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: Wiesbadener sollen über Schicksale "stolpern"

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Der Kölner Gunter Demnig soll auch in Wiesbaden "Stolpersteine" zur Erinnerung an die Opfer des nationalsozialistischen Gewaltregimes verlegen. Das wünschen sich die Fraktionen von SPD und Grünen, die ...

          Der Kölner Gunter Demnig soll auch in Wiesbaden "Stolpersteine" zur Erinnerung an die Opfer des nationalsozialistischen Gewaltregimes verlegen. Das wünschen sich die Fraktionen von SPD und Grünen, die das Thema am 9.November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, im Ausschuß für Bürgerbeteiligung, Völkerverständigung und Integration zur Sprache bringen wollen. Wie der Ausschußvorsitzende Hubert Müller (Die Grünen) und der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Rathausfraktion, Peter Schickel, bei der Vorstellung des Projekts sagten, hoffe man auf Unterstützung auch der anderen Fraktionen.

          Um nach Möglichkeit sogar einen fraktionsübergreifenden Antrag mit CDU und FDP zustande zu bringen, habe man in den ursprünglichen rot-grünen Gemeinschaftsantrag den Hinweis der Union aufgenommen, daß die Steine "im Einvernehmen" mit den Besitzern der anliegenden Häuser verlegt werden sollten. Wie die kulturpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Rose-Lore Scholz, auf Anfrage sagte, gebe es dazu zwar noch keinen Fraktionsbeschluß, doch vorbehaltlich der Zustimmung der jeweiligen Hausbesitzer stehe der CDU-Arbeitskreis Schule und Kultur dem Projekt "sehr aufgeschlossen gegenüber".

          Mit dem rot-grünen Antrag wird der Magistrat aufgefordert, das Projekt zu unterstützen, indem er die Verlegung der Steine im öffentlichen Straßenraum genehmige, bei der Recherche nach ehemaligen Wohnorten von Opfern des Nationalsozialismus in Wiesbaden helfe und dafür sorge, daß "Stolpersteine" auch nach Straßenbauarbeiten wieder fachgerecht an Ort und Stelle plaziert würden.

          Demnig läßt seine "Stolpersteine" seit Mitte der neunziger Jahre in die Fußwege vor den Häusern von Nazi-Opfern ein. Das von ihm für ganz Europa konzipierte Projekt hat mittlerweile in 55Städten, von Hamburg und Berlin über Frankfurt bis Nürnberg, seinen Niederschlag gefunden. Bei den "Stolpersteinen" handelt es sich um kleine quadratische Betonsteine von zehn Zentimetern Seitenlänge, die der Künstler, überzogen mit Messingplatten, plan im öffentlichen Raum verlegt. In die Messingplatten arbeitet er von Hand auf die jeweilige von den Nazis ermordete Person verweisende Inschriften ein; neben dem Namen sind das, wenn bekannt, beispielsweise auch das Datum der Deportation und der Ort, wohin die betreffende Person verschleppt wurde,sowieihr Todestag.

          Der Künstler hat bislang mehr als 4000 solcher Steine in Erinnerung nicht nur an ermordete Juden verlegt; die Steine erinnern auch an ebenfalls verfolgte Roma und Sinti, politische Opfer, Christen, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und behinderte Menschen.

          Der Begriff "Stolpersteine" will im übertragenen Sinn verstanden werden: Menschen sollen gedanklich über die Steine "stolpern" und so dazu angeregt werden, sich mit den Schicksalen der Verfolgten und Ermordeten zu befassen. Jeder "persönliche Stein" symbolisiert für den Künstler aber zugleich alle Opfer - wobei ihm wohl die Grenzen seines Großprojekts mit Blick auf die vielen Millionen Steine, die eigentlich verlegt werden müßten, bewußt sind. In Wiesbaden wären das mehr als 1200 allein für die deportierten und ermordeten Juden, wobei die Zahlen etwa aus Biebrich oder den AKK-Vororten Amöneburg, Kostheim, Kastel noch nicht einmal bekannt sind.

          SPD und Grüne stellen sich vor, daß die Steine in Wiesbaden wie in anderen Städten auch von Bürgern finanziert werden, die das Gedenken wach halten wollen. Als Träger des Projekts, hieß es gestern, könnte die Wiesbaden Stiftung oder ein noch zu gründender Verein fungieren. Etwa 50"Stolperstein-Patenschaften" konnten die Initiatoren schon vorweisen; jeder Stein kostet 95 Euro.

          Schickel verwies darauf, daß ein von der Bürgerschaft getragenes Vorhaben dieser Art in keiner Weise in Konkurrenz zu den anderen von der Stadtverordnetenversammlung beschlossenen Gedenkprojekten stehe, die seit Jahren darauf warteten, verwirklicht zu werden. Daß jetzt trotzdem wieder ein neues Erinnerungsprojekt angestoßen werden soll, ist für den Stadtverordneten kein Widerspruch: "Ich nutze jede Gelegenheit, die Erinnerung an die Verbrechen im staatlichen Namen wachzuhalten."

          SPD und Grüne wollen demnächst auf einer öffentlichen Veranstaltung über das Vorhaben informieren. Obgleich eigentlich für 2005 "ausgebucht", hat Demnig nach Angaben Müllers zugesagt, schon im nächsten Jahr gegebenenfalls auch in Wiesbaden zu beginnen. müg.

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