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Wiesbaden vergibt Ehrung : Die „geteilte Intentionalität“ im Blick

  • -Aktualisiert am

Fast ein Kinderspiel: Michael Tomasello beobachtet einen Versuch. Bild: MPI f.evolutionäre Anthropologie

Der Verhaltensforscher Michael Tomasello ist in Wiesbaden mit dem Hellmuth-Plessner-Preis ausgezeichnet worden. Dieser wurde zum ersten Mal vergeben.

          „Seine Wahl markiert eine Qualitätsstufe, die es künftig einzuhalten gilt.“ Die lobenden Worte von Wiesbadens Kulturdezernentin Rose-Lore Scholz (CDU) galten dem Anthropologen und Verhaltensforscher Michael Tomasello. Der Amerikaner, Kodirektor des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, ist erster Träger des Wiesbadener Hellmuth-Plessner-Preises. Der Wiesbadener Philosoph wäre am Tage der Preisverleihung, dem 4. September, 122 Jahre alt geworden. Der auf Anregung der Helmuth-Plessner-Gesellschaft gestiftete Preis soll künftig im Drei-Jahres-Rhythmus vergeben werden.

          Der Amerikaner Tomasello geht in einem interdisziplinären Ansatz der Frage nach, durch welche kognitiven Prozesse sich Menschen von Menschenaffen unterscheiden. Tomasello sei schon mit vielen Auszeichnungen gesegnet, sagte Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) im Festsaal des Rathauses. Doch hoffe er, dass ihm der Preis in Erinnerung bleibe.

          Preis mit 20.000 Euro dotiert

          Daran ließ der Anthropologe keinen Zweifel. In den Vereinigten Staaten sei es undenkbar, dass eine Stadt einen solchen Preis an einen Wissenschaftler vergebe. Man werde „toleriert, aber nicht gefeiert“, berichtete Tomasello. Er lobte die in Deutschland herrschende „intellektuelle Kultur“. In Leipzig seien Straßen nach Philosophen benannt, in Amerika dagegen nach Sportlern, so die pointierte Behauptung des Forschers, der 1998 nach Deutschland kam.

          Geht es nach der Stadt, so wird sich der noch von Gerichs Vorgänger Helmut Müller (CDU) auf den Weg gebrachte und mit 20.000 Euro dotierte Preis zu einer international bedeutenden Auszeichnung auf dem Feld der Kultur-, Sozial- und Lebenswissenschaften entwickeln. Auch soll Plessner damit mehr Raum in der Öffentlichkeit erhalten. Seine Arbeit „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ gehört zu den meistdiskutierten Denkansätzen der philosophischen Anthropologie.

          Tomasello stehe zwischen Ansätzen des Kulturalismus und Naturalimus

          Er mache eine „kurze, aber tiefe Verbeugung“ in Richtung der Stadt, die die Stiftung des Preises ermöglicht habe, sagte der Präsident der Plessner-Gesellschaft, Joachim Fischer. In seiner Laudatio bezeichnete er Tomasello als „Forschungshelden der philosophischen Anthropologie im 21. Jahrhundert.“ Denn der Preisträger bewege sich auf einem umkämpften Feld. Gegenwärtig herrsche ein Krieg der Theorieansätze um den „Begriff des Menschen“. Die feindlichen Lager sind nach den Worten Fischers der Naturalismus und der Kulturalismus.

          Doch Tomasello lasse sich weder auf das Spiel des Naturalismus ein, alle Kultur auf Gene zu reduzieren; noch auf das Spiel des Kulturalismus, die naturale Verankerung auszublenden. Das „Heroische“ an Tomasellos Ansatz liegt für Fischer darin, dass er den Unterschied zwischen Menschen und Primaten nicht an der Sprache festmacht, sondern an der „nichtsprachlichen Zeigegeste“, die Weichensteller für die Sonderstellung des Menschen gewesen sei.

          Schon kleine Kinder, so beschrieb Fischer Tomasellos Erkenntnis, ließen ihre Blicke mit einem Fingerzeig zu einem dritten Ort lenken. Sie übernähmen die Perspektive des anderen auf das gemeinsame Dritte. Die Geste ermögliche es, Wissen zu teilen und gemeinsam Ziele zu verfolgen. Das Phänomen, von Tomasello als „shared intentionality“, „geteilte Intentionalität“, beschrieben, erweise sich wohl als Überlebensvorteil kleiner Menschengruppen gegenüber anderen Primaten. Zum Schluss schlug Fischer noch einmal den Bogen zum Krieg zwischen Naturalismus und Kulturalismus: Tomasellos Theorie erkenne in der Evolution mit der Zeigegeste die eine naturgeschichtliche Revolution, die Kultur und Sprache erst ermögliche.

          Auch Tomasello befasste sich in seinem Vortrag mit dem Konzept der „shared intentionality“. Er stellte dem Publikum Vergleichstests mit Schimpansen und kleinen Kindern vor: Zwar gelang es den Mitgliedern beider Gruppen, gemeinsam eine Vorrichtung so zu manipulieren, dass sie Nahrung oder Spielzeug freigab. Doch während die Affengruppe schnell zerfiel, wenn nur ein Individuum profitierte, teilten die meisten Kinder mit leer ausgegangenen Kameraden und setzten die Zusammenarbeit fort. Laut Tomasello sind Kinder auf Kooperation in einer Weise eingestellt, wie sie bei Menschenaffen nicht zu finden sei.

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