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Kommentar zu Plänen in Hessen : Zu früh für ein Bürgerticket

Ob E-Ticket oder eines aus Papier: Die Debatte über ein Flatrate-Ticket für alle Bürger in Hessen hat begonnen Bild: Ricardo Wiesinger

Das Schülerticket für 365 Euro im Jahr gibt es schon, das Seniorenticket wird zum gleichen Preis eingeführt. Doch mit einer Bürger-Flatrate würde der RMV seine Kunden ins Unglück stürzen.

          Die Forderung nach einem günstigen Bürgerticket, wie sie unter Verweis auf das 365-Euro-Ticket in Wien aufgestellt wird, ist vorerst unsinnig. Mit einer solchen Flatrate-Jahreskarte – ob nun für 365, 500 oder 700 Euro – würde zumindest der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) seine Kunden ins Unglück stürzen.

          Denn im Ballungsraum sind die Kapazitäten nicht vorhanden, um eine große Zahl zusätzlicher Fahrgäste pünktlich und komfortabel ans Ziel zu bringen. Schon jetzt drängeln sich in den Hauptverkehrszeiten die Pendler in die vollen bis überfüllten S-Bahnen und Regionalzüge. Der RMV hat auch ohne Flatrate-Tarif Mühe, den hohen Fahrgastzuwachs der vergangenen Jahre zu bewältigen.

          Schienennetz merklich ausbauen

          Der wird auch ohne Bürgerticket weiter zunehmen – um 250 Millionen zusätzliche Beförderungen bis 2030. Dann werden die Bahnen und Busse im Rhein-Main-Gebiet mehr als eine Milliarde Passagiere im Jahr zu transportieren haben. Dieser Kraftakt wird nur zu leisten sein, wenn vor allem das Schienennetz merklich ausgebaut wird.

          Erst wenn diese kosten- und zeitaufwendige Pflichtübung bewältigt ist, können sich der Verbund und seine Gesellschafter, die Städte und Kreise sowie das Land Hessen, auf das Abenteuer eines Flatrate-Tickets einlassen. Würden sie diesen Schritt zu früh gehen, schüfen sie eine verärgerte und enttäuschte Kundschaft, die unter Unpünktlichkeit der Bahnen und miserablem Komfort leiden würde.

          Am Bahnsteig zurückbleiben

          Die Verkehrswende hin zu einem umweltfreundlichen öffentlichen Nahverkehr kann nur gelingen, wenn die Busse und Bahnen weitgehend pünktlich und sauber sind – und nicht überfüllt. Denn ein Fahrgast, der am Bahnsteig zurückbleiben muss, weil in seinem Zug kein Platz mehr war, wird schnell kein ÖPNV-Kunde mehr sein, sondern (wieder) das Auto nehmen.

          Das erstrebte Bürgerticket, mit dem jedermann für einen kleinen Preis möglichst in ganz Hessen unterwegs sein kann, bedarf einer Vorbereitungszeit, in der die Engpässe und Mängel behoben oder zumindest deutlich verkleinert werden müssen. Auch finanziell sind Lösungen zu finden. Denn die Einnahmeausfälle durch ein allgemeines Flatrate-Ticket können nicht vollständig durch den Zugewinn an Fahrgästen kompensiert werden. Notwendig sind neue Finanzierungsquellen – Ideen wie höhere Parkgebühren oder eine Nutzerabgabe von Anrainern wie Hotels und Unternehmen, die vom ÖPNV profitieren, sind jedoch politisch mehr als heikel.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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