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Wetterau : Vom Rand der Region zum Mittelpunkt der Kritik

Arbeitsplätze gibt es vorrangig im produzierenden Gewerbe: Wölfersheim Bild: F.A.Z. - Rüchel

Seit der Stilllegung des Braunkohlekraftwerks hat Wölfersheim einen Strukturwandel bewältigt. Dafür benötigt es jedoch noch Flächen für Gewerbe. Diese Flächenwünsche bringen den großen Nachbarn Frankfurt in Rage.

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          Für Wölfersheim hat sich Frankfurt noch nie sonderlich interessiert. Bis in die nördliche Wetterau reicht das Wahrnehmungsfeld der Finanzmetropole nicht, sollte es überhaupt jemals die Stadtgrenzen überschreiten. Schlagartig hat sich dies in diesem Spätsommer geändert. Seit sich der Frankfurter Römer mit der Flächenentwicklung in der Region beschäftigt, damit, wo neue Gewerbe- und Wohngebiete im Ballungsraum entstehen sollen, werden Gemeindenamen wie Wölfersheim, Florstadt, Erlensee oder Langenselbold – allesamt Städte und Gemeinden am Rande des Ballungsraums – im Munde geführt. „Wir sind die Achse des Bösen“, spöttelt ein Betroffener. Tatsächlich sorgt sich Frankfurt, dass ein zweiter Speckgürtel entstehen könnte.

          Mechthild Harting
          (mch.), Rhein-Main-Zeitung

          Joachim Arnold, seit 1994 Bürgermeister der 9700-Seelen-Gemeinde Wölfersheim und designierter Wetterauer SPD-Landratskandidat, lässt sich weder durch die Angriffe noch durch die Tatsache, dass auf diese Weise der Name seiner Kommune auf den regionalen Titelseiten prangt, irritieren. Der Vermessungsingenieur rät den Kritikern, nicht zu pauschal zu urteilen, sondern mehr ins Detail zu gehen, die Bedingungen jeder Gemeinde genau anzuschauen: „Keine ist mit einer anderen vergleichbar.“

          Wölfersheim hat das Image eines „braunen Nests“

          Das gilt selbst dann, wenn Kommunen wie Wölfersheim, Butzbach, Florstadt, Erlensee und Langenselbold, die im Frankfurter „Ranking“ auf den ersten Plätzen der vermeintlich unersättlichen Umlandgemeinden rangieren, wie Perlen auf einer Schnur entlang der A 45 zwischen Gambacher Kreuz und Seligenstädter Dreieck liegen. Diese Autobahn sei anders als die A 5 oder die A 3 erst in den achtziger Jahren gebaut worden. „Wir haben Nachholbedarf“, sagt Arnold, oder andersherum: Der Kern der Region habe 50 Jahre Entwicklungsvorsprung. Denn dass sich Menschen dort ansiedelten, wo die Infrastruktur stimme, sei ein jahrhundertealtes Prinzip. Umso stärker wollen die Anrainerkommunen entlang der A 45 die schnelle Anbindung für die Entwicklung von Wohn- und Gewerbegebieten nutzen. Die täglichen Staus auf der A 45 und die hohen Grundstückspreise im engeren Ballungsraum sind dabei hilfreich.

          Bild: F.A.Z.

          Wölfersheim hat den ersten Strukturwandel bereits hinter sich. Die Gemeinde war geprägt vom Braunkohleabbau. Fast 200 Jahre lang nährte der Rohstoff die Gemeinde. Das Kraftwerk der Preussenelektra AG war jahrzehntelang das Wahrzeichen der Gemeinde. In den Glanzzeiten hätten dort 1600 Menschen gearbeitet, berichtet Arnold. In jeder Familie sei mindestens ein Mitglied gewesen, dass bei der „Preag geschafft habe“. Anfang der neunziger Jahre wurde das Kraftwerk stillgelegt. 600 bis 700 Wölfersheimer verloren ihre Arbeit, „gut ausgebildete Leute“, sagt Arnold.

          Die Stilllegung in der monostrukturierten Gemeinde muss seitdem als Argumentationshilfe dafür herhalten, dass Wölfersheim den Ruf eines „braunen Nests“ hat. Die NPD erzielte in der Wetteraugemeinde bei der Kommunalwahl 1997 22,7 Prozent der Stimmen, die CDU nur 16,8 Prozent. Dass die NPD bei der Kommunalwahl 2006 bei 10,4 Prozent der Stimmen lag, „die Geschichte am Abklingen ist“, wie Arnold es nennt, davon nahm die Region kaum Kenntnis. „Das Image haben wir weg“, weiß der Bürgermeister. Für ihn hat das NPD-Phänomen jedoch keine strukturpolitische Dimension: „Es hängt an Personen“, meint Arnold, im Fall Wölfersheim an einer einzelnen. „Bei uns gibt es keine Skinheads.“ Auch Übergriffe auf Ausländer von rechter Szene, wie man sie sich landläufig vorstelle, habe es nicht gegeben.

          Niederlassung von Industrieunternehmen

          Die Strukturdaten deuten auf keine Besonderheiten: Die Arbeitslosigkeit liegt bei 6,5 bis sieben Prozent und damit leicht unter dem südhessischen Durchschnitt. 1650 Arbeitsplätze weist die Gemeinde heute auf, vorrangig im produzierenden Gewerbe. In den beiden Gewerbegebieten der Gemeinde, ein Gewerbepark auf dem Gelände des ehemaligen Braunkohlekraftwerkes und im Gewerbegebiet im Ortsteil Berstadt, unmittelbar am Autobahnanschluss gelegen, haben sich in den vergangenen Jahren flächenintensive, spezialisierte Industrieunternehmen niedergelassen. Etwa ein Automobilzulieferer und ein Hersteller von Polyethylen-Rohren. Arnold sieht Wölfersheims Nische darin, Firmen zu werben, die gute Facharbeiter brauchen. Denn die habe die Gemeinde Wölfersheim aufgrund ihrer Geschichte zu bieten. „Wir müssen für die Menschen, die wir haben, Arbeitsplätze schaffen“, sagt der Sozialdemokrat.

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