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: Wiesbaden entdeckt Jawlensky neu

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Die von Galka Scheyer organisierte Wanderausstellung war in Wiesbaden ein Riesenerfolg. Auf Anhieb wurden 20 Bilder verkauft - und die mit Alexej von Jawlensky befreundete Kunstagentin berichtete ihrem ...

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          Die von Galka Scheyer organisierte Wanderausstellung war in Wiesbaden ein Riesenerfolg. Auf Anhieb wurden 20 Bilder verkauft - und die mit Alexej von Jawlensky befreundete Kunstagentin berichtete ihrem Schützling begeistert nach Locarno: "Alle Leute lassen Sie herzlich grüßen und haben alle einen Jawlenskyfimmel. - Geld wie Heu! Ich schreibe bald Einzelheiten, aber Sie haben viel verdient." Das war im Jahr 1921. Und Jawlensky, der Deutschland nach Kriegsausbruch 1914 hatte binnen 48 Stunden verlassen müssen, entschloß sich kurzerhand, seinen Wohnsitz nach Wiesbaden zu verlegen. Was für ihn noch einen höchst privaten Vorteil hatte: Mit der räumlichen Veränderung ließ sich endlich auch die konfliktbeladene Dreierbeziehung zwischen seiner langjährigen Freundin Marianne von Werefkin und Helene Nesnakomoff bereinigen, die er als Vierzehnjährige durch die Malerin kennengelernt hatte und die sieben Jahre später den gemeinsamen Sohn Andreas zur Welt brachte.

          20 Jahre lang lebte Jawlensky in Wiesbaden, heiratete dort auch die Mutter seines da schon erwachsenen Sohnes - und wurde 1941 auf dem russisch-orthodoxen Friedhof am Neroberg beigesetzt.

          Geboren wurde Jawlensky als Sohn des Obersten Georgi von Jawlensky im russischen Torschok vor 140 Jahren. Aus Anlaß des runden Geburtstags "ihres" großen Expressionisten feiert die Landeshauptstadt das "Jawlensky-Jahr 2004" seit Jahresbeginn mit derart opulentem Programm, daß sich der Eindruck aufdrängt, die Wiesbadener hätten wie anno 1921 wieder einen "Jawlensky-Fimmel".

          Glanzlicht wird zweifellos die Mammutschau mit 150 Bildern des Malers sein, für die es dem Landesmuseum erstmals überhaupt gelungen ist, die umfangreiche hauseigene Sammlung mit der von Galka Scheyer zusammenzuführen, die den Grundstock des Simon Norton Museums im amerikanischen Pasadena bildet. "Meine liebe Galka" - so beginnen zahllose Briefe an seine Agentin, und unter diesem Titel steht auch die Ausstellung, die vom 23. Oktober an bis zum 13. März nächsten Jahres zu sehen sein wird.

          Begleitend dazu ermöglicht das Projektbüro Stadtmuseum gewissermaßen die private Sicht auf das Leben des Künstlers in seiner Wiesbadener Zeit: Wie wurde er aufgenommen in der besetzten Stadt, deren Ruhm als "Weltkurstadt" bereits verblaßt war, die aber, wie Kulturdezernentin Rita Thies (Die Grünen) im Vorwort zu der kulturhistorischen Ausstellung schreibt, "zugleich erfaßt war von einer neuen, kaum gekannten Dynamik, einer Stimmung kulturellen Aufbruchs, der sichtbar wurde in Theater, Malerei und Musik...". "Ich begegnete sehr netten Menschen, und das bestimmte mich, meinen Wohnsitz in Wiesbaden zu nehmen", sollte Jawlensky in den späten dreißiger Jahren seiner Freundin und Mitarbeiterin Lisa Kümmel in seinen Lebenserinnerungen diktieren - er litt um diese Zeit bereits an einer fortgeschrittenen Lähmung und ließ sich, um überhaupt noch malen zu können, den Pinsel an eine Hand binden.

          Den Schwerpunkt der Ausstellung, die das Stadtmuseum unter das so schön bezeichnende Galka-Zitat "...und alle haben einen Jawlenskyfimmel" gestellt hat, bilden aber das Leben des Künstlers in den zwanziger Jahren in Wiesbaden und mit den Bürgern der Stadt. Sie zeichnet den Weg des Künstlers in fünf Abteilungen nach, wirft ein Licht auf seine Ankunft im Wiesbadener Alltag, auf seine Beziehungen zu den Kulturinstitutionen, gewährt Einblicke in sein Atelier an der Bahnhofstraße und läßt seine Wiesbadener Freunde lebendig werden.

          Jawlenskys damaliger Gemütszustand läßt sich wohl am eindrucksvollsten den zahlreichen Briefzitaten entnehmen, die in die Sammlung eingestreut sind. So schrieb der des Deutschen nicht perfekt mächtige Russe über den ersten Besuch bei dem Kunstsammler und Mäzen Heinrich Kirchhoff, der sein größter Förderer und später auch direkter Nachbar werden sollte, in der ihm eigenen lautsprachlichen Orthographie: "...Er schweig und denck nichts; sie ist net und schpricht genug, grün wie ein Frosch oder Mondlicht, nu ja!" Daß Jawlensky in der Kurstadt bald den Ruf eines Schwerenöters hatte, läßt sich erahnen, wenn man von der Schwärmerei einer Wiesbadenerin über einen Besuch in seinem Atelier liest: Binnen weniger Minuten sei sie "von seinem Charme eingehüllt und bezaubert" gewesen - und er habe es sich nicht nehmen lassen, sie zu verwöhnen.

          Die Herrschaft der Nationalsozialisten wendete auch Jawlenskys Schicksal jäh. Ihm wurde ein Ausstellungsverbot auferlegt, und 1937, da ist er bereits seit etlichen Jahren deutscher Staatsbürger, werden 65 seiner Werke beschlagnahmt und als "entartet" diffamiert. Im Rollstuhl läßt sich der gehunfähige Künstler durch die Münchner Schandausstellung "Entartete Kunst" führen, in die die Nazis auch einige seiner Arbeiten aufgenommen haben - und schrieb im August 1937 an Hanna Bekker vom Rath: "Wir haben hier schwere Erlebnisse wegen der Kunst gehabt." HEIDI MÜLLER-GERBES

          Wegen Platzmangels im Projektbüro Stadtmuseum wird die Ausstellung "...und alle haben einen Jawlenskyfimmel" heute um 19 Uhr zunächst im Kulturforum am Schillerplatz eröffnet. Sie ist dann bis zum 20. März im Stadtmuseum (Friedrichstraße 7) zu sehen. Öffnungszeiten sind dienstags, mittwochs und freitags von 10 bis 17 Uhr, donnerstags von 13 bis 20 Uhr, samstags und sonntags von 12 bis 17 Uhr. Führungen werden an jedem ersten Sonntag im Monat um 14 Uhr angeboten oder können vereinbart werden (Rufnummer 0611/3608262). Für den Schulunterricht (9. und 10. Klassen) bietet das Projektbüro einen "Museumskoffer" mit stadthistorischen Quellen, Bildern und Filmen zum Thema an.

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