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Reklamefilmpreis in Frankfurt : Scham und Scheinwerfer

  • -Aktualisiert am

Ausgezeichnet: Die Moderatoren Susanne Pätzold alias Verona Feldbusch und Roberto Cappelluti mit dem Laudator Guido Heffels (Agentur Heimat) und dem Regie-Preisträger Marc R. Wilkins (von links). Bild: Kretzer, Michael

Wenn es um die Präsenz in der Kreativszene geht, ist Frankfurt in diesen Wochen bestens dabei: Nach den MTV Music Awards folgte jetzt die erste Ausgabe des neuen Reklamefilmpreises im Schauspiel Frankfurt.

          Gut, dass es Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU) zu Beginn noch mal gesagt hat: „Alle sind aufgerufen, mehr für die Kreativität zu tun!“ Er meinte damit die Städte. Doch wenn es um die Präsenz der Kreativszene geht, ist Frankfurt in diesen Wochen bestens dabei. Auf die European Music Awards und die Visionale folgt schon bald die Biennale des bewegten Bildes. Und am Samstagabend wurde der Werbebranche der rote Teppich ausgerollt, um deren Kurzfilmer im Schauspiel mit dem Reklamefilmpreis zu bedenken, bisher bekannt als VDW-Award.

          In 15 Kategorien von Sound Design über Maske und Schnitt bis zur Königskategorie, dem besten Werbefilm dieses Jahres, wurden jeweils die kreativen Köpfe von Agentur und Produktionsfirma dafür ausgezeichnet, dass sie Werbeblöcke zumindest streckenweise zu einem Zeitfenster für die Darstellung von zum Kauf anregender Kunstfertigkeit gemacht haben. Dass das Spektakel eher dürftig geriet, lag ausdrücklich nicht an den größtenteils auf überragende Ideen zurückgehenden Filmen, von denen drei je Kategorie von einer Fachjury nominiert worden waren.

          Grabesruhe auf den rotsamtenen Sitzen

          Vielleicht hätten die Veranstalter bei der Planung ihre Kreativität selbst ein wenig mehr sprudeln lassen können. Dann wäre vermutlich nicht entschieden worden, dem an Geist nicht armen Moderator Roberto Cappelluti eine Verona Feldbusch zur Seite zu stellen, beziehungsweise, und das sollte der Gag an der Sache sein, Susanne Pätzold, die ihrerseits für das Comedy-Format „Switch“ die Verona immer glänzend gegeben hat. Weil die letzten Lacher über die Grammatikschwäche der einstigen Spinatwerbeikone aber vor schätzungsweise zehn Jahren verhallt sind, herrschte auf den rotsamtenen Sitzen im Großen Saal denn auch Grabesruhe.

          Durch die Sparsamkeit vieler Kunden befinden sich laut Guido Heffels unter den in Krisenzeiten produzierten Spots eine Menge „Totgeburten“, was den eher schlecht gelaunten Geschäftsführer der Berliner Werbeagentur Heimat zu seinem „Plädoyer für eine neue Art der Zusammenarbeit“ zwischen Kunde und Regisseur inspirierte, welches er dann statt einer Laudatio mit der Jacke über dem Arm ins Mikrofon sprach.

          „Ihr verarscht mich doch alle hier“

          In der Kategorie „Beste Regie“ ging der Preis an den Schweizer Marc R. Wilkins für den im Auftrag einer dänischen Verkehrsgesellschaft gedrehten, urkomischen Film „The Bus“ - als persönlich anwesender Preisträger war er übrigens Vertreter einer Minderheit.

          Unter den zum Teil auffällig uninspirierten Laudatoren markierte Sabrina Setlur den Tiefpunkt, obwohl die Sängerin mit Lokalkolorit und Erfahrung im Scheinwerferlicht doch für ein wenig Glamour hätte sorgen können, den man sich angesichts der pompösen Aufmachung der Show gewünscht hatte. Ihr holpriges Referat über die Bedeutung der Musik im Werbefilm unterbrach Setlur aber jäh, um ein „Ihr verarscht mich doch alle hier“ loszuwerden. Woraufhin die Laudatio kurzerhand von Pätzold gerettet werden musste, deren Feldbusch-Nummer durch den hohen Fremdschäm-Faktor der Protagonisten im Laufe des Abends immer mehr an Witz gewann.

          Mit kreativer Leistung den Baumarkt interessant machen

          All dessen ungeachtet, war auf der Leinwand über der Bühne zu sehen, welche kreative Leistung den Nominierungen und Auszeichnungen vorangegangen waren. Allerdings stammt die nur in einem Fall aus Frankfurt: Kameramann Martin Schmid nahm für die Agentur Ogilvy und den Spot „Einfach nur Kind“ (Jako-O) einen Preis entgegen. Und wem es, wie dem Team um Heffels Agentur Heimat, gelingt, mit einem bis ins Tausendstel perfekten Kunstprodukt den baldigen Besuch eines Baumarkts unbedingt notwendig erscheinen zu lassen, der darf fünf Kategorien inklusive der des „Besten Reklamefilms“ für sich entscheiden.

          Oder, wie es „Verona“ formulierte: „Ihr habt es allen doll verdient.“

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