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Willi van Ooyen : Der nette Kommunist von nebenan

  • -Aktualisiert am

„Pazifist ohne Wenn und Aber”: Willi van Ooyen Bild: ddp

Willi van Ooyen hat in seinem Leben oft genug bewiesen, dass er idealistisch und nicht indoktrinär handelt. Als Spitzenkandidat der hessischen „Linken“ führt er die Partei, der er selbst nicht angehört, in den Wahlkampf.

          „Ich bin Marxist, und die Bezeichnung Kommunist ist für mich kein Schimpfwort.“ Willi van Ooyen sagt das ohne Anflug von schlechtem Gewissen und ohne Angst, er könne mit solchen Sätzen zart besaitete Wähler verschrecken. Aus dem Spitzenkandidaten der Partei „Die Linke“ für die Landtagswahl 2008 spricht vielmehr das Selbstbewusstsein eines Mannes, der in seinem Leben oft genug bewiesen hat, dass er idealistisch und nicht indoktrinär handelt.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Der Reichtum dieser Gesellschaft muss gerechter verteilt werden.“ Der Frankfurter plädiert für einen Politikwechsel, nicht für einen Systemwechsel, und der Sozialismus steht für ihn – zumindest derzeit – „nicht auf der Tagesordnung“. Kurz: Ooyen gilt selbst bei CDU-Mitgliedern, Sozialdemokraten und Liberalen, die ihn persönlich kennen, als „der nette Kommunist von nebenan“. Aber auch als einer, der stets das Gute wolle, aber oft den Blick für die Realität verliere.

          Initiator von Ostermärschen

          Ooyens Lebenslauf liest sich wie der eines Vorzeige-Linken. Geboren in Weeze am Niederrhein als ältestes von sieben Kindern, erst Elektriker gelernt, dann Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht. Zivildienst, Studium der Geschichte und Pädagogik, Engagement gegen den Vietnam-Krieg und die Berufsverbote für Kommunisten. Kampf gegen Neonazis und Pinochet-Diktatur, Einsatz für die Friedensbewegung, Initiator von Ostermärschen und Protesten gegen die Globalisierung, seit 1997 pädagogischer Leiter der Praunheimer Werkstätten, einer Beschäftigungseinrichtung für rund 760 geistig Behinderte in Frankfurt.

          Nebenbei organisiert Ooyen unter anderem die Lieferung von Biogasanlagen nach Kuba, und er ist Sprecher des Bundesausschusses Friedensratschlag in Kassel, einer Organisation, die im hessischen Verfassungsschutzbericht als „linksextremistisch beeinflusste“ Organisation geführt wird. Zwei Aussagen vor allem stehen unverrückbar für den Sechzigjährigen: „Ich bin immer ein Linker gewesen“ und „Ich bin Pazifist ohne Wenn und Aber“. Der Einsatz von Gewalt war aus Sicht Ooyens weder gegen Adolf Hitler vertretbar, noch ist er es gegen Usama Bin Ladin oder muslimische Terroristen in Afghanistan.

          Individualist und Pragmatiker

          Weil das so ist, hat Ooyen auch keine Schwierigkeiten mit dem Thema, das seinen Vorgänger als Spitzenbewerber der „Linken“, Peter Metz, die Kandidatur gekostet hat. Auf das Stichwort „Schießbefehl“ war Metz zuerst der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr eingefallen. Diesen Fehler macht Metz nicht: „Wir sind überall für ein Schießverbot“, sagt er. Das habe an der ehemaligen innerdeutschen Grenze ebenso gegolten, wie es jetzt am Hindukusch gelte.

          Einmal war Ooyen bisher parteipolitisch gebunden, war Geschäftsführer der Deutschen Friedensunion, die, finanziell unterstützt von der SED, in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren etwas ähnliches anstrebte wie die „Linke“ heute: das Zusammenführen von Kommunisten, Sozialisten und unabhängigen Linken jenseits der SPD.

          Der Partei „Die Linke“ gehört deren Spitzenkandidat nicht an, und er hat auch nicht vor, ihr beizutreten. Ooyen ist Individualist und Pragmatiker. „Ich brauche kein Zentralkomitee.“ Ein Bündnis mit der SPD im Landtag schließt er nicht grundsätzlich aus, doch fehlen seiner Ansicht nach dafür die Voraussetzungen bei den Sozialdemokraten. „Ich sehe nicht, dass Andrea Ypsilanti gegen die Hälfte ihrer Partei ein linkes Profil entwickeln kann.“

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