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Digitalisiertes Ampelsystem : Hoffen auf Grüne Welle gegen Dieselfahrverbot

  • -Aktualisiert am

Grün fürs Klima? Wiesbaden setzt auf digitale Ampeln. Bild: obs

Mit digitaler Hilfe soll der Verkehr in Wiesbaden entlastet werden. 220 Ampeln mit Wettersensoren sind die Basis dafür. Die Stadt hofft, auch dank des Pilotprojekts ein drohendes Dieselfahrverbot vermeiden zu können.

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          Der Verkehr in Wiesbaden ist nicht erst seit dem Fast-Einsturz der Salzbachtalbrücke eine Belastungsprobe für alle Teilnehmer. Die tägliche Autolawine verschmutzt die Luft und strapaziert die Nerven von Fahrern, Radlern und Fußgängern. Im bundesweiten Stauranking belegt die hessische Landeshauptstadt den dritten Platz. Damit soll aber bald Schluss sein, denn das bundesweite Modellprojekt Digi-V hat jetzt seine Arbeit aufgenommen. Die digitale Verkehrssteuerung soll künftig tausende Autos umwelt- und stadtverträglich lenken - aber auch den Rad- und Nahverkehr verbessern. Das haben Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) und Verkehrsdezernent Andreas Kowol (Die Grünen) am Donnerstag angekündigt, als sie das rund 30 Millionen Euro teure Projekt offiziell in Betrieb nahmen.

          Um 10.43 Uhr fuhren die Mitarbeiter des federführenden Tiefbau- und Vermessungsamtes den zentralen Verkehrsrechner hoch. Digi-V ist nun online und beginnt zu lernen, wie der Verkehr in Wiesbaden effizienter gesteuert werden kann. Wann das System zu hundert Prozent Leistung bringt, steht nach Auskunft von Katja Imhof von der Stabsstelle Nachhaltige Mobilität noch nicht abschließend fest. Sie hofft, dass dies in etwa einem Jahr der Fall sein wird. „Wir beginnen mit dem heutigen Tag, unser Werkzeug kennenzulernen. Wir lernen täglich dazu. Es wird mit jedem Tag besser“, sagte Imhof. Nun würden die Daten ausgewertet und jede einzelne Ampelanlage optimiert. Sie kündigte an, dass 2022 die Ampelsteuerung auf dem Zweiten Ring verbessert werde und dann der Verkehr dort besser fließe. In der Anfangsphase steuern die Operatoren der Verkehrsleitzentrale das System. Das Fernziel ist jedoch, so kündigte Projektleiter Rolf Schmidt an, dass sich das System irgendwann selbst steuert

          227 Ampeln wurden digitalisiert

          Auch Kowol erwartet, dass der Verkehr für künftig besser fließt. Die Herausforderung für die Zukunft sei, die Ampelanlagen mit einer intelligenten Software so zu steuern, dass alle Verkehrsteilnehmer einen Vorteil davon hätten. Eines der Ziele von Digi-V sei, Verkehr vom innerstädtischen Ersten Ring auf den Zweiten Ring zu verlagern, um die Schadstoffbelastung in der Innenstadt zu verringern. Als weiteres Ziel nannte er die Verbesserung des Verkehrs in der City. Umgesetzt wird das Projekt von dem zum Siemens-Konzern gehörenden Unternehmen Yunex. Dessen Vertriebsleiter Stefan Eckert sprach bei Digi-V von einem Projekt, das in dieser Größenordnung bislang in keiner deutschen Stadt realisiert worden sei.

          Digi-V heißt „Digitalisierung des Verkehrs in Wiesbaden“ und funktioniert wie folgt: 227 Ampeln wurden digitalisiert und mehr als 400 intelligente Kameras und Sensoren beobachten den Verkehr. 58 weitere Sensoren messen Umwelt- und Wetterdaten, wie etwa Feinstaub, Stickoxyde und Ozon. Der Verkehrsrechner wertet die gesammelten Daten in Echtzeit aus und erteilt entsprechende Handlungsempfehlungen, etwa zur Dauer der Grünphasen von Ampeln. Die Mitarbeiter in der Verkehrsleitzentrale am Gustav-Stresemann-Ring steuern die Ampeln und weitere 30 digitale Anzeigetafeln.

          Damit ist es möglich, die Verkehrsströme in die Stadt hinein und auch in der City lenken. Noch sind wie erwähnt nicht alle Elemente in Betrieb, aber etwa bei der Umweltspur auf dem Ersten Ring sorgt die flexible Steuerung der Ampeln bereits dafür, dass es dort laut Stadt nicht zum Dauerstau komme. So habe sich der Radverkehr dort verdoppelt und die Fahrzeit der Busse um ein Drittel verringert. Die smarten Ampeln sollen sogar eigene Entscheidungen treffen können. Stehe etwa ein Kind vor einer Fußgängerampel, könne dies die Ampel mit Hilfe der Detektoren erkennen und die Grünphase verlängern, damit das Kind sicher über die Straße kommt. Neu sind auch spezielle Linksabbiegerampeln für den Radverkehr. Steht ein Radfahrer in der Linksabbiegerzone, erkenne dies der Sensor und schalte die Ampel auf Grün.

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          Es geht aber nicht nur darum, den Verkehr fließen zu lassen, sondern auch um die Umweltbelastung. Werden beispielsweise zu hohe Stickstoffdioxydwerte auf einer Straße gemessen, können die digitalen Verkehrstafeln Umleitungen empfehlen. In Zusammenspiel der analysierten Daten von Verkehr, Luftqualität und der Prognose erhalten die Operatoren in der Verkehrsleitzentrale alle nötigen Informationen für ihre Handlungen. Ein weiterer konkreter Nutzen ist die Steuerung der Ampeln, wenn Feuerwehr- und andere Einsatzfahrzeuge gezielt über Kreuzungen geleitet werden. Damit, so führte Yunex-Vertriebsleiter Eckert aus, kämen die Einsatzkräfte nicht nur schneller, sondern auch sicherer zu ihrem Einsatzort.

          „Das Projekt kann sich sehen lassen“

          „Zukünftig kann das System so viel besser auf stockenden Verkehr und Staus reagieren. Dadurch fließt unser Verkehr in Zukunft hoffentlich wieder flüssiger“, sagte Oberbürgermeister Mende und zeigte sich überzeugt: „Das Projekt kann sich in der Bundesrepublik Deutschland sehen lassen.“ Zudem sei die Einführung von Digi-V eine hervorragende Vorbereitung auf das Thema Smart City, führte er weiter aus.

          Von den 30 Millionen Euro Kosten übernimmt der Bund 15 Millionen Euro. Johannes Wieczorek vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) begründete die Förderung auch damit, dass im Rahmen des Konzepts die Steuerung der Warenverkehre und das Parkraummanagement integriert wurden. „Für uns ist wichtig, dass man eine Basis für Dinge legt, die noch weiterentwickelt werden können.“ Zudem seien in Wiesbaden die Grundlagen für weitere Zukunftsthemen, wie etwa das autonome Fahren, gelegt worden. „Wir haben die digitalen Lösungen für saubere und nachhaltige Mobilität in unseren Städten und bringen sie auf die Straße“, so Wieczorek. Er gehe davon aus, dass das Wiesbadener Projekt eine Signalwirkung für andere Städte in Deutschland entfalten werde.

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