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Lebensmittelskandal : Viele Wilke-Mitarbeiter fühlen sich „öffentlich geächtet“

Liefert nichts mehr aus: Ein Lkw der Firma Wilke. Bild: EPA

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Wilke-Geschäftsführer wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. Unterdessen warten viele Mitarbeiter auf ihr Gehalt – und suchen nach Wegen, um ihrer Wut Luft zu machen.

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          „Der Skandal geht über die Mitarbeiter weg wie eine Lawine.“ Andreas Kampmann von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten hat in den vergangenen Tage viele Gespräche mit Mitarbeitern geführt, die bei der Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren GmbH beschäftigt waren – beziehungsweise noch immer sind. Denn eine Kündigung hat noch keiner von ihnen erhalten. Arbeiten können sie aber auch nicht. Der Betrieb ist versiegelt, gegen den Geschäftsführer hat die Kasseler Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Tötung eingeleitet.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Die Mitarbeiter sind von der Wucht der Ereignisse schockiert“, sagt Kampmann. Und sie alle stehen vor einer ungewissen Zukunft. Das Werkstor: verriegelt. Die Informationslage: dünn. Selbst die Homepage des Unternehmens ist mittlerweile passwortgeschützt. Also bleibt den rund 200 Mitarbeiter nichts anderes übrig, als zu warten. Auf die Kündigung, auf ein Zeichen der Geschäftsführung, die laut Kampmann “unauffindbar“ ist und irgendwie auch auf ein kleines Wunder. Aber das, da ist sich der Gewerkschafter sicher, wird nicht kommen. „Den Betrieb wird man nicht mehr fortführen können. Niemand will mehr Wilke-Wurst.“

          Mehrfach waren in den vergangenen Monaten Listerien in Wilke-Produkten entdeckt worden. Die Keime können für Menschen mit geschwächtem Immunsystem lebensgefährlich sein. Sie sind laut Behörden für zwei Todesfälle in Südhessen verantwortlich, 37 weitere Krankheitsfälle hängen möglicherweise mit Wilke-Fleisch zusammen. Wie am Dienstag bekannt wurde, fanden Behörden in Niedersachsen bei drei Erkrankten ebenfalls einen Keimtyp, der genetisch eng mit den Listerien verwandt ist, die in den Waren der Firma Wilke nachgewiesen wurden. Das Unternehmen wurde am Mittwoch, 2. Oktober, geschlossen, alle Wilke-Produkte weltweit wurden zurückgerufen.  Am Freitag hat Wilke einen Antrag auf Insolvenzprüfung eingereicht. „Normalerweise findet ein Insolvenzprüfer noch eine gewisse Struktur in einem Unternehmen vor, aber die haben sie hier nicht“, so Kampmann.

          „Arbeitskräfte durften nichts kosten“

          Er habe schon vor längerer Zeit mit einem Insolvenzantrag gerechnet, sagt der Gewerkschafter. Schließlich kenne er das Unternehmen schon seit Jahren. Kampmann hat Wilke-Mitarbeiter bei einem Rechtsstreit bis vors Landesarbeitsgericht begleitet, als diese eine Prämien-Zahlung einklagen wollten. Die Mitarbeiter seien mit leeren Händen nach Hause gegangen. Kampmann aber sagt, er habe in dieser Zeit einen Einblick in die Unternehmenskultur gewinnen können. „Arbeitskräfte durften nichts kosten“, sagt er. Eine Lohnerhöhung für die Stammbelegschaft habe es so gut wie nie gegeben, stattdessen habe man auf Forderungen nach mehr Gehalt mit einer „Strategie der Einschüchterung“ reagiert.

          „Der Betrieb ist schon lange auf Kante genäht. Der Lohn im August ist nur nach massiven Druck durch den Betriebsrat geflossen“, sagt der Gewerkschafter. Viele der 200 Mitarbeiter würden nach der Schließung noch immer auf ihren September-Lohn warten. „Die Zahlungsunfähigkeit kam nicht überraschend“, sagt Kampmann und fordert, auch den Vorwurf der Insolvenzverschleppung zu prüfen.

          Am Dienstag hatte er einen Konferenzraum in einem Hotel in Korbach angemietet, um die Wilke-Mitarbeiter über mögliche rechtliche Schritte zu beraten. 70 von ihnen kamen.  „Sie wurden ja bisher komplett allein gelassen.“ Vielen sei es in erster Linie darum gegangen, ihrer Wut auf den Arbeitgeber, aber auch ihrer Unsicherheit Luft zu machen. Als Wilke-Mitarbeiter sei man inzwischen „öffentlich geächtet“, hätten ihm viele berichtet.

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