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Kommentar zu Eschborner Urteil : Zurück an den Absender

  • -Aktualisiert am

Verurteilt: Eschborns Bürgermeister Mathias Geiger, hier mit Amtskette bei einem Empfang Bild: Michael Kretzer

Mit dem Urteil wegen Geheimnisverrats wird Eschborns Bürgermeister leben können, selbst wenn er noch offenhält, ob er es akzeptiert. Der Vorgang war kein düsteres Schurkenstück.

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          Mit dem Urteil wird Eschborns Bürgermeister leben können, selbst wenn er noch offenhält, ob er es akzeptiert. Die Strafe ist weit weg von früheren, wilden Spekulationen, Mathias Geiger könne wegen seiner nächtlichen Fotosafari durch das Rathaus sogar Haft drohen. Den Rechtsfrieden wiederherzustellen, dieses Ziel eines jeden Strafprozesses, wird jedoch, wenn man die Stimmung im Gerichtssaal während der vergangenen Wochen zum Maßstab nimmt, nicht erreicht. Die Lager, Geigers Anhänger auf der einen, die seines Vorgängers Speckhardt auf der anderen Seite, stehen sich weiter unversöhnlich gegenüber.

          Der Abschluss der Affäre kommt jedenfalls viel zu spät, als dass der Prozess noch zur Meinungsbildung beitragen könnte. Zwischen dem Beginn des Ermittlungsverfahrens und dem Urteil liegen fast vier Jahre, mehr als eine halbe Amtszeit. Die justitielle Aufarbeitung ist, gelinde gesagt, unglücklich gelaufen. Zunächst wollten die Strafverfolger nicht so recht ran an eine Causa, die als Sex-Affäre durch die Medien geisterte. Dann meinte es die Staatsanwaltschaft zu gut und klagte wegen der öffentlichen Bedeutung nicht beim Amts-, sondern beim Landgericht an.

          Wichtigeres zu tun

          Die Sache landete dort, streng nach dem unumstößlichen Geschäftsverteilungsplan, ausgerechnet bei einer der hochbelasteten Schwurgerichtskammern. Deren ganz überwiegend mit Mord und Totschlag befassten Richter mussten angesichts dringenderer Prozesse die Akten zu „Eschborn-Gate“ immer wieder nach unten in den Stapel sortieren.

          Das Urteil ist daher eine viel zu späte, im Ergebnis gleichwohl angemessene Reaktion des Staates. Der Vorgang war kein düsteres Schurkenstück. Es war – von außen betrachtet – eine Provinz-Posse. Für ein künftiges gedeihliches Miteinander in Eschborn aber bleibt die Affäre eine schwere Hypothek. Wieder zu einem Miteinander der Vernunft und des Vertrauens zu kommen, diese mühsame Aufgabe müssen die Verantwortlichen der Gemeinde nun selbst leisten. Die Akten gehen daher sinnbildlich zurück an den Absender.

          Ob Mathias Geiger politisch überlebt, das liegt nun in den Händen der Bürger. Der Liberale hat schon vor Beginn des Prozesses angedeutet, er wolle zur nächsten Bürgermeisterwahl wieder antreten.

          Helmut Schwan

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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