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Wiesbaden : Wenn Kinder auf dem Campus die Wissenschaften entdecken

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Auf diesem Campus gibt es Bafög für alle. Zentnerschwere Unterlagen und Belege mußte Malia Bauer nicht einreichen, um ihre fünf "Campi" am Tag einstreichen zu können. Weil ihr der Zuschuß nicht reicht, teilt sie das Los vieler anderer Kommilitonen: Sie jobbt nebenher.

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          Auf diesem Campus gibt es Bafög für alle. Zentnerschwere Unterlagen und Belege mußte Malia Bauer nicht einreichen, um ihre fünf "Campi" am Tag einstreichen zu können. Weil ihr der Zuschuß nicht reicht, teilt sie das Los vieler anderer Kommilitonen: Sie jobbt nebenher. Einen Tag in der Woche wird gearbeitet, dann geht es wieder in den Hörsaal. Malia hat einen Job mit Verantwortung. Sie arbeitet in der Universitätsverwaltung, erstellt Studentenausweise, drückt Stempel auf Seminarscheine. Dafür bekommt sie einen zusätzlichen "Campi" am Tag. Den will sie gleich in der Uni-Cafeteria auf den Kopf hauen: "Von Sparen halte ich nicht viel."

          Malia muß sich über Zukunftsvorsorge noch nicht den Kopf zerbrechen. Und wie die Karriere nach dem Diplom weiterverläuft, kann ihr auch noch herzlich egal sein. Eine ewige Studentin wird dennoch nicht aus ihr. Malia hat sich auf Wiesbadens erstem Kindercampus im Kinderhaus Elsässer Platz immatrikuliert. Gemeinsam mit 80 anderen Kindern zwischen sieben und zwölf Jahren nimmt sie eine Woche lang an einem Planspiel teil, das die Strukturen einer "richtigen" Universität kopiert. Hier gibt es Seminare und Vorlesungen, verschiedene Institute und Exkursionen. So, belehrt das Vorlesungsverzeichnis, nennt man an der Uni die Ausflüge. Die Ferienaktion vom Amt für Soziale Arbeit will spielerisch einen Eindruck vom Lernen an der Uni vermitteln. Gemeinsames Oberthema der Veranstaltungen ist "Wiesbaden - meine Stadt?!". Auch das Studentenleben kommt nicht zu kurz. Am Freitag steigt die "wilde Diplom-Party".

          Im wissenschaftlichen Institut steht Jura auf dem Seminarplan. Thema Kinderrechte. "Wo könnt ihr in Wiesbaden mitentscheiden?" fragt die Dozentin. Auf einem Flipchart werden Stichworte gesammelt. In der Schule, zu Hause, auf dem Spielplatz. Aber in der Politik? Ein Junge schüttelt resigniert den Kopf: "Wenn ich sage, daß Schröder Kanzler werden soll, dann interessiert das niemand." Falsch, meint die Dozentin und zählt die Gremien auf, in denen Kinder in Wiesbaden gehört werden: Kinder-, Jugend- und Gemeindezentren, Kultur vor Ort, Aktive Kinderstadt. In der Berufsakademie nebenan geht es um die Verbindung von Theorie und Praxis. Im Garten des Kinderhauses am Elsässer Platz hat der Bildhauer Alexander Lihl ein kleines Häuschen gemauert. Der Rohbau steht schon, die jungen Studenten übernehmen die Fassadengestaltung. Sie zertrümmern bunte Fliesen und legen Mosaike. Vorlagen aus dem Tierreich finden sie in Bildbänden, aber in der Regel genügt ihnen die Phantasie. Lihl freut der Erfindungsreichtum: "Kinderwelten sind faszinierend. Ihre Naivität wünscht sich mancher Künstler zurück." 35 solcher Häuser hat der Bildhauer schon in Deutschland und Österreich aufgebaut. Auch über die arabischen Ursprünge der Mosaiktechnik können die Kinder bei ihm etwas lernen. In der Moderne wurde im Jugendstil viel mit Mosaiken gearbeitet: "Ihr müßt euch nur einmal aufmerksam Wiesbadens Fassaden anschauen."

          Das Vorlesungsverzeichnis ist straff gefüllt: Ein "Studium Universale" im Fachgebiet Wiesbadenforschung. Bauingenieure der Fachhochschule dozieren unter der Überschrift "Wiesbaden, gestern, heute und morgen" über die Stadtgeschichte, Magistratsmitglieder erklären die Stadtpolitik. Ausflüge, pardon, Exkursionen führen auf die Großbaustelle Liliencarree, an den Wellritzbach und auf die Mülldeponie, im Sportinstitut trainiert man für das Radsportabzeichen, im Musik-Institut wird eine Platte aufgenommen. Die Künstlerin Angelika Dautzenberg lehrt im Kunstinstitut Stadtgestaltung. Fotografien von Singapur, Toronto und San Gimignano dienen als Vorlage, an denen die Kinder die Proportionen von Gebäuden studieren können. Neben dem Bild eines Mädchens liegt ein Panorama von Venedig. Konzentriert überträgt sie mit Pinsel und grüner Farbe die Dächer der Stadt auf ihr Papier.

          Die Größe der Seminare, die parallel stattfinden, ist überschaubar. Meist sitzen nicht mehr als 15 Kinder in einem Raum. Angst, etwas zu verpassen, muß niemand haben. Denn auf dem Kindercampus kann man sich an jedem Morgen neu einschreiben und auch einen der begehrten Studentenjobs ergattern. Lena arbeitet als Reporterin für die Uni-Zeitung, die abends erscheint. Das Recherchieren macht ihr zwar Spaß, aber als Lebensaufgabe will sie sich dann doch lieber dem Tanzen verschreiben.

          Ein Planspiel kann eine eigene Dynamik entwickeln. Beim Pilotprojekt für den Kindercampus, so berichtet die Projektleiterin Annabell Schirra von Kultur vor Ort, ist es zu einem spontanen Streik gekommen. Der Grund waren nicht Studiengebühren oder überfüllte Seminare. Die überhöhten Preise in der Cafeteria hat die Kommilitonen auf die Barrikaden getrieben. Allerdings ist der Kindercampus wohl auch die erste hessische Universität, an der Studiengebühren für Erstsemester erhoben werden. Für 50 Euro bekommt man hier eine Woche lang ein "Studium Universale". Rainer Schulze

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