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Wildtier-Pflegerin : „Wir fahren die Natur an die Wand“

  • -Aktualisiert am

Medizin, Ruhe und Rückzug: Lisa Stallzus mit dem alten Schwan Tiberius Bild: Michael Kretzer

Lisa Stallzus hilft seit Jahren verletzten Wildtieren. In diesem Jahr waren es so viele wie noch nie. Ein Rekord, auf den sie verzichten könnte.

          „Sie legen sich bitte nicht mit einem Schwan an“, sagt Lisa Stallzus ruhig und eindringlich in ihr Headset-Mikro. Die Anruferin bekommt die Telefonnummer von Helfern, die wissen, wie ein Schwan mit gebrochenem Fuß behandelt werden muss. Vielleicht kommt er in eine Auffangstation in der Region, die Tierhelfer sind gut vernetzt; es könnte aber auch sein, dass das Tier zu Stallzus ans Oberfeld im Osten Darmstadts kommt. Seit 14 Jahren kümmert sie sich um verletzte und kranke Wildtiere, überwiegend Vögel. Ehrenamtlich. In den vergangenen Jahren sind es immer mehr geworden, dieses Jahr wurde die „600er-Marke geknackt“, sagt Stallzus. Ein Grund zur Freude ist das nicht.

          Die Hitze, die lange Trockenheit und das Insektensterben – für Elstern, Eichelhäher, Krähen und viele andere Vögel ging es im Sommer ums Überleben. Schwache, verletzte und kranke Tiere wurden von Stallzus aufgepäppelt. Zurzeit sind ein Storch, um die 30 Tauben, zwei Elstern und sechs Krähen bei ihr in den Volieren im Garten und auf der Wiese hinterm Haus in Obhut. Seit einer Weile auch ein alter Schwan. Für ihn legte sie extra einen Schwanenteich an.

          „Das höchste Gut ist die Freiheit“

          Stallzus bindet sich nicht an die Tiere, sie dürfen nicht auf ihr sitzen; an Menschen sollen sie sich nicht gewöhnen: „Das höchste Gut ist die Freiheit. Sie haben ein Recht auf ihre Freiheit“, sagt die Vierundfünfzigjährige, die sich bereits als Kind um verletzte Tiere kümmerte. Was privat anfing, wurde mit der Zeit immer größer. Das Darmstädter Tierheim nahm sie „unter ihre Fittiche“, wie Stallzus sagt, wodurch das Tier- und Naturschutzprojekt „Die Feder“ sich inzwischen durch Spenden finanziert. Eine Voliere für die Holzhütte konnte so gekauft werden.

          Zurzeit hat sie sehr junge und verletzte Vögel in mehreren Tierboxen in der Hütte untergebracht, die aufgrund ihrer Verfassung noch nicht zu den anderen in die Volieren im Freien können. Zwei kleinen, laut piepsenden Stadttauben gibt sie alle drei Stunden mit einer Spritze Futter.

          Zu tun ist immer etwas. Wenn Hochsaison ist, Mitte Juli bis Mitte August, kann es sein, dass Stallzus den ganzen Tag nicht aus dem Anzug herauskommt: Anrufe am laufenden Band, von acht bis 20 Uhr. Während Stallzus über ihr Headset die Gespräche führt und koordiniert, versorgt sie die Tiere – Futter vorbereiten, füttern, medizinische Versorgung, Volieren und Boxen reinigen.

          Ein trauriges Resumee

          Viele Jungvögel seien unterernährt zu ihr gekommen; dieses Jahr sei es besonders schlimm gewesen und oft waren sie kurz vor dem Verhungern. Vor allem die Insektenfresser habe es böse getroffen, sagt Stallzus. „Wir fahren die Natur an die Wand“, lautet ihr trauriges Resümee.

          Um Vögeln zu helfen, rät sie, die Tiere das ganze Jahr hindurch zu füttern. Ein „unordentlicher Garten“, in dem Äste und Blätter liegen blieben und alles naturnah gestaltet sei, würde Vögeln und vielen anderen Tieren ebenfalls helfen.

          In der ruhigeren Jahreszeit arbeitet Stallzus als Tierheilpraktikerin und bildet sich weiter, lernt bei Falknern und besucht an der Uni Gießen Seminare zur Wildbiologie. Ihre Aufzuchtstation ist staatlich anerkannt. Das heißt auch, dass Sachkundeprüfungen abgelegt werden müssen, die vom Veterinäramt zu der jeweiligen Tierart geprüft werden.

          Medizin, Ruhe und Rückzug

          Den Tieren, die bei ihr in Pflege kommen, bietet Stallzus Medizin, Ruhe und Rückzug. „Erst wenn das Gefieder gut ist, die Tiere gesund und robust sind, kann die Auswilderung beginnen“, hebt sie hervor. Und auch die Rahmenbedingungen müssen stimmen – wenn die Nächte kalt sind, wildert sie nicht aus. Mitunter fährt sie für diesen Zweck kilometerweit, um den geeigneten Ort zu finden oder um die Tiere wieder an ihren Fundort zurückzubringen.

          Seit sechs, sieben Jahren ist es so viel geworden, dass ihr Mann sie oft kaum noch sieht und sie sich von ihm „Ende Februar verabschiedet – im Oktober finden wir uns wieder“, wie Stallzus schmunzelnd sagt. Sie brenne für ihr Ehrenamt, gleichwohl würde sie sich wünschen, dass jedes Tier bei seiner Familie bleiben könne und die Volieren leer wären. So ist das aber nicht und noch ist alles „gerade so stemmbar“.

          Trotzdem muss sie rechtzeitig die Reißleine ziehen. 60 bis 75 Vögel kann Stallzus gut auf einmal versorgen. Den Tieren helfe es aber nicht, wenn zu viele aufgenommen würden. Dann telefoniert Stallzus herum. Sie arbeitet eng mit der Wildtierhilfe Schäfer in Dreieich und dem „Koboldhof“, der Wildtierhilfe Odenwald in Bad König, zusammen. „Die Finder völlig alleinlassen musste ich noch nicht. Es findet sich eigentlich immer eine Lösung“, hebt sie hervor.

          Informationen zum Projekt gibt es auf der Seite www.tsv-darmstadt.de Kontakt zu Lisa Stallzus unter der Telefonnummer 0160 - 97 05 97 08 von 8 bis 20 Uhr.

           

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