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Krach am Schauspiel Frankfurt : Macht und Theater

Im Zentrum der Kontroverse: Regisseur Ulrich Rasche Bild: dpa

Es rumort am Schauspiel Frankfurt. Regisseur Ulrich Rasche soll „einschüchterndes Verhalten“ an den Tag gelegt haben. Ob er wirklich zu weit gegangen ist, können Außenstehende schwer beurteilen.

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          Im Theater geht es um große Gefühle und grundlegende Themen wie Liebe, Tod, Gewalt, Macht, um hohe Ideale und menschliche Abgründe, das Individuum und die Masse, Schicksal und Selbstbestimmung. Man könnte noch lange fortfahren. Immer mit den entscheidenden Lebensfragen beschäftigt zu sein, dauernd um einen richtigen Ausdruck für menschliche Grenzerfahrungen zu ringen, bei jeder Probe unter Spannung zu stehen, das zehrt an den Nerven. Aber an den Bühnen sorgt der permanente emotionale Ausnahmezustand erst für die normale Betriebstemperatur. Was auch damit zu tun hat, dass Regisseure ihre je eigene Sichtweise, ihre ästhetischen Ansprüche, ihre Deutung eines Stoffs durchsetzen wollen. Jeder auf seine Weise.

          Dass dazu verbale Ausfälligkeiten, Demütigung von Schauspielern, verletzende Psychospielchen nicht mehr gehören sollten, ist mittlerweile Konsens. Ganz zu schweigen von sexuellen Übergriffen. Das wirft der Frankfurter Intendant Anselm Weber dem Regisseur Ulrich Rasche auch nicht vor. Einschüchterndes Verhalten bei der Erarbeitung der „Perser“ aber schon, gestützt durch einen Schauspieler aus dem Ensemble, der entsprechende Erfahrungen seiner Kollegen artikuliert hat.

          Zur Rache blasen

          Dabei zählte die Inszenierung des Aischylos-Stücks zum Besten, was am Frankfurter Schauspiel in den vergangenen Jahren gezeigt wurde. Und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Rasche bei jeder Produktion alles daransetzt, seine Vorstellung von Qualität zu realisieren. Ob er dabei zu weit gegangen ist, können Außenstehende schwer beurteilen. Und selbst unter den Darstellern wird es welche geben, die Autorität, selbst wenn sie überstrapaziert wird, um des Ergebnisses willen akzeptieren. Und andere, die das unmöglich finden.

          Wenn jetzt ans Licht gekommen ist, dass es Reibereien gab, womöglich auch solche, die über das erträgliche Maß hinausgingen, hat dies mit einem offenbar tief getroffenen Intendanten zu tun. Rasche hatte sich öffentlich über das Schauspiel beklagt. Dessen Chef blies zur Rache und stellte ihn als einen Berserker-Regisseur dar.

          Bisher hat er sich nicht dazu geäußert. Der Mann mit dem effektvollen Regiestil, den manche mit der Musik von Rammstein vergleichen, zählt gewiss zu den interessantesten Inszenierungskünstlern der Gegenwart. Das Frankfurter Schauspiel kann auf derlei außergewöhnliche Ästhetiken nicht verzichten, will es nicht ins Mittelmaß abrutschen. Was man dafür auszuhalten bereit ist, entscheidet letztlich der Intendant.

          Michael Hierholzer
          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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