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Zwischen Magie und Täuschung : Wie von Geisterhand

  • -Aktualisiert am

Vicente Noguera und Hannes Freytag: Das zauberhafte Duo lernte sich über den „magischen Zirkel von Deutschland“ kennen. Bild: Cornelia Sick

Wenn das, was man sieht, eigentlich gar nicht funktionieren kann: Das ist Magie! Die Vize-Weltmeister der Kartenzauberkunst wissen, wie man das anstellt.

          Die flinken und grazilen Finger von Vicente Noguera und Hannes Freytag sind immer in Bewegung. In den Händen halten sie Spielkarten, die ein erstaunliches Eigenleben entwickeln, während sie gemischt, ausgeteilt, wieder eingesammelt und schließlich aufgedeckt werden. Staunend sitzt eine Frau vor den beiden Magiern und sagt immer wieder: „Das gibt’s doch gar nicht.“ Mit absoluter Präzision sagen sie ihr, an welche Spielkarte sie dachte, verwandeln Papier in 50-Euro-Scheine und lassen handschriftlich signierte Karten unsichtbar von einem in den anderen Stapel wandern. Das kann nur Magie sein.

          „Die Täuschung beginnt im Kopf“

          „Sombrero Latino“ heißt die Gaststätte an der Wiesbadener Adolfstraße, in die Noguera und Freytag seit zehn Jahren in den hinteren Veranstaltungsraum zu ihrer Show einladen. Es ist ein magischer Zirkel der besonderen Art, der ganz ohne zersägter Jungfrau und Kaninchen aus dem Hut auskommt.

          Nun jedoch sitzen die Magier im vorderen Gastraum auf einer Bank, lächeln geheimnisvoll und erlauben einen Blick in ihre schwarze Kunst. Sie sprechen über das Vertrauensverhältnis zwischen Magier und Publikum, der schon fast intimen Zusammenkunft von Künstler und Gästen – mit den Großauftritten von Zauberern wie Siegfried und Roy hat das wenig zu tun.

          Sie sitzen der Wiesbadenerin am Tisch gegenüber, die Ärmel ihrer weißen Hemden sind hochgekrempelt. Auge in Auge mit den Zauberern gibt sich die Frau alle Mühe, endlich eines der Kunststücke zu enträtseln. Hoffnungslos. „Wie machen die das?“, fragt sie frustriert und Freytag antwortet ganz entspannt: „Die Täuschung beginnt im Kopf.“

          Vize-Weltmeister der Kartenzauberkunst

          So wie diese Privatvorführung verlaufen im Regelfall auch die Shows der beiden. Das Publikum ist ganz nah dran und wird einbezogen. Es entsteht ein besonderes Verhältnis zwischen den Magiern und ihren Gästen. „Wir tun so, als könnten wir zaubern, und das Publikum tut so, als würde es das glauben“, sagt Noguera. Freytag ergänzt: „Es ist ein Spiel.“ Und wieder lächeln beide ganz entspannt.

          Etwa zehn Jahre dauert es, bis ein Magier ausreichend Fähigkeiten besitzt, um seinem Publikum Illusionen zu bieten, die es nicht durchschaut. Freytag und Noguera sind derzeit Vize-Weltmeister der Kartenzauberkunst. Auf der Weltmeisterschaft der Zauberkunst im italienischen Rimini belegten sie vor drei Jahren den zweiten Platz.

          Der 37 Jahre alte Freytag wohnt in Mainz und unterrichtet an einer Rüsselsheimer Schule. Der 43 Jahre alte Noguera wohnt in Lorch am Rhein. Der verheiratete Jurist arbeitet hauptberuflich bei einer Bank. „Wir haben uns über den magischen Zirkel von Deutschland kennengelernt“, erinnert sich Freytag.

          Die Geburtsstunde der „Noche Mágica“

          Das ist sozusagen die deutsche Standesvertretung der Zauberkünstler, die derzeit rund 3000 Mitglieder zählt. In Wiesbaden und Mainz gibt es einen Ortsverband, in dem sich die beiden 2003 trafen. „Wir suchten später eine Möglichkeit, unser Können einem Publikum zu präsentieren“, erinnert sich Noguera. Das war 2008 die Geburtsstunde der „Noche Mágica“.

          Es ist einem Zufall geschuldet, dass die beiden nun in Wiesbaden zaubern. Nach ihren Treffen beim Zirkel gingen sie regelmäßig in das Lokal essen – und der frühere Wirt mochte ihre Zauberkunststücke. Da passte es gut, dass in der Gaststätte ein Veranstaltungsraum existiert, den die beiden bis heute für ihre Kunst nutzen. „Die Show ist langsam gewachsen. In der Anfangszeit haben wir manchmal für zehn Gäste und einmal sogar nur für einen Gast gezaubert“, erinnert sich Freytag, während die Karten durch seine Hände „wandern“.

          Ein echter Magier zaubert Tag und Nacht. Freunde und Verwandte von Freytag haben sich daran gewöhnt, dass er immer Karten in der Hand und Münzen in der Hosentasche hat, wie er lachend erzählt. Auch Noguera kann die Finger irgendwie nicht still halten, er hat ebenfalls ein Päckchen Karten in der Hand und behauptet, dass das ganz normale Pokerkarten seien. Er grinst ein wenig dabei. Alles klar. „Man muss jeden Tag eine gewisse Zeit üben“, sagt er und gibt zu, täglich zwei bis drei Stunden mit seinen Karten zu arbeiten.

          Das Gefühl, hautnah dabei zu sein

          Der Erfolg gibt den beiden Magiern recht. Ihre Auftritte sind im Regelfall schon Wochen vorher ausverkauft. Seit diesem Monat bieten sie freitags eine weitere Show an, zu der ein Essen gehört. „Es ist die gleiche Veranstaltung, nur dass die Leute früher kommen und gemeinsam hier essen“, sagt Freytag. „Was wir hier machen, ist etwas, das unsere Gäste überhaupt nicht erwarten“, skizziert Freytag das Konzept der Show.

          Mehr als 40 Leute kommen nie in den Saal, denn sie sollen das Gefühl haben, hautnah dabei zu sein. Das führt dazu, dass die Gäste den Magiern etwa die Arme festhalten dürfen und trotzdem Münzen wie von Geisterhand durch die Tischplatte wandern. „Das ist für die Menschen ein sehr emotionales Erlebnis“, sagt Freytag ein wenig trocken und Noguera ergänzt: „Das macht unsere Zauberkunst aus. Die Menschen sind Teil unserer Veranstaltung und leben unsere Show mit.“

          Spaß und Stolz

          Am Anfang fragen die Gäste oft, wie ein Trick funktioniert. Später würden sie dies nicht mehr machen und beim Verlassen des Saals immer wieder beteuern, dass sie so etwas noch nicht gesehen hätten. Man merkt Freytag und Noguera ihren Spaß und Stolz an, wenn sie von den Reaktionen des Publikums berichten.

          Sie lassen sie sich nicht lange bitten und zeigen der Wiesbadenerin eine weitere Probe ihres Könnens. Ein kleines rotes Spielzeugauto stoppt exakt dort, wo die zuvor verdeckt abgelegte Spielkarte Kreuz Fünf liegt. Fassungslos untersucht die Frau das Auto, die Karten und den Tisch. Sie findet nichts.

          „Magie ist nicht, wenn man sich nicht erklären kann, wie etwas funktioniert, sondern wenn man zu der Überzeugung kommt, dass es nicht funktionieren kann“, sagt Freytag. Glauben die beiden an echte Magie? „Nein“, erklären sie unisono milde lächelnd und Noguera fügt an: „Wir wissen ja, wie die Täuschung funktioniert.“

          Informationen zu Shows unter www.nochemagica.de

           

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