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Wiesbaden : Kein „Terrible Garden“ für Wiesbaden

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Vor der Marktkirche sollte das Mahnmal ursprünglich gebaut werden Bild: F.A.Z. - Michael Kretzer

Die Absage der Künstlerin Jenny Holzer ist der unrühmlicher Schlusspunkt unter eine 20 Jahre währende Auseinandersetzung um ein „Zentrales Mahnmal für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“.

          Die Amerikanerin Jenny Holzer legt keinen Wert mehr darauf, in Wiesbaden eine Gedenkstätte zu errichten. „The situation in Wiesbaden always has been fraught“ – die Situation in Wiesbaden sei immer belastet, nervenaufreibend gewesen. So begründete die international gefragte Künstlerin ihre Absage; je älter sie werde, desto wichtiger sei ihr, sich auf ihre Kunst zu konzentrieren und darauf, „what is under my control“.

          Tatsächlich hat Holzer erfahren müssen, dass ihr von der Stadt angekaufter Entwurf für einen „Terrible Garden“ kaum mehr so verwirklicht wird, wie sie ihn vor mittlerweile 14 Jahren konzipiert hatte. Im Jahr 2005 hatte die damalige schwarz-gelbe „Gestaltungsmehrheit“ ihn mit Unterstützung der Republikaner ganz verworfen. Und als sich im Jahr darauf die schwarz-gelb-grüne „Jamaika-Koalition“ zusammenfand, war die Wiederbelebung des Holzer-Projekts nach den Worten des CDU-Fraktionsvorsitzenden Bernhard Lorenz eine der grünen „Kröten“, die seine Partei habe schlucken müssen. Die Kompromissformel lautete: Das „Jenny Holzer Memorial“ wird errichtet – aber nicht auf dem ursprünglich dafür vorgesehenen Ort vor der Marktkirche in Nachbarschaft von Rathaus und Landtagsgebäude, sondern entweder in den Reisinger Anlagen, auf dem ehemaligen Schlachthofgelände oder neben dem an der Wilhelmstraße geplanten Stadtmuseum.

          Gedenken an „authentischen Orten“ soll gefördert werden

          Die öffentliche Diskussion um eine Gedenkstätte für „alle Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ reicht zurück bis in die frühen achtziger Jahre. Beschlossen wurde die Errichtung eines „angemessenen Mahnmals an hervorgehobener Stelle“ dann auf Initiative des damaligen Stadtverordnetenvorstehers Günther Retzlaff (SPD) hin am 19. Juni 1986 zu Zeiten der ersten rot-grünen Koalition in Wiesbaden mit einer breiten Mehrheit der Stadtverordneten von SPD, CDU und Grünen. Unter Leitung der von den Grünen gestützten parteilosen Kulturdezernentin Margarethe Goldmann ging drei Jahre später – die SPD hatte unterdessen die absolute Mehrheit gewonnen – eine Kunstkommission an die Arbeit, wurden Experten-Runden installiert, Konzepte entwickelt und schließlich etliche Künstler von Renommee um Entwürfe gebeten.

          1994 reichte Holzer ihren Vorschlag für einen „Terrible Garden“ ein. Von dunklen Rosen umstanden, wollte die Amerikanerin vor der Marktkirche in unmittelbarer Nachbarschaft von Rathaus und Hessischem Landtag einen zylindrischen Hohlkörper in die Erde versenken. Aus der Bodenvertiefung sollten Stimmen von Nazi-Verfolgten und Tätern, Geräusche und Musik tönen. „Meine Hoffnung ist“, schrieb Holzer seinerzeit zu ihrem Entwurf, „dass die Kombination realer Stimmen, eines ,schrecklichen‘ Gartens und der schwarzen Erdöffnung dazu anhält, sich zu erinnern.“

          Mittlerweile aber hatte im Rathaus die sogenannte XXL-Koalition aus SPD, CDU und FDP das Sagen. Und abgesehen davon, dass sich die FDP nie mit einer solchen Gedenkstätte hatte anfreunden können, unterstützte der damals neu gewählte Kulturdezernent Peter Riedle (CDU) die Kritiker mit einem dezidierten Konzept für den Ausbau und die Unterstützung dezentraler Gedenkstätten. Die Auseinandersetzung wurde abermals von ausgiebiger öffentlicher Diskussion begleitet, bis schließlich 1999 – Rot-Grün hatte wieder eine Mehrheit – mit der CDU ein Sowohl-als-auch-Kompromiss ausgehandelt wurde: Das zentrale Mahnmal sollte errichtet, aber auch das Gedenken an „authentischen Orten“ gefördert werden; außerdem sollte die von der Jüdischen Gemeinde seit langem gewünschte Erinnerungsstätte für das namentliche Gedenken an die ermordeten Wiesbadener Juden geschaffen werden.

          „Langes Hin und Her“ wohl ausschlaggebend für Holzers Rückzug

          Im Jahr darauf wurde die New Yorkerin gebeten, bis Ende Juni 2001 ein überarbeitetes Konzept ihres Entwurfs aus dem Jahr 1994 und die baureife Architektenplanung dazu vorzulegen. Die Kosten für Planung und Realisierung des Projekts wurden auf 450.000 Mark veranschlagt. Die Stadt erwarb den Entwurf und vereinbarte mit der Künstlerin die Errichtung der Gedenkstätte auf dem Platz vor der Marktkirche. „Unerwartet“, sagte Kulturdezernentin Thies, habe sie in der vorigen Woche die Absage Holzers erreicht. Denn noch vor einem Jahr habe sie im persönlichen Gespräch mit der Künstlerin den Eindruck gewonnen, dass diese für eine Standort-Alternative offen gewesen sei. Erklären kann sich Thies den Rückzieher nur schwer. Wahrscheinlich habe das „einfach mit der Distanz und dem langen Hin und Her“ zu tun.

          Sie selbst, so die Dezernentin, empfinde ihn nach so vielen Jahren Einsatz für das Projekt „auch ein bisschen als persönliche Niederlage“, zumal es ihr doch gelungen sei, das schon einmal völlig aufgegebene Projekt wieder in die Koalitionsvereinbarung aufzunehmen. Dass Holzers „Terrible Garden“ jetzt nicht verwirklicht werden kann, will Thies allerdings nicht als Schlusspunkt der Mahnmal-Debatte verstanden wissen. Immerhin hätten die Stadtverordneten für das Projekt 600.000 Euro zur Verfügung gestellt – „und irgendeine Form von künstlerischer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Folgen muss es in Wiesbaden geben“.

          Die frühere Kulturdezernentin Goldmann, die sich zusammen mit dem Wiesbadener Musiker Dirk Marwedel mit einer Unterschriftensammlung für den „Terrible Garden“ vor der Marktkirche eingesetzt und eine eindrucksvolle Dokumentation über die langwierige Mahnmal-Auseinandersetzung veröffentlicht hat, ist hinsichtlich eines möglichen Nachfolgeprojekts eher skeptisch. Der ganze Vorgang, so Goldmann, habe dem Ansehen Wiesbadens sehr geschadet. Und dass sich Künstler noch einmal auf das Wagnis eines Projektvorschlags einließen, könne sie sich derzeit nur schwer vorstellen – „nach dem, was da alles abgegangen ist“.

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