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Theater in Frankfurt : Die Liebe und der Tod

„Theater tröstet“: Luk Perceval im Bockenheimer Depot. Bild: Cornelia Sick

Er inszeniert im Bockenheimer Depot für das Schauspiel Frankfurt „Mut und Gnade“. Ein Gespräch mit Luk Perceval über das Theater als Ort für Rituale.

          Er hat das Thema Demenz auf die Bühne gebracht. Und das des männlichen Sexualnotstands. Jetzt geht es um Liebe und Tod. Ein Stoff für Kitschromane. Für rührselige Schmonzetten. Das Material aber auch, aus dem Richard Wagners „Tristan und Isolde“ ist. Und zahllose Werke der Hochliteratur. Irgendwo zwischen Rührstück und ernsthafter Auseinandersetzung mit den Tatsachen des Lebens ist Erich Segals Roman „Love Story“ angesiedelt. Auf eine geradezu puristische Art und Weise spielt er die Motive durch, der auf seiner Grundlage entstandene Film mit Ali MacGraw und Ryan O’Neal entfaltet dank seines Fokus auf die große Liebe und deren Herausforderung durch die Krankheit auch heute noch eine starke Wirkung. Die Konstellation des Stücks „Mut und Gnade“ ist im Kern die gleiche wie bei Segals Bestseller. Nur dass es vom großen Gefühl und dem unendlichen Schmerz real existierender Personen erzählt, nicht von idealtypischen Figuren.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Luk Perceval hat sich autobiographische Texte Ken Wilbers vorgenommen, des amerikanischen Autors psychologischer Werke und Begründers der Integralen Theorie, in der ein aus vielerlei östlichen und westlichen Quellen schöpfendes Bild der menschlichen Psyche gezeichnet wird. In dem 1991 erschienenen Buch „Grace and Grit“ beschreibt Wilber jedoch die Geschichte seiner späten großen Liebe. Und des Sterbens seiner Frau Terry Killam, die er 1983 kennengelernt hatte. Sie erkrankte an Brustkrebs, er pflegte sie, schrieb weniger, um für sie da sein zu können. Sie starb 1989.

          Bloß nichts über Krebs

          Ein zu Herzen gehender Stoff. Aber auch einer, der fürs Theater geeignet ist? „Die meisten Bühnen sagten: nein“, berichtet Perceval von seinen Erfahrungen, als er ihn mehreren Theatern vorschlug. „Sie haben das abgelehnt, weil sie meinten, es sei kein dramatischer Stoff.“ Das Schauspiel Frankfurt wollte ihn. Es handele sich ja tatsächlich um zwei Tagebücher, aus denen das Stück schöpfe, erläutert Perceval. Zusammen mit Chefdramaturgin Marion Tiedtke entwickelte er eine Bühnenfassung aus den beiden Vorlagen, in denen einmal aus der Warte des Mannes, einmal aus der seiner Frau die fünf Jahre beschrieben werden, in denen sie zusammenwaren. Es fange an, wie sie sich verliebten und heirateten, „nach fünf Jahren ist sie tot“, fasst Perceval die Handlung lakonisch zusammen.

          Viele habe das Thema abgeschreckt. „Um Himmels willen, wir wollen doch nichts über Krebs machen.“ Er sei jedoch der Auffassung, dass es durchaus theatral sei. „Er ist Wissenschaftler und ein Mann, der sein ganzes Leben mit Sinnsystemen beschäftigt ist, er weiß sehr viel, angesichts dieser Krankheit hat er aber keine Antwort. Und auch sie nicht.“ Sie stünden machtlos dem Nichtwissen, der Natur gegenüber.

          Percevals Erschütterung angesichts von Krebstoten in seiner Familie und seinem Freundeskreis, von Menschen, die zum Teil jung und elend an dieser Krankheit starben, ist ein wesentlicher Grund, warum es ihm so wichtig war, diese real existierende Liebe zweier Menschen im Angesicht des Todes zu inszenieren, eine absolute Leidenschaft, die in Verzweiflung und Leid kippt. „Ich dachte“, sagt der belgische Regisseur, der vor kurzem enttäuscht über die mangelnde künstlerische Freiheit im deutschen Bühnenwesen das Hamburger Thalia Theater verlassen hat, wo er Oberspielleiter war, „ich dachte, es ist die Aufgabe des Theaters, darüber zu sprechen, was wir am liebsten nicht wahrhaben möchten, und den Krebs ins Rampenlicht zu rücken, von dem so viele Menschen in unserer Gesellschaft betroffen sind. Wir schauen weg, weil es nicht zu unserer Kultur gehört, sich damit auseinanderzusetzen.“

          Kollektives Leid und Rituale

          Das Theater, sagt Perceval, sei eine rituelle Form, in der wir versuchten, den Schmerz des Lebens anzuerkennen. Darüber zu lachen. Darüber zu weinen. In Zeiten, in denen es kaum noch religiöse Rituale gebe, sei das Theater der geeignete Ort, um auf gleichsam rituelle Weise Trost zu finden. Trost? Ja, davon ist Perceval überzeugt. Dabei komme es auf die kollektive Erfahrung an. Und darauf zu erkennen, dass man nicht allein sei mit seinen Schwierigkeiten. Auch ein Buch oder ein Bild könnten Trost spenden. Aber das Theater schaffe Gemeinschaft. Das unterscheide es auch vom Kino, wo es kein lebendiges Gegenüber gebe. „Die Kraft der Gemeinschaft in der Trauer zu spüren, das fehlt uns“, sagt der Regisseur. „Weil das Theater ein kollektives Ritual ist, kann es die Vereinzelung, die Einsamkeit aufheben.“ Deshalb werde das Theater auch nie untergehen. Es sorge für eine immer exklusiver werdende Verbindung zwischen den Menschen. Die Religion könne das nicht leisten, weil sie schnell dogmatisch werde und unterscheide zwischen den Guten und den Bösen. Im Theater wisse man nicht so genau, wer nun was sei. Vieles bleibe unentschieden: „Sein oder Nichtsein, keiner weiß eine Antwort darauf.“

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          Von einem Theater, das vornehmlich Unterhaltungsbedürfnisse erfüllt, hält Perceval nichts. „So viele Menschen haben mit Krankheiten, Vereinsamung, Frust, Liebe, die gescheitert ist, zu tun. Sie brauchen die Kraft der Kollektivität.“ Und eine Auseinandersetzung mit den wirklich wichtigen Fragen. Auch auf eine verquere, schräge Weise. „Aber im Theater verschwinden die Charakterköpfe immer mehr, es soll zumeist gepflegt zugehen.“ Und die Kasse müsse stimmen: „Ich habe aufgehört, am Thalia Theater zu arbeiten, weil es Pflicht war, jeden Abend 750 Besucher zu haben.“ Ganz beglückend jedoch findet Perceval, im Bockenheimer Depot zu arbeiten, wo heute die Produktion des Schauspiels Frankfurt Premiere hat. Es sei der beste Theaterraum, den er kenne.

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