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Unterrichtsversorgung : Mangel an Lehrern oder zusätzlicher Bedarf?

Zuversichtlich: Kultusminister Alexander Lorz. Bild: dpa

Die schulpolitischen Debatten im hessischen Parlament verlaufen immer nach demselben Muster. Das könnte sich schon bald ändern.

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          In ungefähr zwei Monaten könnten die schulpolitischen Debatten im Hessischen Landtag etwas mehr an Substanz gewinnen. Jedenfalls rechnet Kultusminister Alexander Lorz (CDU) damit, dass er im November zuverlässig ermittelte, konkrete und belastbare Zahlen zur Unterrichtsversorgung der Schüler erhält.

          „Lis“ soll Daten liefern

          Ewald Hetrodt
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          „Lis“ lautet die Abkürzung für das neue System „Lehrkräfte in Schulen“. Zunächst erwartet der Minister Daten zu der Frage, wie viele Unterrichtsstunden aufgrund von Erkrankungen der Lehrer ausfallen. Weitere Zahlen sollen folgen, wenn der Hauptpersonalrat der Lehrer dem Projekt am morgigen Donnerstag zustimmt.

          Die Debatte am Dienstag verlief allerdings noch nach dem bekannten Muster. Während die Opposition von einem eklatanten „Mangel“ an Lehrkräften sprach, verwandte Kultusminister Alexander Lorz (CDU) den Begriff des zusätzlichen Bedarfs. Den genauen Umfang beziffert er nicht und erklärt das regelmäßig damit, dass die genauen Zahlen schlichtweg nicht vorlägen.

          „Wo keine Daten, da keine Probleme und demzufolge auch kein Handlungsbedarf.“ So beschrieb am Dienstag der AfD-Abgeordnete Heiko Scholz, was er für eine Methode des Kultusministers hält. In diesem Fall brachte er damit die Sichtweise der gesamten Opposition auf den Punkt.

          Lorz hingegen wies darauf hin, dass die Zahl der Lehrer in diesem Schuljahr mit rund 55 680 Stellen ein „Allzeithoch“ erreichten. Die Erhöhung der Studienplatzkapazitäten wirke sich naturgemäß erst nach Jahren aus. Als kurzfristige Maßnahmen nannte er etwa die Reaktivierung von Pensionären und die Anwerbung von Quereinsteigern die zwar nicht über eine grundständige pädagogische Ausbildung verfügten, aber Fachwissen vermitteln könnten. „Vom Pfarrer bis zur Konditormeisterin“, so Lorz.

          SPD gegen Entlassungen vor den Ferien

          Christoph Degen, der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion beklagte, dass Vertretungsverträge regelmäßig vor den Sommerferien endeten und die Lehrkräfte sich dann arbeitslos melden müssen. Stattdessen solle jeder, der vor dem 1. März eingestellt wurde und bis zum Ende des Schuljahrs unterrichtet, auch in den Ferien vom Land bezahlt werden. „Diese Praxis ist unbürokratisch, bietet Planungssicherheit für die Betroffenen und trägt dazu bei, dass Lehrkräfte nicht in andere Bundesländer abwandern oder sich neu orientieren“, so Degen. Außerdem komme Hessen damit seinen Verpflichtungen als ordentlicher Arbeitgeber nach.

          Der Abgeordnete Moritz Promny (FDP) sprach sich für eine Verlängerung des Studiums für das Grundschullehramt aus, um es attraktiver zu machen. Mit vereinfachten Möglichkeiten von Quereinstieg und Weiterbildung begeistere man auch Menschen ohne zweites Staatsexamen für den Beruf oder bereits ausgebildete Lehrkräfte für weitere Fächer, so der Abgeordnete.

          Unerwidert ließ die FDP die Kritik an ihrer Parteifreundin, der Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger. Sie hatte sich in einem Interview zum Lehrermangel geäußert und die Frage gestellt, „warum es eigentlich nicht Fridays for Education gibt“, an denen Schüler beispielsweise für mehr und besser qualifizierte Lehrer einträten.

          Es sei „unverantwortlich“, wenn die Jugendlichen nun von einem Mitglied der Bundesregierung zum Schulboykott aufgewiegelt würden, hielt der bildungspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Horst Falk den Liberalen vor. Für die Grünen wies der Abgeordnete Daniel May darauf hin, dass es nicht nur in Hessen, sondern in ganz Deutschland seit Jahren zu wenig Lehrer gebe. Es sei aber völlig verfehlt, wenn die Opposition nun erkläre, dass der durch den Krieg in der Ukraine nun entstandene zusätzliche Bedarf vorhersehbar gewesen sei. „Die Krisen machen nicht vor den Schulen halt“, stellte May fest.

          „Minister Lorz versucht die Realität an Hessens Schulen immer wieder aufs Neue mit Schönrednerei zu verschleiern“, schimpfte die Fraktionsvorsitzende der Linken, Elisabeth Kula. Sie warnte mit Blick auf die Pandemie vor der Annahme, dass die Krisenjahre vorbei seien. „Niemand kann mit Sicherheit sagen, wie sich das Infektionsgeschehen entwickelt.“

          Lorz betonte, dass es an den Schulen keine strengeren Regeln geben dürfe als in den anderen Teilen der Gesellschaft. Das hätten die Kultusminister der Länder auch dem Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) klar gemacht, als er sich vor kurzem wieder einmal als „fünfter Reiter der Apokalypse“ inszeniert habe.

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