 Kilometer schaffte er täglich auf dem Rad. Obwohl der Nacken noch vom Schwimmen angespannt und die Achseln vom Neoprenanzug aufgescheuert waren.

          Aber dann kam der Schock: In einem Moment der Unachtsamkeit fuhr der Extremsportler in ein parkendes Auto. „Das war an einem Tag, an dem ich den Kopf kaum hochbekommen hab“, sagt er. Sein Nacken sei sehr steif gewesen, und die Müdigkeit habe ihm zu schaffen gemacht.

          Zum Glück sei ein Freund von der Feuerwehr dabei gewesen, der sofort Erste Hilfe leisten konnte. Dieser habe auch seine Frau Ilsa Leonhardt angerufen, um ihr Bescheid zu geben. Für alle sei das ein Schock gewesen, aber wenigstens sei nichts Schlimmeres passiert. „Die Lippe war offen, das Auto hat eine kleine Beule“, sagt Ilsa Leonhardt. Nachdem die Polizei verständigt worden war, ging es erst mal zum Arzt. Die Lippe musste genäht werden. Die Kieferchirurgin hat ihm anschließend zwei Tage Ruhe verordnet. „Er wollte die Runde eigentlich fertigfahren, aber das habe ich ihm verboten“, sagt seine Frau.

          „Nutella-Brote gibt es immer noch“

          An dem Tag habe sich ihr Mann dann auch ausgeruht. Am nächsten Morgen aber ist Leonhardt schon wieder auf den Sattel gestiegen – wenn auch mit verringertem Pensum. „Wir haben uns geeinigt, dass er nicht mehr nachts fährt, damit er fünf, sechs Stunden Schlaf bekommt und nichts mehr passiert“, sagt seine Frau. Deshalb fährt er nur noch 300 Kilometer täglich.

          Die Unterstützung von Freunden und Familie ist dadurch nicht weniger geworden. „Nutella-Brot gibt es immer noch“, sagt Ilsa Leonhardt. Vor jedem Zwischenstopp in Bruchköbel gebe ihr Mann Bescheid, was er haben möchte – Buttertoast, Käse-Schinken-Brötchen oder Hähnchenbrust. Die verlässliche Essensversorgung ist auch dringend nötig: 15 bis 16 Stunden sei er jeden Tag auf dem Rad unterwegs. Und durch das Schwimmen habe er drei Kilogramm abgenommen, berichtet Leonhardts Frau.

          Viel Unterstützung, auch von einem Doppelgänger

          Wie am Badesee begleiten ihn auch auf der Radstrecke häufig Freunde, Arbeitskollegen und Bekannte. Immer öfter melden sich aber auch Fremde bei dem Extremsportler, die ihn bei dem Vorhaben unterstützen wollen. Erst diese Woche habe ihn ein Siebenundsiebzigjähriger aus Bruchköbel auf dem Rad begleitet, obwohl sie sich nicht kannten. Am Montagabend sei ein Sportzahnarzt – ebenfalls Triathlet – aus Dreieich nach Bruchköbel gefahren, um ihm die Fäden an der Lippe zu ziehen. „Einfach, dass ich noch eine Runde mehr fahren kann“, sagt Leonhardt. Auch dem Physiotherapeuten, der seinen Nacken behandelt habe, sei er zuvor noch nicht begegnet. Mit so viel Unterstützung habe er nicht gerechnet.

          Der Rummel um den Weltrekordversuch führte noch zu einer kuriosen Begegnung. Über die Facebook-Seite des Bruchköbelers ist nämlich ein anderer Triathlet auf ihn aufmerksam geworden. Sein Name? Dirk Leonhardt. Dieser meldete sich prompt bei seinem „Doppelgänger“ und begleitete ihn kurz darauf für zwei Runden auf dem Rad.

          Die Begleitung bringe Abwechslung in seinen Tag und sporne ihn auch an. Aber viele Stunden verbringt Leonhardt auch allein. Wie motiviert er sich, dass er jeden Tag Hunderte Kilometer hinter sich bringt? Denkt er an etwas Bestimmtes? „Nein, ich brauche das gar nicht.“ An der Strecke sammle er viele Eindrücke von der Umgebung: Menschen, „schöne und hässliche Hunde“ oder auch mal ein Kaninchen, das ihm über den Weg laufe. Das sei ein großer Unterschied zum Schwimmen: „Da war ich mit mir komplett allein im Wasser drin.“ Der Hintern sei zwar etwas in Mitleidenschaft gezogen worden, und die Knie schmerzten ein wenig, aber das sei nicht dramatisch. „Ich genieße das aktuell.“

          Anfang nächster Woche will Leonhardt 5400 Kilometer auf dem Rad hinter sich gebracht haben. Dann stehen noch 1320 Kilometer zu Fuß bevor. Zwei Marathons muss er im Schnitt jeden Tag auf einer Strecke rund um Bruchköbel laufen. Denn sein Sohn soll Mitte August eingeschult werden, und bis dahin soll er fertig sein – zumindest, wenn es nach seiner Frau geht. Sie bleibt zuversichtlich: „Es könnte klappen.“

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