https://www.faz.net/-gzg-9rz0e

Urlaub mit Folgen : Albtraum auf der Autobahn

Scheinbar endlos: Weit und breit bewegt sich nach einem langen Wochenende auch über Stunden kaum etwas. (Symbolbild) Bild: dpa

Reisen von der Nordsee in den Taunus können keineswegs nur mit der Bahn zur Tortur werden.

          2 Min.

          Ein Blick in den Kalender wäre schlau gewesen. Dann hätten wir vielleicht erkannt, dass Sonntag, der 6. Oktober, am Ende eines langen Wochenendes liegt. Und dann hätten wir uns eine rund zehnstündige Rückfahrt mit dem Auto von Norddeich nach Hofheim ersparen können. Es ist nämlich keineswegs so, dass ausschließlich Bahnfahrten von der Nordsee in den Taunus gigantisch schiefgehen können – wie Ende August über einen „Höllenritt“ von Sylt nach Hofheim nachzulesen war.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Urlaubswoche gefiel uns bestens. Gebucht hatten wir von Sonntag bis Sonntag, weil die Ferienwohnung nicht anders zu haben war. Eigentlich fahren wir lieber von Samstag bis Samstag. Die Hinfahrt eine Woche zuvor war aber rekordverdächtig verlaufen: Für die rund 520 Kilometer brauchten wir als Familie mit zwei Kindern vier Stunden und 15 Minuten. Das lag weniger am Turbo-Stil des Chauffeurs, sondern vor allem daran, dass wir um kurz vor vier in der Nacht aufbrachen. Siebengebirge und Köln passierten wir auf der A3 rasch, und hinter Oberhausen wartete nur noch der Ostfriesenspieß auf uns, den manche A31 nennen. Hätten wir einen Tempomaten, wäre die Tachonadel auf 170 fixiert worden. Doch auch so kamen wir zügig und entspannt voran – zuweilen minutenlang mit Fernlicht.

          Warum sollte das auf dem Rückweg anders sein? Um es vorwegzunehmen: wegen des langen Wochenendes eben und der diesmal gewöhnlichen Reisezeit. Aber das ahnen wir so noch nicht, als wir, entschleunigt von der Insel Juist, auf der es bis auf Rettungsfahrzeuge keine Autos, sondern Pferdekutschen gibt, um 10.15 Uhr am Sonntag in Norddeich den Zündschlüssel drehen. Die ersten Kilometer gehen über Land, das zieht sich, ist aber kein Problem und nach Dutzenden Fahrten an die Küste bekannt.

          Schritttempo und Baustellen

          Stutzig werden wir erst nach wenigen Kilometern auf der A31. Von wegen Tempomat. Schritttempo! Mindestens drei Baustellen in kurzem Abstand zwingen die Autos gut zwei Kilometer vor der Halbierung der zwei Fahrbahnen in den Stop-and-go-Modus. Die im Gedenken an die Granatenhinfahrt geschätzte Ankunftszeit von 15.30 Uhr in Hofheim wäre schon um 12 Uhr nur noch durch Raketenantrieb zu schaffen.

          Und woran liegt es eigentlich, dass es in Deutschland nie gelingt, ein vernünftiges Reißverschlussverfahren zu praktizieren? Hunderte Meter vor dem Ende der linken Spur ziehen alle hektisch nach rechts und gucken dann böse, wenn man erwartet, passgenau in die Spur gelassen zu werden. Zeitweise schleichen wir mit Tempo 30 durch die Baustellen, auf denen nirgends ein einziger Arbeiter zu sehen ist. Die paar Baumaschinen scheinen sich in der kilometerlangen Einsamkeit zu langweilen. Andere müssen doch sonntags auch malochen.

          Zu Pferd über die Autobahn?

          Um viertel vor vier machen wir Fahrerwechsel. Da sind wir noch nicht lange auf der A3. Seit fast zwei Stunden schüttet es, die Kinder haben geschlafen, gelesen, Musik gehört. Als Beifahrer lerne ich von meiner Jüngeren, dass ein Fjordpferd keineswegs auf Norwegisch wiehert, sondern sich durch eine aufrecht stehende Mähne auszeichnet. Kurz vor Leverkusen stehen wir wieder. Mit Tausenden anderen. Weil angeblich keiner unserer Staus an diesem Tag länger als drei Kilometer ist, erfahren wir davon weder im Internet noch im Radio. Ich trete der Idee näher, fortan weder per Bahn noch per Auto zu reisen, indem ich Details aus dem Pferdequartett erfrage. Wie lange braucht eigentlich ein Fjordpferd von Norddeich bis Hofheim?

          Um kurz vor 18 Uhr sind wir bei Bad Camberg. Der Verkehr stockt. Uns reicht’s. Wir verlassen die Autobahn und suchen uns einen Gasthof in Idstein. Als wir anderthalb Stunden später gestärkt auf die letzten 30 Kilometer gehen, ist der Tag nur noch halb so schlimm. Um 20 Uhr schließe ich die Haustür auf. In den nächsten Ferien bleiben wir zuhause. Da ist es auch schön.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

           Unsere Sprinter-Autorin: Anna-Lena Ripperger

          F.A.Z.-Sprinter : Alte gegen neue SPD

          Auf dem Parteitag der Sozialdemokraten kommt es zum Showdown um den stellvertretenden Parteivorsitz, während in Frankreich abermals gestreikt wird. Wo es heute sonst noch spannend wird, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.