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Vorlesungsbeginn an Unis : Lernen im Kinderzimmer statt im Hörsaal

Leere, wo sonst das studentische Leben pulsiert: die Rotunde des IG-Farben-Hauses auf dem Westend-Campus der Uni Frankfurt Bild: Samira Schulz

In den hessischen Hochschulen beginnt das Wintersemester wegen der Corona-Pandemie weitgehend digital. Dass Online-Lehre funktioniert, hat sich im Sommer gezeigt. Doch etwas Wichtiges fehlt.

          3 Min.

          In den Hochschulen der Region wird es an diesem Montag viel ruhiger zugehen als sonst, wenn die Vorlesungen des Wintersemesters beginnen. Auf Studieneinstiegs-Messen und Begrüßungsansprachen in vollen Hörsälen wurde wegen Corona generell verzichtet, und auch die meisten Lehrveranstaltungen können in den nächsten Wochen nur digital stattfinden.
          Zwar halten die Unis und das hessische Wissenschaftsministerium grundsätzlich am „Hybridsemester“-Modell fest, nach dem in den nächsten Monaten Online-Lehre mit Präsenzveranstaltungen kombiniert werden kann. Doch angesichts der dramatisch gestiegenen Ansteckungszahlen haben die Verantwortlichen in den vergangenen Tagen klargestellt, dass die Online-Lehre derzeit Vorrang hat: An den meisten Hochschulen sollen erst einmal nur solche Veranstaltungen auf dem Campus abgehalten werden, für die physische Anwesenheit unbedingt erforderlich ist – also zum Beispiel Laborpraktika.

          Sascha Zoske
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Die Grundversorgung an Lehre wird digital geleistet“, sagt Tanja Brühl, Präsidentin der Technischen Universität Darmstadt. Angesichts der Infektionslage werde ihre Universität den Präsenzanteil „noch einmal herunterschrauben“. Auch an den anderen Hochschulen wird es nach Worten von Brühl, die zurzeit Sprecherin der Konferenz Hessischer Universitätspräsidien ist, noch „kleinere Anpassungen“ im Veranstaltungsangebot geben. „Wir waren alle auf die zweite Welle vorbereitet. Deswegen müssen wir jetzt nicht das Ruder herumreißen.“

          „Die Liste noch einmal kritisch durchgeschaut“

          An der Universität Frankfurt wurden nach Angaben von Präsidentin Birgitta Wolff 730 Lehrveranstaltungen angemeldet, bei denen Studenten durchgehend oder zeitweise persönlich anwesend sein sollen. Diese Liste werde nun noch einmal „kritisch durchgeschaut“. Für die Universität Mainz gilt wie für die anderen staatlichen Hochschulen in Rheinland-Pfalz ebenfalls die Parole „Online first“: Nur absolut notwendige Präsenzveranstaltungen soll es laut Wissenschaftsministerium im November geben. Der Mainzer Uni-Präsident Georg Krausch sieht seine Hochschule auf diese Herausforderung gut vorbereitet. „Wir haben das nicht anders erwartet.“

          Dozenten und schon länger eingeschriebene Studenten werden also reichlich Gelegenheit haben, von den Erkenntnissen aus dem weitgehend digital absolvierten Sommersemester zu zehren. Dass die Online-Lehre grundsätzlich akzeptiert wird, zeigen Evaluationen an den Universitäten Frankfurt und Mainz. 77 Prozent der befragten Lehrenden an der Goethe-Uni und 64 Prozent der Studierenden gaben an, sie seien mit Angebot und Ablauf im Allgemeinen zufrieden gewesen. An der Gutenberg-Uni zeigten sich 44 Prozent der Dozenten zufrieden oder sogar sehr zufrieden. Der Anteil der Studenten, die diesen Bewertungen zustimmten, betrug 33 Prozent, während knapp 18 Prozent unzufrieden oder sehr unzufrieden waren.

          Studenten vermissen das Campusleben

          Alle Umfragen machen allerdings auch deutlich, dass vielen Hochschülern das Campusleben und der persönliche Austausch mit den Kommilitonen fehlen. Und wenngleich die Mehrheit zumindest ihre technische Ausstattung für gut hält, lassen manche Hilferufe ahnen, wie mühsam das Lernen fernab von Bibliothek und Seminarraum sein kann. Die Frankfurter Uni-Präsidentin Wolff berichtet, sie bekomme „herzergreifende Mails“ von Studenten, die sich zu Hause ein Zimmer mit jüngeren Geschwistern teilen müssten, sich deshalb nicht konzentrieren könnten und auch noch unter schlechten Internetverbindungen zu leiden hätten.

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          Noch häufiger haben Studierende der Hochschulen für angewandte Wissenschaften mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen. Nicht selten haben sie einen Migrationshintergrund, kommen aus eher bescheidenen Verhältnissen und sind die Ersten in ihrer Familie, die einen akademischen Abschluss anstreben. Frank Dievernich, Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences, hat schon erlebt, dass eine Studentin beim Schildern ihrer heimischen Arbeitsumstände in Tränen ausbrach. Oft seien gerade die Studierenden aus Einwandererhaushalten eng in familiäre Strukturen eingebunden, müssten sich um Verwandte kümmern und hätten Mühe, sich Freiräume fürs Lernen zu schaffen.

          Warnung vor steigenden Abbrecherzahlen

          Materiell können die Hochschulen solcher Not in gewissem Maß abhelfen. Sie stellen Laptops zur Verfügung und schaffen auf dem Campus zusätzliche Computerarbeitsplätze, die den Corona-Vorschriften genügen. Was sie nicht ersetzen können, ist der soziale Rückhalt, den die persönliche Nähe zu den Lern- und bisweilen auch Leidensgenossen im Semesterstress verschafft. „Wir können das Campusleben nicht digital abbilden“, weiß Präsident Dievernich. Er macht sich Sorgen, dass die Abbrecherzahlen steigen, wenn die integrierende Kraft des Gemeinschaftserlebnisses wegfällt. Seine Hoffnung ist deshalb, dass jeder Studienanfänger der Hochschule bis Februar „zumindest eine Veranstaltung in Kleingruppengröße“ besuchen kann.


          Dass die Universitäten durch das erzwungene Ausweichen in digitale Räume generell an Attraktivität verlieren, ist bisher nicht zu beobachten. An den größten Hochschulen des Rhein-Main-Gebiets haben sich die Anfänger- und Gesamtstudentenzahlen verglichen mit dem Wintersemester 2019/20 nicht dramatisch verändert. Die Uni Frankfurt kann gut 9300 Erstsemester begrüßen, etwa 600 weniger als vor einem Jahr, und wird damit wieder an die 46 000 Studenten zählen. In der Uni Mainz bleibt die Gesamtzahl mit rund 31 000 ebenfalls praktisch konstant. Ein Hochschulabschluss hat eben auch in Krisenzeiten seinen Wert – und die Erfahrung, mit Dutzenden Kommilitonen in einer Klausur zu schwitzen und anschließend befreit Party zu machen, wird den Anfängern dieses Corona-Herbstes früher oder später auch noch zuteilwerden.

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