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Pionier der Reha-Szene : Wo die Leute gerne leiden

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„Ich glaube, dass wir das Aqua-Jogging erfunden haben“: Gebel in seinem Studio in Offenbach Bild: Rainer Wohlfahrt

Zu ihm kamen früher die Spieler des FC Bayern, heute kuriert er auch jene, die sich beim Hobbysport Blessuren holen. Reinhard Gebel ist in der Reha-Szene ein Pionier.

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          „Thomas, das machst du Weltklasse“, ruft Reinhard Gebel quer durch den Trainingsraum im Sporeg-Reha-Center in Offenbach. Der angesprochene Patient lacht. Und verliert darüber fast sein Gleichgewicht, denn er balanciert gerade auf einem Bein auf dem sogenannten Wackelkissen, einem klassischen Übungsgerät zur Stabilisierung der Beinmuskulatur. Reinhard Gebel scherzt gern mal mit den auf Rotationsgeräten, Beinpressen und Wackelkissen angestrengt trainierenden Kunden. Dann herrscht im Nu gelöste Stimmung in dieser Einrichtung, die auf eine fast vierzigjährige Geschichte zurückblickt.

          Was für eine Geschichte das ist, sieht man an den Wänden der Gänge zu den Umkleidekabinen, auf dem Weg zum Trainingsraum oder am Empfang. Hunderte von Porträtfotos und Autogrammkarten hängen da: „Für Reinhard, weil er das Unmögliche möglich machen musste“, ist auf dem Foto der Ex-Frau eines früheren Frankfurter Verlegers zu lesen. Nur ein Beispiel unter vielen. Vornehmlich kommen die Danksagungen von Fußballprofis, von Berühmtheiten wie Thomas Berthold, Lothar Matthäus oder Rudi Völler. Sie alle waren hier, waren bei Reinhard Gebel und seinem damaligen Compagnon, Dieter Ehrich. Auch Hugo Maradona hat sich bei Sporeg (Sport und Regeneration Ehrich und Gebel) behandeln lassen, der Bruder des großen Diego und ebenfalls Fußball-Profi. Und selbst Diego Maradona war angemeldet. „1991 war das“, erzählt Gebel. „Aber just am Abend vorher sahen wir im Fernsehen, wie Diego Maradona wegen Kokainmissbrauchs abgeführt wurde. Und da wussten wir, dass das wohl nichts wird.“

          „Was anderes gab es nicht“

          1979 beginnen die diplomierten Sportlehrer Gebel und Ehrich mit ihrer gezielten Reha-Arbeit. Beide sind zu diesem Zeitpunkt Mitarbeiter im Deutschen Sportbund, beim Bundesausschuss Leistungssport. Zu ihren Aufgaben gehört die Beobachtung der Olympiateilnehmer von Montreal 1976. Dabei fällt ihnen auf, dass Spitzenathleten selbst nach kleineren Verletzungen nicht mehr die olympische Norm schaffen. Die beiden studieren, analysieren und identifizieren ein grundlegendes Defizit: die falsche Nachbehandlung. „Man hat Krankengymnastik gemacht. Was anderes gab es nicht“, erzählt Gebel. „Und für Hochleistungssportler war das absolut unterdosiert. Da wurde ein operiertes Knie acht bis zehn Wochen eingegipst. Und dann nahm man den Gips weg und sah ein versteiftes Kniegelenk, aber keine Muskulatur.“

          Hier setzen er und sein Partner an. Mit gezieltem Muskelaufbautraining. „Eine frühe Funktionalität entwickeln“ heißt es im Fachjargon. Und es kommt auf die richtige Dosierung an. „Ein Muskel, der zwölf bis 13 Zentimeter an Umfang verloren hat, kann auch nicht voll belastet werden.“ So entwickeln die beiden Pläne für verletzungsspezifische Behandlungszyklen von mehreren Wochen bis zu einem halben Jahr.

          Jeden Tag in den Pool

          Mit Peter Berg vom damaligen Zweitligisten Kickers Offenbach kommt bald der erste Fußballprofi. Die Therapiestrategien des Duos Gebel/Ehrich schlagen ein. Wie ein Lauffeuer spricht sich das in Fußballerkreisen herum. Schon 1981 begleiten die beiden den damals hochgehandelten Linksaußen Werner Dreßel mit ins Trainingslager des 1. FC Nürnberg nach Spanien. Dreßel laboriert noch an den Folgen einer komplizierten Knieverletzung. „Ich glaube, dass wir mit ihm damals das Aqua-Jogging erfunden haben“, sagt Gebel. „Wir hatten ja kaum eigene Trainingsgeräte, aber wir wussten, dass man auf die Muskulatur mit Bewegung und Widerstand einwirken muss und stellten ihn jeden Tag in den Pool.“ Der „Spiegel“ wird aufmerksam und stellt die beiden 1986 als „Fitmacher der Nation“ vor.

          Erste Publikationen über die heute offiziell sogenannte Erweiterte Ambulante Physiotherapie (EAP) erscheinen, Sporeg wird zu einer bundesweit bekannten Institution. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, damals bereits Mannschaftsarzt des FC Bayern München, kontaktiert daraufhin Gebel. Davon nimmt auch Bayern-Manager Uli Hoeneß Notiz und legt das Angebot vor, auf dem Vereinsgelände an der Säbener Straße eine Kombination aus Arztpraxis und Reha-Bereich aufzubauen. „Aber wir wollten nicht durch den Haupteingang von Bayern München erreichbar sein und lieber selbständig bleiben.“

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