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„Wir schlachten Dich!“ : Haft für brutalen Überfall

Verurteilt: Die Angeklagten müssen eine Gefängnisstrafe verbüßen (Symbolbild). Bild: Wolfgang Eilmes

Vier Männer haben einen Maintaler brutal überfallen und bedroht. Jetzt hat das Landgericht Hanau ein Urteil gefällt. Die Vorsitzende Richterin sprach sich dafür aus, den Angeklagten eine Chance zu geben.

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          Wegen brutalen Raubs mit Entführung müssen vier Männer im Alter zwischen 28 und 34 Jahren ins Gefängnis. Das Landgericht Hanau verhängt Haftstrafen zwischen zwei Jahren und acht Monaten und drei Jahren und zwei Monaten. Wegen der langen Verfahrensdauer seit der Tat im Jahr 2017 gelten für alle Verurteilten neun Monate schon als verbüßt.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die lange Verfahrensdauer komme den Angeklagten auch sonst zugute, sagte die Vorsitzende Richterin Susanne Wetzel in der Urteilsbegründung. Dadurch hätten sie die Gelegenheit gehabt, drei Jahre straffrei zu leben, was bei der Strafzumessung berücksichtigt worden sei. So könne der Überfall als minderschwerer Fall gewertet werden. Bei einem Urteil im Jahr der Tat dagegen wären Haftstrafen von mehr als fünf Jahren verhängt worden. Gegen die Angeklagten spreche die Intensität der Tat. Wetzel sprach von einer „brutalen Vorgehensweise“.

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          Nach ihren Worten wurde der 1994 geborene Maintaler Joshua S. am Abend des 2. Juli unter dem Vorwand, sein geparktes Auto sei beschädigt worden, aus der Wohnung gelockt. Er wurde jedoch in einen Wagen gezwungen, in dem die Angeklagten ihm so lange Gewalt androhten, bis er preisgab, wo er seine Ersparnisse hatte. Laut der Richterin waren dem Opfer mindestens zwei Messer an Hals und Oberschenkel gehalten worden, auch sei es mit Gewaltankündigungen massiv eingeschüchtert worden. Die Drohung „Wir schlachten Dich!“ sei „unterste Schublade“, sie greife die Menschenwürde an.

          „Spontan entschlossen, mitzumachen“

          Zwei Angeklagte gingen dem Urteil zufolge in die Wohnung des Opfers und raubten 4500 Euro, Laptop, Spielkonsole, Uhren sowie Marihuana, während die beiden anderen den Überfallenen zwangen, im Auto zu bleiben. Joshua S. blieb körperlich unverletzt, litt aber nach dem Überfall an Panikattacken mit Schlafstörung.

          Der Maintaler Angeklagte Fatih Ö. hatte das Joshua S. ausgesucht, weil sich in dessen Bekanntenkreis herumgesprochen hatte, dass Joshua S. Geld in seiner Wohnung aufbewahrte, wie Wetzel ausführte. Weil das Opfer ihn kannte, habe der Angeklagte beim Überfall eine Maske getragen, diese aber zwischendurch abgesetzt, so dass er erkannt worden sei. Deshalb sei die Polizei erst auf ihn und dann auf die anderen Angeklagten gekommen. Fatih Ö. sei der „Spiritus Rector“ der Tat gewesen, die er zusammen mit dem Kasseler Freund Ahmed A. geplant habe. Die anderen beiden Angeklagten, Julio M. und Abdelatif I., hätten sich spontan entschlossen, mitzumachen, als sie mit Ahmed A. von Kassel nach Frankfurt fuhren.

          Verständnis für die schwierige Lebensgeschichte der Täter

          Ahmed A. erhielt mit drei Jahren und zwei Monaten die höchste Strafe. Bei den zwei Jahren und acht Monaten für Fatih Ö. ist berücksichtigt worden, dass er einen Täter-Opfer-Ausgleich leistete und dem Überfallenen im Gerichtssaal 6000 Euro als Wiedergutmachung übergab. Die beiden anderen Angeklagten müssen jeweils drei Jahre in Haft.

          Wetzel ging in ihrer Urteilsbegründung ausführlich auf die Vergangenheit der vier Angeklagten ein und zeigte viel Verständnis für schwierige Lebensgeschichten. Ahmed A. habe im Alter von 15 Jahren miterlebt, wie ein Freund, Halit Yozgat, einem Mordanschlag der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) zum Opfer gefallen sei. Julio M. habe seine Eltern nie kennengelernt und als Kleinkind in Kolumbien bei verschiedenen Pflegefamilien gelebt, bis er von einem Kasseler Lehrerehepaar adoptiert worden sei.

          Wetzel sprach sich dafür aus, den Angeklagten eine Chance zu geben und regte eine Verbüßung der Haftstrafen im offenen Vollzug an. Dann könnten sie Arbeit und Ausbildung fortsetzen oder eine Arbeit aufnehmen.

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