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Wiesbadener Ahnengalerie : Vorerst kein Platz für Sven Gerich

  • -Aktualisiert am

Die Galerie: Helmut Müller (rechts) hat gut lachen, denn sein Porträt hat einen Platz im Wiesbadener Rathaus gefunden. Bild: Marcus Kaufhold

In der Ahnengalerie der Wiesbadener Oberbürgermeister klafft eine Lücke. Dabei wurde das Porträtbild des aus dem Amt geschienenen und rechtskräftig verurteilten Sven Gerich schon gemalt, wenn auch ohne offiziellen Auftrag der Stadt.

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          Die Landeshauptstadt ist stolz auf ihre Oberbürgermeister, wenn auch nicht auf alle. Der seit 2019 amtierende Gert-Uwe Mende (SPD) ist der 16. in der langen Reihe Wiesbadener Stadtoberhäupter seit der Kaiserzeit. Carl von Ibell war der Erste, der 1886 diesen Titel tragen durfte. Genau ein Jahr, bevor das Neue Rathaus am Schlossplatz fertig wurde. Der Neubau nach dem Entwurf des Münchner Architekten Georg von Hauberrisser bildete ein architektonisches Gegengewicht zum Stadtschloss und war Ausdruck des Wiesbadener Selbstbewusstseins.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Ibell regiert bis 1913, und er ist der Erste in der Ahnenreihe der Oberbürgermeister, deren gemalte Porträts im Flur des ersten Stockes neben dem Festsaal gezeigt werden. Bislang hängen dort 14 Porträts, die von zwei Künstlern gemalt wurden: Von dem 1992 verstorbenen Klaus Böttger und von Matthias Gessinger. Die Stadt hat dazu vor einigen Jahren ein kleines Heft mit durchaus kritischen Kurzporträts der Oberbürgermeister herausgegeben, zu dessen Lektüre im Vorwort Sven Gerich (SPD) herzlich einlädt.

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          AfD thematisiert Porträt-Frage

          Die Galerie der Ehemaligen hat der 2019 nach nur einer Wahlperiode wegen Vorwürfen der Vorteilsnahme aus dem Amt geschiedene und 2020 rechtskräftig verurteilte Gerich bisher nicht bereichert. Eine Lücke, die ausgerechnet die AfD-Fraktion im Stadtparlament mit einer Kleinen Anfrage thematisiert hat. Wann und zu welchen Kosten mit einem Porträt Gerichs zu rechnen sei und wer den Auftrag dazu vergebe, wollte der Stadtverordnete Klaus-Dieter Lork (AfD) erfahren.

          So schnell werde das nicht der Fall sein, ließ der amtierende Rathauschef Mende die Stadtverordneten wissen. Nach seiner Ansicht sollten nach dem Ausscheiden aus dem Amt drei bis fünf Jahre vergehen, ehe ein Porträt aufgehängt werde. Ein Regelwerk dazu gebe es zwar nicht. Aber innerhalb der nächsten beiden Jahre werde eine Entscheidung fallen. Erst im Jahr 2017, und damit vier Jahre nach dessen Ausscheiden, war das Gessinger-Porträt von Helmut Müller (CDU) aufgehängt worden. Mende gab aber in seiner Antwort eine Merkwürdigkeit preis: Es gibt schon ein Gerich-Porträt, das ebenfalls Gessinger gemalt hat. Allerdings ohne offiziellen Auftrag der Stadt. Jedenfalls ist ein solcher Auftrag nicht aktenkundig. Nachfragen dazu sind nicht mehr möglich, denn der vielfach preisgekrönte Wiesbadener Kulturpreisträger ist vor wenigen Tagen gestorben.

          Persönlicher Dauerauftrag

          „Mit seinem beeindruckenden künstlerischen Werk gehört er zu den profilbildenden Künstlerpersönlichkeiten Wiesbadens“, heißt es im Nachruf von Mende und Kulturdezernent Imholz. Und ausdrücklich wird erwähnt, dass Gessinger „noch vor einigen Jahren die Portraits der Wiesbadener Oberbürgermeister im Rathaus in beeindruckender künstlerischer Qualität vervollständigt hat“. Bei dieser durchaus schwierigen Aufgabe habe Gessinger seine hervorragende künstlerische und technische Kompetenz eindrücklich unterstrichen, so das Lob von Mende und Imholz.

          Noch nicht in der Galerie: Ehemaliger Wiesbadener Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD)
          Noch nicht in der Galerie: Ehemaliger Wiesbadener Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) : Bild: dpa

          Gessinger hatte 2015 durch einen – bis heute nicht veröffentlichten – Magistratsbeschluss den Auftrag unmittelbar von Gerich erhalten, die fehlenden Porträts ehemaliger Oberbürgermeister im Stil von Böttger zu malen, weil vorliegende Bilder früherer Oberbürgermeister nur in unterschiedlichen Formaten vorlagen. Das hatte zur Kritik von Rathausbesuchern geführt. Und Gessinger hatte die Ankündigung von Gerich im Magistrat, dass „die Porträtserie der Oberbürgermeister fortgeführt werden soll“, offenbar als persönlichen Dauerauftrag verstanden.

          Das überschwängliche Lob für die Arbeiten von Gessinger lässt erwarten, dass auch das Gerich-Porträt nach den Maßstäben der Stadt sehr gut gelungen ist. Doch ob dieses Bild jemals aufgehängt wird, wird laut Mende erst „zu gegebener Zeit zu entscheiden sein“. Und ob Gerich darauf ebenso verschmitzt lächelt wie Müller, bleibt vorerst Spekulation. Denn das Gerich-Bild kann nicht besichtigt werden. Die Verwaltung weiß nicht einmal, wo es ist. „Vermutlich im Nachlass von Herrn Gessinger“, heißt es auf Anfrage von der Pressestelle im Rathaus: „Aber das ist eine Vermutung.“

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