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Wetterau : Vom Rand der Region zum Mittelpunkt der Kritik

Arbeitsplätze gibt es vorrangig im produzierenden Gewerbe: Wölfersheim Bild: F.A.Z. - Rüchel

Seit der Stilllegung des Braunkohlekraftwerks hat Wölfersheim einen Strukturwandel bewältigt. Dafür benötigt es jedoch noch Flächen für Gewerbe. Diese Flächenwünsche bringen den großen Nachbarn Frankfurt in Rage.

          5 Min.

          Für Wölfersheim hat sich Frankfurt noch nie sonderlich interessiert. Bis in die nördliche Wetterau reicht das Wahrnehmungsfeld der Finanzmetropole nicht, sollte es überhaupt jemals die Stadtgrenzen überschreiten. Schlagartig hat sich dies in diesem Spätsommer geändert. Seit sich der Frankfurter Römer mit der Flächenentwicklung in der Region beschäftigt, damit, wo neue Gewerbe- und Wohngebiete im Ballungsraum entstehen sollen, werden Gemeindenamen wie Wölfersheim, Florstadt, Erlensee oder Langenselbold – allesamt Städte und Gemeinden am Rande des Ballungsraums – im Munde geführt. „Wir sind die Achse des Bösen“, spöttelt ein Betroffener. Tatsächlich sorgt sich Frankfurt, dass ein zweiter Speckgürtel entstehen könnte.

          Mechthild Harting
          (mch.), Rhein-Main-Zeitung

          Joachim Arnold, seit 1994 Bürgermeister der 9700-Seelen-Gemeinde Wölfersheim und designierter Wetterauer SPD-Landratskandidat, lässt sich weder durch die Angriffe noch durch die Tatsache, dass auf diese Weise der Name seiner Kommune auf den regionalen Titelseiten prangt, irritieren. Der Vermessungsingenieur rät den Kritikern, nicht zu pauschal zu urteilen, sondern mehr ins Detail zu gehen, die Bedingungen jeder Gemeinde genau anzuschauen: „Keine ist mit einer anderen vergleichbar.“

          Wölfersheim hat das Image eines „braunen Nests“

          Das gilt selbst dann, wenn Kommunen wie Wölfersheim, Butzbach, Florstadt, Erlensee und Langenselbold, die im Frankfurter „Ranking“ auf den ersten Plätzen der vermeintlich unersättlichen Umlandgemeinden rangieren, wie Perlen auf einer Schnur entlang der A 45 zwischen Gambacher Kreuz und Seligenstädter Dreieck liegen. Diese Autobahn sei anders als die A 5 oder die A 3 erst in den achtziger Jahren gebaut worden. „Wir haben Nachholbedarf“, sagt Arnold, oder andersherum: Der Kern der Region habe 50 Jahre Entwicklungsvorsprung. Denn dass sich Menschen dort ansiedelten, wo die Infrastruktur stimme, sei ein jahrhundertealtes Prinzip. Umso stärker wollen die Anrainerkommunen entlang der A 45 die schnelle Anbindung für die Entwicklung von Wohn- und Gewerbegebieten nutzen. Die täglichen Staus auf der A 45 und die hohen Grundstückspreise im engeren Ballungsraum sind dabei hilfreich.

          Bild: F.A.Z.

          Wölfersheim hat den ersten Strukturwandel bereits hinter sich. Die Gemeinde war geprägt vom Braunkohleabbau. Fast 200 Jahre lang nährte der Rohstoff die Gemeinde. Das Kraftwerk der Preussenelektra AG war jahrzehntelang das Wahrzeichen der Gemeinde. In den Glanzzeiten hätten dort 1600 Menschen gearbeitet, berichtet Arnold. In jeder Familie sei mindestens ein Mitglied gewesen, dass bei der „Preag geschafft habe“. Anfang der neunziger Jahre wurde das Kraftwerk stillgelegt. 600 bis 700 Wölfersheimer verloren ihre Arbeit, „gut ausgebildete Leute“, sagt Arnold.

          Die Stilllegung in der monostrukturierten Gemeinde muss seitdem als Argumentationshilfe dafür herhalten, dass Wölfersheim den Ruf eines „braunen Nests“ hat. Die NPD erzielte in der Wetteraugemeinde bei der Kommunalwahl 1997 22,7 Prozent der Stimmen, die CDU nur 16,8 Prozent. Dass die NPD bei der Kommunalwahl 2006 bei 10,4 Prozent der Stimmen lag, „die Geschichte am Abklingen ist“, wie Arnold es nennt, davon nahm die Region kaum Kenntnis. „Das Image haben wir weg“, weiß der Bürgermeister. Für ihn hat das NPD-Phänomen jedoch keine strukturpolitische Dimension: „Es hängt an Personen“, meint Arnold, im Fall Wölfersheim an einer einzelnen. „Bei uns gibt es keine Skinheads.“ Auch Übergriffe auf Ausländer von rechter Szene, wie man sie sich landläufig vorstelle, habe es nicht gegeben.

          Niederlassung von Industrieunternehmen

          Die Strukturdaten deuten auf keine Besonderheiten: Die Arbeitslosigkeit liegt bei 6,5 bis sieben Prozent und damit leicht unter dem südhessischen Durchschnitt. 1650 Arbeitsplätze weist die Gemeinde heute auf, vorrangig im produzierenden Gewerbe. In den beiden Gewerbegebieten der Gemeinde, ein Gewerbepark auf dem Gelände des ehemaligen Braunkohlekraftwerkes und im Gewerbegebiet im Ortsteil Berstadt, unmittelbar am Autobahnanschluss gelegen, haben sich in den vergangenen Jahren flächenintensive, spezialisierte Industrieunternehmen niedergelassen. Etwa ein Automobilzulieferer und ein Hersteller von Polyethylen-Rohren. Arnold sieht Wölfersheims Nische darin, Firmen zu werben, die gute Facharbeiter brauchen. Denn die habe die Gemeinde Wölfersheim aufgrund ihrer Geschichte zu bieten. „Wir müssen für die Menschen, die wir haben, Arbeitsplätze schaffen“, sagt der Sozialdemokrat.

          Nicht in einem einzigen Fall habe sich in seiner Kommune ein Betrieb angesiedelt, der zuvor in der Finanzmetropole seinen Sitz hatte. „Wir sind keine Konkurrenz zu Frankfurt“, betont Arnold. Ein größeres Unternehmen sei allerdings aus Bad Homburg zugezogen: der Automobilzulieferer Mahle GmbH habe seine dortige Produktion wegen zu beengter Verhältnisse aufgeben und in Wölfersheim neu gebaut auf Flächen, die Bad Homburg in dieser Weise nicht habe anbieten können.

          Diesen neuen Wölfersheimer Unternehmen will Arnold Entwicklungsmöglichkeiten bieten: Deshalb fordert er in der Diskussion um die Flächenentwicklung in der Region bis zum Jahr 2020 für die Größe seiner Kommune eine relativ hohe Hektarzahl an neuen Gewerbeflächen, nämlich 48 Hektar. Die Stadt Frankfurt hat errechnet, dass damit die Wetteraugemeinde ihre Gewerbeflächen um 150 Prozent steigern würde. Nur die Gemeinde Schöneck im Main-Kinzig-Kreis weist prozentual eine noch größere Steigerungsquote auf.

          „Frankfurt ist unser Motor“

          Und auch fürs Wohnen will sich Wölfersheim 41 Hektar neue Flächen sichern. Ein begonnenes Wohngebiet im Hauptort Wölfersheim soll arrondiert, ein neues in Richtung Wölfersheimer See entstehen. Die Gemeinde habe 2003 einen Gemeindeentwicklungsplan aufgestellt mit dem Ziel, dass die Bevölkerung in den nächsten 15 Jahren um jeweils ein Prozent wachsen sollte: „Das sind 80 bis 100 Personen im Jahr.“ Arnold bestreitet, damit ein Wohnangebot für Frankfurter zu schaffen. In den vergangenen zehn Jahren hätten etwa zehn bis 20 Personen die Großstadt hinter sich gelassen und lebten nun in der nördlichen Wetterau. Attraktiv sei Wölfersheim für diejenigen, die aus Nordhessen zum Arbeiten ins Rhein-Main-Gebiet zögen, aber noch ländliche Strukturen suchten. „Wir sehen uns als Teil des Rhein-Main-Gebiets, als ,Gateway to the North‘“ sagt Arnold. Traditionell ist Wölfersheim eher nach Mittelhessen hin ausgerichtet. Zum Einkaufen etwa fahre man nach Friedberg und Bad Nauheim, oder nach Gießen und Wetzlar, selten jedoch zur Frankfurter Zeil, doch Frankfurt werde immer wichtiger. Ein Drittel der Beschäftigten von Wölfersheim pendelten mittlerweile in die Finanzmetropole.

          In den Streit, ob Wölfersheim zu viele neue Flächen beansprucht und dies – wie Frankfurt behauptet – zu Lasten der Kernstadt gehe, mag der Wölfersheimer Bürgermeister nicht einsteigen. Denn seiner Ansicht nach sind bereits die Grundlagen des Plans nicht richtig: Zu Beginn müsse eine vernünftige Bestandsanalyse stehen, der Plan weise Flächen als Zuwachs aus, die längst bebaut seien. Die Planungssystematik zeige auf diese Weise ein falsches Bild. Und die Frankfurter Argumentation, die sich auf prozentuale Zahlen stütze, sei nicht aussagekräftig. Arnold lehnt es nicht ab, wenn die Region beginnen würde, jede einzelne Fläche zu diskutieren, allerdings immer unter der Maßgabe, dass die Region im Blick habe, wo jede einzelne Kommune ihre Stärken habe, ihre Nische finden könne. Dazu gehört Arnold zufolge allerdings mehr, als sich nur mit der Flächenausweisung zu beschäftigen.

          Der Wölfersheimer Bürgermeister definiert den Ballungsraum als eine Region der starken Standorte. Zielte Frankfurt darauf ab, bewusst die „Ränder der Region“ zu schwächen, wanderten die Unternehmen in die unmittelbar angrenzenden Regionen ab, dorthin, wo der Arm des Planungsverbands nicht hinreiche. Der Sozialdemokrat redet nicht einer Schwächung der äußerst potenten Kernstadt das Wort, er will nur die Eigenentwicklung seiner Kommune sichern. Er weiß, was der Ballungsraum an der Finanzmetropole hat: „Ohne Frankfurt geht gar nichts – das ist unser Motor.“

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