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Insolventer Wursthersteller : Wilke geht, der Fleischskandal bleibt

  • Aktualisiert am

Die Ermittlungen zu dem Fleischskandal des Fleischherstellers Wilke Wurstwaren dauern noch an. Bild: dpa

Vor einem halben Jahr zog der Wilke-Fleischskandal bundesweit Kreise. Von der Firma, die ihn auslöste, ist nicht mehr viel übrig. Doch für Justiz, Politik und Foodwatch ist die Sache noch nicht abgeschlossen.

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          Den Ausverkauf beim insolventen Wursthersteller Wilke kann selbst die Corona-Krise nicht aufhalten: Werbeschilder, Maschinen, Fahrzeuge – fast alles, was sich bei der nordhessischen Firma zu Geld machen ließ, ist mittlerweile verkauft. „Wir haben noch 10 bis 20 Positionen, doch das ist nicht der Rede wert“, sagt Auktionator Hubert Küpers von der Industrie-Verwertungs-GmbH (IVG).

          1200 Verkaufspositionen seien es ursprünglich gewesen. Der Erlös liege im siebenstelligen Bereich – und werde zum Großteil an die Gläubiger des Fleischwarenproduzenten gehen. Ein Teil der Geräte stehe noch am Firmenstandort in Twistetal-Berndorf – ausländische Käufer hätten sie wegen der Coronakrise noch nicht abgeholt.

          Todesfälle durch Wilke-Produkte

          Vor einem halben Jahr sorgte die Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren GmbH & Co. KG für einen Lebensmittelskandal: Am 2. Oktober 2019 teilte der für die Lebensmittelüberwachung vor Ort zuständige Landkreis Waldeck-Frankenberg mit, dass man den Fleischhersteller mit 200 Mitarbeitern geschlossen habe. In seinen Waren seien mehrmals Listerien nachgewiesen worden. Todesfälle würden mit Wilke-Produkten in Verbindung gebracht. Die Keime können bei geschwächtem Immunsystem lebensgefährlich sein.

          Es folgte eine weltweite Rückrufaktion. Bei der wurde schnell die Nachvollziehbarkeit des Wegs der Wurstwaren in den Handel zum Streitpunkt. Hieß es anfangs, das Fleisch sei nur unter dem Firmennamen verkauft worden, wurde schnell klar: Wilke-Wurst landete auch in Kantinen, Schnellrestaurants, Handelsmarken. Immer wieder forderte die Verbraucherorganisation Foodwatch die Offenlegung aller Informationen zu Verkaufsstellen.

          In die Kritik gerieten auch die Lebensmittelkontrolleure: Verbraucherschutzministerin Priska Hinz (Grüne) und der Landkreis Waldeck-Frankenberg räumten Fehler auf allen Ebenen ein. Unter anderem leitete das Ministerium eine Nachricht des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit über eine Verbindung von Wilke-Produkten zu Krankheitsfällen Tage zu spät an den Kreis weiter. Dieser hatte laut Ministerium deutlich zu wenig kontrolliert und unzureichend über Hygiene-Missstände bei Wilke berichtet.

          Fahrlässige Tötung und Körperverletzung

          Der Fleischskandal weitete sich aus. Prüfberichte schilderten Ekeldetails von unhaltbaren Zuständen im Betrieb. Wilke wurde zu einem Fall für die Justiz: 37 Krankheitsfälle, darunter drei Todesfälle, werden mit Produkten der Firma in Verbindung gebracht. Die Staatsanwaltschaft Kassel ermittelt gegen Geschäftsführer, stellvertretende Geschäftsführerin und Produktionsleiter. „Neben dem Verdacht der fahrlässigen Tötung, der fahrlässigen Körperverletzung und des Verstoßes gegen das Lebensmittel- und Futtergesetzbuch besteht nunmehr auch der anfängliche Verdacht des gewerbsmäßigen Betruges gegen die Beschuldigten“, sagt Justizsprecher Andreas Thöne. Ob und wann es zur Anklage kommt, ist unklar.

          Verwaltungsrechtlich ist der Fall Wilke offenbar abgeschlossen. Vergeblich hatte sich das Unternehmen vor Verwaltungsgericht und -gerichtshof per Eilantrag gegen die Schließung gewehrt - möglicherweise auch um Schadensersatzansprüche zu wahren. Doch zu einem Hauptverfahren kam es nie.

          Die Stilllegung der Firma ist laut dem zuständigen Landkreis inzwischen abgeschlossen. Ein Käufer fand sich nicht. Mit 120.000 Euro war der Kreis für Wilke in Vorleistung gegangen. Ob er das Geld wiedersieht, ist unklar. Momentan arbeite man daran, dass „eine sinnvolle und nachhaltige Nutzung des durchaus ortsbildprägenden Firmengeländes gefunden wird“, sagt eine Sprecherin.

          Auch das Land Hessen hat weiter mit den Folgen des Falls zu tun. Das Verbraucherschutzministerium hat nach eigenen Angaben die Lebensmittelüberwachung deutlich gestrafft. Die konkrete Umsetzung aller Konsequenzen aus dem Fall Wilke werde jedoch noch etwas Zeit dauern.

          Auch für Foodwatch ist die Sache nicht abgehakt: „Die Lebensmittelsicherheit in Hessen ist in extrem schlechten Händen“, erklärt Andreas Winkler, Sprecher der Verbraucherorganisation. Er spricht von einer „Verweigerungshaltung“ der Zuständigen: „Die politisch Verantwortlichen sitzen den Skandal aus anstatt Vorschläge zu machen, wie ein solcher Skandal in Zukunft vermieden werden kann - das ist ein eklatantes Amtsversagen.“

          Struktur und personelle Ausstattung der Lebensmittelkontrolle in Hessen seien weiterhin mangelhaft. Die Landesregierung müsse eine politisch unabhängige und personell ausreichend ausgestattete Landesanstalt für Lebensmittelüberwachung schaffen, die anstelle der Landkreise die Betriebskontrollen organisiere. Auf Bundesebene sei eine Gesetzesänderung nötig: Behörden und Händler müssten endlich ohne Ermessensspielräume verpflichtet werden, alle gesundheitsrelevanten Informationen über Lebensmittel öffentlich zu machen.

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