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Winkeler Brentanohaus : Sofa mit sieben Beinen sucht Liebhaber

Polster verschlissen, Armlehne abgebrochen: Das Sofa im Roten Salon hat besonders gelitten Bild: Marcus Kaufhold

Im Brentanohaus ist der Rote Salon wieder an seinem angestammten Platz. Doch für die historische Ausstattung des Zentrums der Rhein-Romantik ist der Freundeskreis auf Unterstützer angewiesen.

          3 Min.

          Der erste Pate entschied sich schnell für Josephine. Die vierjährige Tochter von Antonia und Franz Brentano mit ihrem braunen Lockenkopf war 1808 von Joseph Karl Stieler mit Öl auf Leinwand verewigt worden. Der Restaurierungsbedarf für „Objekt Nr. 22“ gilt zwar als vergleichsweise gering, aber auch die Reinigung kostet eine beachtliche Summe. Rund 1400 Euro sind dafür veranschlagt. Aber für diese Summe steht schon eines der rund 150 Mitglieder des Freundeskreises Brentanohaus bereit. Der Mäzen ist einer der ersten Paten, der für die Restaurierung der Ausstattung des Roten Salons im Brentanohaus gewonnen wurde.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Viele weitere werden folgen müssen. Im Roten Salon stehen 25 Objekte zur baldigen Restaurierung an, darunter eine schöne Wellenkommode aus Nussbaum, ein klassizistischer Spiegel und ein spätklassizistisches Sofa mit sieben Beinen. Das Sofa hat besonders gelitten: Die Polsterung ist verschlissen und an einigen Stellen gerissen, eine Armlehne ist gebrochen, der Bezug verschmutzt. Entsprechend hoch ist der Aufwand.

          Der Vorsitzende des Freundeskreises, der frühere Landeskonservator Gerd Weiß, rechnet mit 5000 Euro allein für das Sofa. Für alle 25 Objekte werden wohl rund 50.000 Euro fällig. Kaum billiger wird die Reinigung des schönen Ölgemäldes von Franz Brentano, das ebenfalls Joseph Karl Stieler gemalt hat.

          Eindrucksvoller, fast vollständig erhaltener Bestand

          Die laufende Sanierung des Brentanohauses in Winkel ist zwar finanziell abgesichert, doch das gilt nicht für die historische Ausstattung. Auch nicht für das Bett, in dem Goethe einst schlief, und auch nicht für seinen Schreibtisch. Doch sein kleines Schlaf- und sein Arbeitszimmer, das er während seines Besuchs im Rheingau als Gast der Brentanos bezogen hatte, kommen erst später an die Reihe, ebenso der angrenzende große Salon und die kleine Bibliothek.

          Der Rote Salon ist der erste unter den fünf historischen Räumen, dessen Innensanierung abgeschlossen ist. Zuvor war er vom Erdgeschoss wieder in den ersten Stock verlegt worden, wo sein historisch korrekter Standort war. Nun geht es um den eindrucksvollen, fast vollständig erhaltenen Bestand an Ausstattungselementen aus dem späten 18. Jahrhundert. Dank historischer Aufzeichnungen ist genau bekannt, wo Spiegel und Sofa gestanden haben und wo dieses oder jenes Gemälde hing.

          Insgesamt kommt die 2015 begonnene Sanierung des Brentanohauses gut voran. Die Gebäudehülle aus der Mitte des 18. Jahrhunderts ist schon vollständig saniert, auch wenn die empfindliche Fassade zur Straßenseite hin wohl dauernder Aufmerksamkeit und Pflege bedarf. Während im linken Teil des Gebäudes noch die restauratorischen Voruntersuchungen laufen, ist der rechte mitten in der Sanierungsphase. Aber erst der Rote Salon ist fertig.

          Nicht ohne einige Abstriche

          Bei der historischen Genauigkeit der Restaurierung ging es nicht ohne einige Abstriche. Von der einstigen Tapete ist nichts mehr erhalten geblieben außer historischen Ansichten. Die Restauratoren behalfen sich bei der Wandgestaltung mit rot eingefärbtem Japan-Papier, was dem Raum gleichwohl eine authentische Atmosphäre gibt.

          Der Samtvorhang vor der Tür zum Ankleideraum ist schon restauriert, und das behutsame Vorgehen der Restauratoren zeigt sich daran, dass die Patina erhalten blieb. Erst auf den zweiten Blick zeigt sich, dass Risse im Samt geschlossen wurden: „Nun kann der Vorhang da wieder hundert Jahre hängen“, sagt Weiß.

          Die Vorhänge an den Fenstern sind abgenommen und ebenfalls bei den Restauratoren. So wird es nach den Hoffnungen des Freundeskreises in absehbarer Zeit allen Ausstattungsstücken ergehen, wenn sie einige Zeit bei einem versierten Restaurator landen. Die Reinigung des siebenbeinigen Sofas wird wohl längere Zeit in Anspruch nehmen, auch wenn nach Säuberung, Reparatur und der Unterfütterung der Polster dort künftig niemand mehr Platz nehmen soll.

          Der Museumsbetrieb läuft unterdessen weiter, schließlich soll das Haus zur Sanierung einen finanziellen Beitrag leisten. Und es gibt Unterstützung von großzügigen Spendern wie den Rotariern und der Rheingauer Volksbank. Die Trägergemeinschaft Brentanohaus wurde von der Corona-Krise insofern stark getroffen, als die an das Weingut Allendorf verpachtete Gastronomie im Brentanohaus wochenlang geschlossen war und dort keine Umsätze erzielt wurden. Daher gab es auch keinen Publikumsverkehr, von dem der museale Teil des Ensembles nebst Museumsladen hätte profitieren können.

          Dabei lohnt sich jeder Besuch, weil das Haus viele Schätze und Schätzchen bereithält, deren Wert sich bisweilen erst auf den zweiten Blick erschließt – und weil laut dem Freundeskreis-Vorsitzenden Weiß „viele Stücke eine besondere Geschichte erzählen“. Ein Beispiel dafür ist das unscheinbare Gemälde, das ein von Carl Friedrich Schinkel entworfenes Wohnhaus der Brentanos an der Mainzer Landstraße in Frankfurt zeigt, das längst abgerissen wurde.

          Für vorangemeldete Kleingruppen gibt es schon wieder Führungen, und der Freundeskreis hofft, auch auf diesem Weg den einen oder anderen Paten für Ausstattungsstücke zu finden. Nur ganz wenige Originale werden nach der Restaurierung nicht den Weg zurück ins Brentanohaus finden, so etwa der im Arbeitszimmer gerahmte Vierzeiler von Goethes eigener Hand. Er wird irgendwann durch ein Faksimile ersetzt werden müssen, wenn das Original auf Dauer erhalten werden soll.

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