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Windpark bei Stephanshausen : Kollisionsgefahr für Rotmilane

  • -Aktualisiert am

Natürlicher Feind des Windparks: ein Rotmilan Bild: dpa

Die vom Betreiber vorgelegten Gutachten halten den umstrittenen Windpark bei Stephanshausen für zulässig. Er biete eine „neue Dimension“ des Landschaftserlebnisses.

          3 Min.

          Sieben Aktenordner füllen die Antragsunterlagen des Wiesbadener Energieunternehmens Abo Wind, sie liegen in 15 Rathäusern beidseitig des Rheins aus. Bis Dienstag noch können sich Bürger ein Bild von dem geplanten Windpark machen und entscheiden, ob sie Einwände erheben. Weil das im November 2013 beantragte Projekt umstritten ist, wird mit einer großen Anzahl von Stellungnahmen gerechnet. Wer seine Bedenken schriftlich formuliert, der erhält bei der Anhörung am 24. Oktober in Geisenheim die Gelegenheit, sie mündlich vorzutragen und zu präzisieren.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Den Antragsunterlagen sind viele bislang nicht veröffentlichte Details zum Windpark zu entnehmen, der aus acht jeweils 199 Meter hohen Windrädern bestehen soll. Der Windpark, der im vierten Quartal 2018 in Betrieb gehen soll, würde eine Gesamtleistung von 19,2 Megawatt haben und rund 24 Millionen Euro kosten. Hinzu kommen weitere Kosten in unbekannter Höhe etwa für die elf Kilometer lange Stromtrasse vom Windpark zum Umspannwerk Geisenheim.

          Ein „nicht kalkulierbares Risiko“ bleibe

          Die Rotoren sollen sich 20 Jahre lang drehen mit einer Option auf weitere fünf Jahre. Danach würden die Windräder einschließlich des Betonfundaments abgerissen. Die Rückbaukosten je Windrad werden mit 94 000 Euro angegeben. Demnach müsste Abo Wind vor Baubeginn eine Sicherheit von gut 750 000 Euro hinterlegen, damit garantiert ist, dass dort dereinst wieder Bäume stehen können. Den Flächenbedarf im Wald gibt Abo Wind insgesamt mit bis zu 4,3 Hektar an.

          Die vom Betreiber bestellten Gutachten und Studien zu den diversen Aspekten des Windparks kommen sämtlich zu dem Schluss, dass dem Vorhaben keine „erheblichen“ Hürden entgegenstünden. Was im Einzelfall „erheblich“ ist, das dürfte im Genehmigungsprozess in jedem Fall noch zu einigem Streit führen. So zum Beispiel beim Schallschutz. Schon jetzt steht fest, dass zumindest drei der acht Windräder in der Nacht auf „schallreduzierten“ und damit weniger ertragreichen Betrieb umgestellt werden müssen, damit der Lärm für Einwohner von Stephanshausen nicht zu groß wird. In dem Geisenheimer Ortsteil sind die Befürchtungen groß, dass das nicht reichen wird. Ein weiteres Beispiel ist der Naturschutz.

          Die Gutachter haben die Auswirkungen auf Flora und Fauna untersucht und kommen zu dem Schluss, dass vor allem für in der Nähe brütende Rotmilane und Mäusebussarde eine „erhöhte Kollisionsgefahr“ bestehe und dass trotz aller denkbaren Versuche, die Flugkorridore dieser geschützten Vögel zu beeinflussen, ein „nicht kalkulierbares Risiko“ bleibe. Allerdings, so heißt es weiter, sei das Vertreiben des Mäusebussards von seinem angestammten Horst und ebenso der Verlust eines brütenden Rotmilan-Paares „nicht von relevanter Bedeutung“.

          Kein besonders grober Eingriff

          Das Bundesnaturschutzgesetz verbietet zwar die Störung „wildlebender Tiere der streng geschützten Arten und der europäischen Vogelarten während der Fortpflanzungs-, Aufzucht-, Mauser-, Überwinterungs- und Wanderungszeiten“. Es können aber Ausnahmen beantragt werden aus „zwingenden Gründen des überwiegenden öffentlichen Interesses einschließlich solcher sozialer oder wirtschaftlicher Art“. Und genau das bejahen die Gutachter, weil es „keine zumutbaren Alternativen“ gebe und sich der Bestand beider Vogelarten dadurch nicht verschlechtere.

          Auch für den Schwarzstorch, der in 2,7 Kilometer Entfernung seinen Horst hat, sehen die Gutachter im Gegensatz zu manchen Fachleuten im Rheingau keine Gefahr. Während des Zugs der Kraniche müssen die Windräder ohnehin abgeschaltet werden.

          Einer der größten Streitpunkte dürfte der Denkmalschutz sein, da der Windpark nahe an die Kernzone des Unesco-Welterbes Oberes Mittelrheintal heranrückt. Abo Wind hat 28 Visualisierungen des Windparks von verschiedenen Standorten aus vorgelegt und dabei wegen der Sorge des Landesdenkmalamts mehrfach Nachreichungen leisten müssen, ohne die Denkmalschützer damit ganz zufriedenzustellen. Zugegeben werden „mittlere bis deutliche“, aber keine „erheblichen“ Beeinträchtigungen der historischen Denkmäler. Die Simulationen zeigen aber, dass von der anderen Rheinseite, beispielsweise der Rochuskapelle aus, der Windpark noch deutlich zu sehen sein wird.

          Schon nach Ansicht des Regierungspräsidiums Darmstadt zeigen die Unterlagen von Abo Wind, dass „innerhalb eines Umkreises von zehn Kilometern und vereinzelt auch darüber hinaus nicht von vornherein ausgeschlossen werden kann, dass sich die jeweils 200 Meter hohen Anlagen erheblich auf das Landschaftsbild auswirken“. Nach den Angaben der Umweltverträglichkeitsstudie sind die Windräder zwar von vielen Stellen aus sichtbar. Gleichwohl sei dies „kein besonders grober Eingriff“ in das Landschaftsbild, und der Windpark sei daher insgesamt als „umweltverträglich“ einzustufen. Der Windpark füge dem Landschaftsempfinden zwar eine „weitere Dimension“ hinzu, beeinträchtige aber nicht „historischen Bezüge“ beim Verständnis der historischen Kulturlandschaft. Das Landesdenkmalamt kommt dem Vernehmen nach zu ganzen anderen Folgerungen.

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