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: Zu viel, zu fett und zu süß: Die Zahl der Diabetiker nimmt auch in Hessen zu

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Es ist wie so oft eine Verkettung mehrerer unglücklicher Umstände, die hinter einer bedrohlich wachsenden Zahl von Diabetikern mit erschreckenden Folgen steckt. Zu viele Menschen sind schlichtweg bequem und können beim Essen kaum widerstehen.

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          Es ist wie so oft eine Verkettung mehrerer unglücklicher Umstände, die hinter einer bedrohlich wachsenden Zahl von Diabetikern mit erschreckenden Folgen steckt. Zu viele Menschen sind schlichtweg bequem und können beim Essen kaum widerstehen. Neben genetischen Faktoren sind jedoch mangelnde Bewegung und Überernährung - zu viel, zu fett, zu süß - maßgeblich verantwortlich für die Entstehung von Diabetes, genauer dem Typ-2-Diabetes. Gut 90 Prozent aller Zuckerkranken leiden an dieser früher "Alterszucker" genannten Form. Doch zunehmend trifft der Typ-2-Diabetes auch junge Menschen, weshalb die Bezeichnung immer mehr aus dem Sprachgebrauch verschwindet. Kinder und Jugendliche hatten eigentlich typischerweise nur Typ-1-Diabetes, für den eine Autoimmunerkrankung als Ursache angenommen wird.

          Schätzungen zufolge gibt es in Hessen mindestens 300000 Diabetiker, viele Experten gehen sogar von 500000 Erkrankten aus. Daß der Diabetes sehr oft zu spät oder gar nicht entdeckt wird, hat schwerwiegende Konsequenzen: So wurden in Deutschland 2001 nach einer Auswertung des wissenschaftlichen Instituts der Allgemeinen Ortskrankenkasse 30000 Fuß- und Beinamputationen durch "Zucker" verursacht. Das entspricht ungefähr 70 Prozent solcher Amputationen. Etwa alle 90 Minuten erblindet ein Diabetiker wegen seines Leidens, und zirka alle 19 Minuten bekam ein Diabetiker einen Herzinfarkt.

          Mit dem Ziel, die Versorgung chronisch Kranker zu verbessern, hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr gesetzliche Grundlagen geschaffen, um spezielle Chroniker-Programme zu entwickeln. Doch noch bevor die Versicherten sich voraussichtlich im Juni für die Teilnahme an dem sogenannten Disease-Manageprogramm - kurz DMP - für "Diabetes mellitus Typ2" entscheiden können, gibt es Streit. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) in Hessen kritisiert die zwischen den Krankenkassen in Hessen und dem Hausärzteverband Anfang April unterzeichnete Rahmenvereinbarung scharf. Für die Patienten bringe der Vertrag keine Verbesserung, die Honorierung für die Ärzte sei unbefriedigend, heißt es in einem Rundschreiben des KV-Vorsitzenden Hans-Friedrich Spies an den Hausärzteverband. Und nehme man die Vorgaben für die medikamentöse Therapie ernst, werde sich die Behandlung sogar verschlechtern.

          Für die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) Hessen stellt sich die Lage indes anders dar. Man verspricht sich von den Vorgaben eine bessere Therapie. Davon sollen die Patienten gesundheitlich profitieren, Amputationen, Erblindungen und Nierenversagen beispielsweise zurückgehen. Einen Beitrags-Bonus gibt es nicht. Langfristig freilich ist mit den Chroniker-Programmen, die es in absehbarer Zeit auch für Brustkrebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Asthma geben soll, für die Kassen die Hoffnung auf Einsparungen verknüpft. So sind nach Auskunft von Gundula Schneidewind, Stabsstellenleiterin Integrierte Gesundheitsversorgung der AOK Hessen, bei ihrer Kasse 100000 Diabetiker versichert. Jeder dieser Patienten koste die Versicherung im Jahr durchschnittlich 2000 Euro.

          Wichtig sei, die Betroffenen aktiv in die Therapie einzubinden, sagt Schneidewind. Das könnten bestimmte Blutdruck- und Zuckerwerte sein, die als Ziele vereinbart würden, oder eine konkrete Gewichtsabnahme. Die Absprachen zwischen Arzt und Patient schließen auch Schulungen ein, wie Pressesprecher Riyad Salhi ergänzt. Diese vermittelten beispielsweise den richtigen Umgang mit Insulin oder die Frage: "Wie kann ich meinen Blutdruck senken?"

          Für Ärzte und Patienten ist die Teilnahme an den Programmen freiwillig. In dieser Woche werden Hessens Hausärzte - also Allgemeinmediziner und hausärztlich tätige Internisten - sowie die Diabetes-Schwerpunkt-Praxen Post von den Krankenkassen erhalten. Dann können sie sich mit einer Unterschrift verbindlich für das Programm entscheiden. Aus einer Umfrage des Hausärzteverbands unter seinen Mitgliedern sei ein großes Interesse zu schließen, berichtet Salhi.

          Zum DMP gehört auch die regelmäßige Dokumentation von Patientendaten wie Gewicht, Blutdruck oder Blutzuckerwert. Für die erste schriftliche Bestandsaufnahme erhält der Arzt 25 Euro, für die weiteren gibt es jeweils 15 Euro. KV-Vorsitzender Spies kritisiert diese Honorierung als kärglich. Er spricht vom Dumpingpreis, zu dem sensible Patientendaten an die Krankenkassen verkauft würden. Unzufrieden ist die Kassenärztliche Vereinigung auch mit den Vorgaben für die medikamentöse Behandlung, die sie für stark eingeschränkt hält. Demgegenüber stellt Schneidewind klar, man konzentriere sich auf Arzneimittel, deren Wirkungen und Nebenwirkungen in Langzeitstudien erprobt seien.

          Am besten freilich, man braucht gar keine Medikamente. Wie jedoch Menschen zu gesundheitsförderlichem Verhalten zu motivieren sind, ist bekanntlich eine schwierige und noch weitgehend ungelöste Frage. Brigitte Roth

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