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Wissenschaftler klären auf : Unsachliche Debatte um den Wolf

Erfolgreicher Räuber: Die Zahl der Wölfe in Deutschland wächst rasant. Bild: dpa

Forscher des Senckenberg-Instituts wollen sachlich über Wölfe informieren und Irrtümer aufdecken. Mangelt es in der politischen Diskussion um das Raubtier an wissenschaftlicher Expertise?

          Was ist ein „ernster wirtschaftlicher Schaden“, was ein „erheblicher Schaden“, den ein Wolf anrichten kann? Vor wenigen Tagen hat Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) angekündigt, für eine „Lex Wolf“ das Bundesnaturschutzgesetz zu ändern. Bisher steht darin, ein besonders geschütztes Tier dürfe nur getötet werden, wenn es in der Landwirtschaft erheblichen Schaden anrichte. Der Wolf ist ein besonders geschütztes Tier. Bedeutet „Wolfsmanagement“ demnächst auch, den Bestand durch gezielte „Entnahme“, also das Töten von Tieren, zu regulieren? Das zu entscheiden, sagt Volker Mosbrugger, Generaldirektor des Senckenberg-Instituts für Naturforschung, sei Sache von Politik und Gesellschaft. Die Aufgabe der Wissenschaft sei es hingegen, „mit nüchterner Aufmerksamkeit“ Fakten zu sammeln und Forschung zu betreiben. Streng sachlich zu bleiben ist nicht leicht auf einem so umkämpften Gebiet wie dem der Wolfsforschung.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Seit das Raubtier vor knapp 20 Jahren in Deutschland wieder heimisch wurde, stehen sich seine Schützer und Gegner erbittert gegenüber. Nun geht Senckenberg in die Offensive: Schon in wenigen Tagen will das Institut einen Film ins Internet stellen, der die wichtigsten Fakten zum „Wolfsmonitoring“, also der engmaschigen Beobachtung der Wölfe in Deutschland, und vor allem die Rolle des Instituts dabei thematisiert. Nicht ganz ohne satirische Einsprengsel setzen sich die Forscher in dem Kurzfilm auch mit der „alternativen Wissenschaft“ und selbsternannten, oft sogar fiktiven Fachleuten auseinander. Anfang des Jahres waren aus einem Gehege im nordhessischen Homberg/Efze zwei Wölfe ausgebrochen, und derzeit wird in Niedersachen und Schleswig-Holstein Jagd auf die beiden „Problemwölfe“ GW717m und GW924m gemacht, die Nutztiere in großer Zahl gerissen haben.

          Daher wird in den Medien gerade wieder einmal viel über den Wolf diskutiert. Meist ohne dass Wissenschaftler gefragt würden, sagt Mosbrugger. Seit 2010 ist das Senckenberg-Institut mit seiner Außenstelle Gelnhausen das nationale Referenzzentrum für genetische Untersuchungen bei Luchs und Wolf. Mehr als 10.000 Kot-, Haar- und Speichelproben seien schon analysiert worden, sagt der Leiter des Zentrums, Carsten Nowak. „Wir arbeiten mit modernster Analytik, um die uns viele Institutionen beneiden.“ Dennoch kämpfen auch Nowak und seine Kollegen gegen Fake News, unter anderem gegen die Unterstellung, Ergebnisse zu fälschen oder sich gar selbst zum Referenzzentrum ernannt zu haben. Immer wieder kolportiert werde vor allem die Legende, die seit dem Jahr 2000 in Deutschland geborenen Wölfe seien Wolf-Hund-Hybriden, und die Unterstellung, die Ergebnisse der Wolfsforschung entsprängen einem Kartell von Wissenschaftlern und Naturfreunden. „Wir forschen für Mensch und Wolf“, hebt Mosbrugger hervor.

          Zahl der Wölfe steigt exponentiell

          2009 hatte Senckenberg nach einer öffentlichen Ausschreibung des Bundesamtes für Naturschutz den Auftrag erhalten, als nationales Referenzzentrum alle genetischen Daten auszuwerten, die ihm von den Bundesländern zugesandt werden. Wenn etwa eine Behörde wissen will, ob ein Schaf von einem Hund oder einem Wolf gerissen wurde, werden Speichelproben von Bissstellen in Gelnhausen untersucht. Von 1154 Wölfen kenne man gewissermaßen „Vor- und Nachnamen“, scherzt Nowak. Die Stammbäume der in Deutschland derzeit lebenden 73 Rudel, ihre Lebensräume und Wanderbewegungen würden von den Wissenschaftlern ausgewertet. Etwa 85 Prozent der Rudel seien derzeit genetisch erfasst, so Nowak.

          Da die Zahl der Wölfe aber exponentiell ansteigt, wird es bald wohl nicht mehr möglich sein, über fast jeden Wolf Bescheid zu wissen. Was die Wolfshybriden angeht, so zeigen die Genanalysen laut Nowak, dass dies „kein prioritäres Problem“ ist. Nicht nur Angst stecke hinter der Hybriden-Propaganda, erläutern die Forscher: Mischlinge dürften, im Gegensatz zu den streng geschützten reinrassigen Wölfen, abgeschossen werden. Derzeit sei aber nur ein einziges lebendes Exemplar in Thüringen bekannt; statistisch seien 0,85 Prozent der hiesigen Population Hybriden. Hinterlegt sind diese und andere Informationen bei der „Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf“, die 2016 von der Bundesregierung eingerichtet wurde und die ebenfalls von Senckenberg betreut wird. Projektleiter ist der Zoologe Hermann Ansorge, der am Senckenberg-Institut in Görlitz unter anderem für die Schädelanalyse von Wölfen verantwortlich ist.

          Bisher, so zeigen es Statistiken, machen Nutztiere nur 1,1 Prozent der Wolfsnahrung in Mitteleuropa aus. Menschen passen nicht ins Beuteschema. Wie dicht die Wölfe das Land in Zukunft besiedelten, sei schwer vorauszusagen, meinen Nowak und Ansorge. Die Grundlagen für Entscheidungen allerdings, wie künftig mit dem Wolf umgegangen werde, sollten nach Ansicht der Wissenschaftler Forschungsergebnisse bilden. Die nötigen Fakten kann sich die Politik bei der Dokumentationsstelle beschaffen. Ob sie dann auch die Gesetzgebung beeinflussen, steht auf einem anderen Blatt. Zur „Lex Wolf“ sind die Berater nach Auskunft von Senckenberg bisher nicht gehört worden.

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