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Winzer : Kooperation statt Fusion

Braucht es mehr als eine Wein-Genossenschaft? Bild: DPA

Die Flurbereinigung im Rheingau ist für viele Winzer Anlass, den Betrieb aufzugeben. Die Winzergenossenschaften reagieren auf den Schwund an Mitgliedern und Anbaufläche und beginnen, enger zusammenzuarbeiten.

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          Die Flurbereinigung im Rheingau ist ein Segen, denn sie erleichtert die Bearbeitung der Weinberge. Die Flurbereinigung im Rheingau ist aber auch ein Fluch, denn für nicht wenige Winzer mit nur kleinen Rebflächen ist die kostspielige Neuordnung der Weinbergsflure der Anlass, den Weinbau endgültig aufzugeben. Zusammen mit dem demografischen Wandel in der Winzerschaft, den wachsenden Anforderungen an Pflanzenschutz und Technik sowie dem nicht kalkulierbaren Auf und Ab der Most- und Weinpreise führt das zu einem Winzersterben im Rheingau. Waren vor zehn Jahren noch rund 1500 Erzeuger registriert, sind es heute nur noch wenig mehr als 900. Eine Entwicklung, die vor allem die Winzergenossenschaften trifft.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Sieben Winzergenossenschaften gibt es noch zwischen Lorch und Frauenstein, doch sie haben mit einem steten Verlust an Mitgliedern und Rebfläche zu kämpfen. Statt 750, wie noch Mitte der neunziger Jahre, verzeichnet die Statistik des Eltviller Weinbauamts noch rund 250 Erzeuger, die zusammen 170 Hektar Rebfläche bewirtschaften. Das ist nur noch wenig mehr als fünf Prozent der gesamten Rheingauer Rebfläche von 3100 Hektar.

          Politik und Weinbauverband sind der Meinung, dass eine Genossenschaft reiche

          Ronald Müller-Hagen, Geschäftsführer der Winzer von Erbach eG, ist aber zuversichtlich, dass zumindest im Hinblick auf die erfasste Rebfläche die Talsohle für die Winzergenossenschaften erreicht ist. Vor zehn Jahren verarbeiteten die Erbacher Winzer noch die Trauben von rund 60 Hektar Rebfläche ihrer 60 Mitglieder. Heute ist die Situation nicht viel anders – aber nur deshalb, weil die Genossenschaft seit 2002 mit der Frauensteiner Winzergenossenschaft und seit diesem Jahr mit der Kiedricher Winzergenossenschaft kooperiert. Beide haben aus Kostengründen ihre Kellerwirtschaft im Ort aufgegeben und lassen die Trauben nach ihren Vorgaben im Keller der Erbacher Winzer zu Wein ausbauen.

          Damit ist neben die – auf sich allein gestellten – Winzergenossenschaften in Rauenthal und Hallgarten und die Gebietswinzergenossenschaft Weinland Rheingau eG in Eltville ein drittes Genossenschaftsmodell getreten. Zur Freude auch der Politik und des Weinbauverbands, die seit Jahren der Ansicht sind, dass für ein so kleines Gebiet wie den Rheingau eigentlich eine einzige Genossenschaft genüge.

          Verlust von Identifikation?

          Der frühere Landwirtschaftsminister Wilhelm Dietzel (CDU) hatte vor einem Jahre noch gemahnt, dass eine größere Zusammenarbeit bei Wahrung der Eigenständigkeit zu besseren wirtschaftlichen Resultaten führen könne. Der Landesregierung falle dabei die Rolle eines Moderators zu, die Initiative müsse von den Genossenschaften selbst kommen. Mit dem Kiedricher Schritt, wie zuvor schon die Frauensteiner die Kellerwirtschaft bei Wahrung der unternehmerischen Eigenständigkeit aufzugeben, hat der Aufruf offenbar Wirkung gezeigt.

          Weinbaupräsident Klaus-Peter Keßler ist ebenfalls der Meinung, dass die gesamte Region von einer einzigen, dann aber starken Genossenschaft profitieren könne. Das ist auch der Traum des Vorsitzenden der Frauensteiner Winzergenossenschaft, Hans-Jürgen Wagner. Doch Wagner und Müller-Hagen sind sich einig, dass die Mitglieder bei allen Kooperations- und Fusionsprozessen „mitgenommen werden müssen“. So hat die Kiedricher Genossenschaft allein die technische Zusammenarbeit mit Erbach schon etliche Mitglieder gekostet, denen dieser Schritt zu weit ging. Einer Fusion stehen nach Wagners Worten viele Mitglieder ablehnend gegenüber, weil sie den Verlust der Identifikation befürchten.

          Die Weintrinker scheinen die Zusammenarbeit zu schätzen

          Für Müller-Hagen bringt die technische Zusammenarbeit der drei weiterhin selbständigen Genossenschaften, die für Vertrieb und Unterhalt ihrer Liegenschaften selbst zuständig bleiben, mehr Flexibilität und eine Stabilisierung der Auszahlungen an die Mitgliedswinzer. Wirtschaftlich zeigt sich Müller-Hagen zufrieden, denn die Winzer von Erbach hätten 2008 „so viel Wein wie nie zuvor in Flaschen verkauft“. Die Abgabe von Fassweinen zu niedrigen Preisen kann die Genossenschaft soweit möglich vermeiden. Wagner sagt, die anfängliche Skepsis auf beiden Seiten sei nach sieben Jahren der Zusammenarbeit der Erkenntnis gewichen, dass der Kostenanstieg gebremst und die Wirtschaftlichkeit deutlich verbessert worden sei.

          Dass weitergehende Fusionen nicht immer der richtige Weg sein müssen, zeigt für Wagner das Beispiel Hallgarten, wo drei Winzergenossenschaften vereinigt wurden, ohne langfristig wirtschaftliche Sicherheit gewonnen zu haben. Für die Harmonie der erweiterten Zusammenarbeit zwischen Erbach, Kiedrich und Frauenstein dagegen soll auch ein neuer Wein stehen: „Drei mal drei“ heißt die Cuvée aus Riesling, Müller-Thurgau und Grauburgunder der drei Genossenschaften. Die Weintrinker scheinen diese Art der Zusammenarbeit zu mögen: Der Tropfen ist schon ausverkauft.

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