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Gegen das Diesel-Verbot : Auf die Radler kommt es an

  • -Aktualisiert am

Unterwegs mit Muskelkraft: In Wiesbaden stehen an 51 Stationen 500 Eswe-Leihräder bereit. Bild: Michael Kretzer

Der Veloverkehr in Wiesbaden muss bis 2020 stark zunehmen, um ein Fahrverbot für Diesel abzuwenden. Damit das funktioniert, muss die Stadt digital und modern denken.

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          Der Anteil der Fahrradfahrer am Wiesbadener Verkehr muss im Jahr 2020 mindestens zehn Prozent betragen, um das drohende Diesel-Fahrverbot noch abwenden zu können. Die Stadt setzt derzeit eine Reihe von Vorhaben in die Tat um, damit mehr Wiesbadener in die Pedale treten. Künftig wird ein „Radbüro“ die Aktionen koordinieren und dafür werben, insbesondere in der Stadt das Zweirad zu nutzen. Verkehrsdezernent Andreas Kowol (Die Grünen) stellte das Büro und dessen Team gestern vor und wies darauf hin, dass der Anteil von zehn Prozent Radverkehr fest in den Luftreinhalteplan eingerechnet sei – langfristig solle er 20 Prozent erreichen.

          „Das ist ein weiterer Meilenstein rund um das Thema Verkehr“, sagte Kowol über die neue Koordinationsstelle. „Wir haben eine Vielzahl von Maßnahmen beim Radverkehr beschlossen, und es gibt zahlreiche Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen.“ Dazu gehört vor allem der Ausbau des Radverkehrsnetzes in der Stadt. Rund fünf Millionen Euro werden laut Kowol derzeit in verschiedene Projekte investiert – etwa in den Radweg an der Äppelallee. Der Verkehrsdezernent gestand aber auch ein, dass die Landeshauptstadt nur bedingt fahrradfreundlich sei und viele Wiesbadener eine eher kritische Einstellung zum Radverkehr hätten. Die Ausgangssituation sei „bescheiden“, stellte er fest.

          Das ist einer der Gründe, weshalb der Anteil der Radler am Wiesbadens Straßenverkehr bisher sechs Prozent beträgt. Allerdings wies Uwe Conrad, Abteilungsleiter Verkehrsplanung im Tiefbauamt, darauf hin, dass dieser Wert bei einer Haushaltsbefragung im Jahr 2013 ermittelt worden sei. Gefühlt würden heute schon sehr viel mehr Wiesbadener in die Pedale treten. Damit sich der Trend fortsetzt, soll das aus fünf Personen bestehende Team des Radbüros – sein Vorbild ist das Frankfurter Radverkehrsbüro – die städtischen Maßnahmen koordinieren und Werbung für das Radeln machen. Rund 400 000 Euro beträgt der jährliche Etat der neuen Koordinierungsstelle.

          Fahrradfahren als gleichberechtigte Verkehrsart

          Derzeit wird an einer digitalen Radwegekarte gearbeitet, die im Frühjahr fertig sein soll. Zurzeit radelt eine Mitarbeiterin noch alle Wege in der Stadt ab. Ihre Daten werden digital erfasst und als App herausgegeben, die auf das Handy geladen werden kann. Zudem werden die Mitarbeiter des Büros Kontakt mit allen relevanten Gruppen zum Thema Radfahren aufnehmen, wie etwa dem Verkehrsclub Deutschland (VCD), dem Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) und weiteren Organisationen. „Wir möchten den Radverkehr als gleichberechtigte Verkehrsart in Wiesbaden etablieren“, stellte Conrad klar. Da der Anteil der radelnden Schüler laut Conrad sehr niedrig ist, wird auch die Kommunikation mit den Schulen ausgebaut.

          Alle flankierenden Maßnahmen werden laut Kowol jedoch erfolglos bleiben, wenn Wiesbaden nicht über ein vernünftiges Radwegenetz verfügt. Bis 2020 soll daher das Grundwegenetz einen lückenlosen Radverkehr ermöglichen. Das hatten die Stadtverordneten auf ihrer jüngsten Sitzung beschlossen. Wer wissen möchte, welche konkreten Wege und Aktionen dazugehören, kann sich das auf der neuen Website des Radbüros anschauen. Sie ist im Netz unter www.wiesbaden.de/radbuero seit gestern freigeschaltet.

          Weitere Aufgaben sind der Schutz von Radwegen vor parkenden Lieferwagen und das Aufstellen von Fahrradabstellplätzen in der Stadt und vor den Schulen. „Wir sind stets auf der Suche nach Flächen“, sagte Conrad. Vom nächsten Jahr an wird die Stadt zudem den Kauf von Lastenfahrrädern bezuschussen.

          Geburtswehen eines neuen Systems

          Ein weiterer Baustein zur Transformation des Straßenverkehrs ist das Engagement der städtischen Verkehrsbetriebe Eswe, die seit Anfang Juli Leihfahrräder anbieten. 500 Velos können an 51 Stationen ausgeliehen werden. Bis Mitte 2019, sagt die Eswe-Sprecherin, sollen insgesamt 70 Stationen eröffnet sein.

          Kürzlich wurde eine Station vor dem Kulturzentrum Schlachthof in Betrieb genommen, die nächste soll im Stadtteil Erbenheim dazukommen. „Wir sind mit unseren Zahlen sehr zufrieden“, sagte die Sprecherin. Mittlerweile seien die orangefarbenen Eswe-Räder 17 000 Mal ausgeliehen worden; es gebe etwa 7000 registrierte Nutzer.

          Schwierigkeiten bereiteten der städtischen Tochtergesellschaft betrügerische Fake-Accounts. Seit Mitte Juli wurden etwa 1000 gefälschte Kundenprofile entdeckt, zahlreiche Räder waren mutwillig beschädigt worden. „Wir haben das gelöst“, sagte die Sprecherin und verwies darauf, dass Nutzer sich nun zunächst persönlich im Mobilitätszentrum anmelden müssten, um sich für die Ausleihe registrieren zu lassen. Dabei soll es sich aber nur um eine Übergangslösung handeln. Für Verkehrsdezernent Kowol sind das Geburtswehen eines neuen Systems. „Ich war verhalten optimistisch, was die Leifahrräder betrifft“, sagte er. „Der Erfolg hat meine Erwartungen weit übertroffen.“

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