https://www.faz.net/-gzg-u87y

Natur : Zecken, Läuse und der Rapsglanzkäfer

  • Aktualisiert am

Der Buchdrucker-Borkenkäfer nistet sich in Totholz ein, das er nach dem Sturm Kyrill reichlich vorfindet Bild: dpa

Wegen des warmen Winters haben in Hessens Forsten und Feldern unzählige Schädlinge überlebt, die sonst dem strengen Frost zum Opfer gefallen wären.

          Unzählige Borkenkäfer und infektiöse Blattläuse: Ungeziefer, das den milden Winter überlebt hat, macht der Forst- und Landwirtschaft derzeit zu schaffen. „Die meisten Schädlinge profitieren von den warmen Temperaturen“, sagt Horst Marohn, Pressesprecher beim Landesbetrieb Hessen-Forst. Viele Tiere, die sonst erfroren wären, hätten den Winter überlebt. Ob diese jedoch den Wald schädigten, hänge nun vom Verlauf des Frühjahrs ab. Wenn es warm und trocken bleibe, sei die Gefahr groß. Unklar sei zudem, wie sehr sie von ihren natürlichen Feinden dezimiert würden, die ebenfalls zahlreicher seien als sonst.

          In den hessischen Wäldern macht dem Landesbetrieb derzeit vor allem eine Borkenkäferart Sorgen: der so genannte Buchdrucker. Ein Käfer, der sich unter die Rinde von Fichten frisst und am Baum Muster hinterlässt, die an ein aufgeschlagenes Buch erinnern. Förster befürchten, dass sich die Tiere in den unzähligen Bäumen, die vom Sturm „Kyrill“ umgeweht worden waren, einnisten und so noch weiter vermehren. Lebendige Bäume können sich wehren, indem sie Harz absondern und die Angreifer darin ersticken.

          Sechs Millionen Bäume sind umgeknickt

          Bei den abgestorbenen Bäumen sei aber kaum noch „Harzdruck“ vorhanden, sagt Marohn. Rund sechs Millionen Bäume waren in Hessen bei dem Sturm umgeknickt – vor allem im Vogelsberg sowie im Norden und im Osten des Bundeslandes. „Die Käfer könnten die herumliegenden Bäume als Sprungbrett zur Ausbreitung benutzen.“ Durch die Einnistung in den toten Bäumen könnten sie sich weitgehend ungestört fortpflanzen und dann in größeren Gruppen auch gesunde Bäume angreifen. „Die Bäume liegen im Wald wie eine Zündschnur.“

          Der Landesbetrieb will dem entgegensteuern. Eine eigens eingerichtete Arbeitsgruppe richtet in den Gebieten, in denen der Sturm besonders gewütet hat, zurzeit so genannte Nasslagerplätze ein. Bäume, die nicht sofort abtransportiert werden können, stapeln Waldarbeiter an geeigneten Plätzen und besprühen sie regelmäßig mit Wasser. Der Buchbinder möge feuchte Umgebungen nicht und bliebe dann den Stämmen fern, erklärt Marohn. Zudem werde das Holz durch die Befeuchtung besser konserviert und verliere nicht an Wert. Schließlich soll der Verkauf der 4,5 Millionen Kubikmeter Schadholz Geld bringen. Es gehe um Millionenbeträge, sagt der Forstbeamte. Die Arbeiten zögen sich noch bis Herbst hin. Dann könne man auch sehen, wie erfolgreich der Kampf gegen den Buchbinder war.

          Doch nicht nur die Käfer im Wald sind unbeschadet durch den Winter gekommen. Auf den Getreidefeldern droht nach Ansicht der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft in Braunschweig die Ausbreitung einer Viruskrankheit – übertragen von einer großen Anzahl von Blattläusen, die die vergangenen Monate überlebt haben. Normalerweise stürben erwachsene Blattläuse im Winter, berichtet Stefanie Hahn, Sprecherin der Bundesanstalt.

          „Erhebliche Ertragsverluste“ wegen Virus erwartet

          Dieses Jahr hätten viele den Winter überstanden und vermehrten sich nun fleißig. Hinzu komme, dass die Tiere ungewöhnlich mobil seien. Sie könnten von Feld zu Feld fliegen und so das „Gerstengelbverzwergungs-Virus“ verbreiten. Außer Wintergerste können von dem Erreger auch Hafer, Weizen und andere Getreidearten infiziert werden. Die Bundesanstalt rechnet mit „erheblichen Ertragsverlusten“, wie es in einer Pressemitteilung heißt.

          Dabei ist das Virus schon in Hessen angekommen. Auf seinen Gerstenfeldern sehe er immer wieder die charakteristischen gelb verfärbten Blätter, berichtet Landwirt Bernd Winter, der in Butzbach 170 Hektar bewirtschaftet. Neben der Gerste baut er Raps, Zuckerrüben, Weizen und Kartoffeln an. Die Schäden fielen aber bislang noch nicht ins Gewicht. Zumal ja nicht nur die Schädlinge, sondern auch die Getreidepflanzen von dem warmen Wetter profitierten.

          Winter rechnet mit weiteren ungebetenen Gästen in seinen Feldern. „Wir vermuten, dass der Rapsglanzkäfer diese Woche einfliegt.“ Der bohrt sich mit Vorliebe in die Knospen des gleichnamigen Gewächses. Außerdem könnten die Schnecken zahlreicher sein. „Wahrscheinlich wird es in diesem Jahr schon etwas schlimmer als sonst“, befürchtet der Landwirt. Ob am Ende aber tatsächlich ein nennenswerter Schaden entstünde, wisse er noch nicht.

          Zeckengefahr steigt

          Wie Buchdrucker und Blattlaus ist auch eine weitere ungeliebte Spezies gut über die vermeintlich kalte Jahreszeit gekommen: die Zecken. „Wegen der extremen Temperaturen waren sie die ganze Zeit über aktiv“, sagt Jochen Süss, Experte für durch Zecken übertragene Krankheiten am Friedrich-Loeffler-Institut. Den ganzen Winter über seien Erkrankungen mit „FSME“ und Borreliose aufgetreten.

          Bei einer Temperatur unter sieben Grad zögen sich die Tiere in Laubhaufen zurück. Das sei aber in diesem Winter selten der Fall gewesen. „Statt dezimiert zu werden, haben sich die Zecken weiterentwickelt.“ Schon in der Vergangenheit seien die Infektionszahlen in Risikogebieten wie dem südhessischen Odenwald gestiegen. Ob die Zecken in diesem Jahr besonders aktiv seien, hänge wie bei den anderen Schädlingen von der Wetterentwicklung ab. Allerdings liebten es die Tierchen weder besonders trocken noch besonders feucht: „Die Zeckengefahr ist am größten, wenn es ein ganz normaler Sommer wird.“ Til Huber

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.