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Corona-Pandemie im Sommer : Mit dem Virus Urlaub machen

Geschlossenes System: Die Kliniken in Hessen können bei Bedarf schnell wieder spezielle Corona-Stationen, wie hier an der Uniklinik Frankfurt, hochfahren. Bild: Frank Röth

Der Kampf gegen die Corona-Pandemie wird auch während der Sommerferien fortgesetzt. Nach sechs Wochen soll bilanziert werden, ob die Lockerungen zu früh kamen. Mediziner sehen diese Gefahr.

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          Kommt es im Herbst zu einer zweiten Welle? In Hessen deutet derzeit wie in den meisten anderen Bundesländern nichts darauf hin. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen ist seit Ende Mai fast konstant unter 50 geblieben, in den vergangenen Tagen tendiert die Kurve weiter Richtung der Nulllinie. Dennoch hält das „Corona-Kabinett“ der Landesregierung an der Taktik der kleinen Schritte fest. Wohl auch, weil weltweit betrachtet kein Grund zur Entwarnung besteht. Die Beschränkungen im Alltag, im Beruf, im Handel, in Kultur und Freizeit werden auf absehbare Zeit nicht aufgehoben, sondern sollen weiterhin gelockert werden.

          Marie Lisa Kehler

          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Helmut Schwan

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Die Maskenpflicht beim Einkaufen und im öffentlichen Nahverkehr gilt vorerst ebenso weiter wie das Abstandsgebot und das Limit, sich mit höchstens zehn Personen in der Öffentlichkeit zu treffen. Kurz vor Beginn der Ferien wurde die Regel gekippt, in Geschäften und Gaststätten müssten pro Person mindestens fünf Quadratmeter Raum zur Verfügung stehen. Künftig sollen schon drei Quadratmeter pro Person ausreichen. Was übrigens auch für Umkleidekabinen gilt.

          Abwarten und beobachten: Nach dieser Devise soll die Ferienzeit genutzt werden, um anschließend auf einer noch sichereren Datenbasis entscheiden zu können, wie die weitere Rückkehr in eine Normalität gelingen könnte. Mitte August soll das nächste Mal Zwischenbilanz gezogen werden – falls bis dahin die bisherige Entwicklung konstant bleibt. Ohne dass ihn die Landesregierung so nennen will, hat der Feldversuch schon begonnen. Die Schulen kehrten zwei Wochen vor Ferienbeginn zum „Regelbetrieb“ zurück, die Kindertagesstätten am Montag. Auch in Hessen erhofft man sich Erkenntnisse darüber, wie belastbar die These ist, dass Kinder und Jugendliche sich vergleichbar schwerer anstecken.

          Jüngere Generation will sich wieder ausleben

          Während sich diese lokale Entwicklung recht gut nachvollziehen lässt, bleibt in hohem Maße ungewiss, ob die gelöste Urlaubsstimmung das Virus in Feierlaune versetzen wird. Freiluftpartys wie in den vergangenen Wochen an angesagten Plätzen in Frankfurt – zu beobachten aber auch in anderen Städten – deuten darauf hin, dass zumindest bei der jüngeren Generation die Lust wächst, sich wieder ausleben zu können.

          Nachdem in weiten Teilen Europas die Reisewarnungen aufgehoben worden sind, locken beliebte Urlaubsziele mit Dumpingpreisen. Die Zahl der touristischen Flugreisen ist zwar noch sehr weit von dem Niveau vor Beginn der Corona-Krise entfernt, jedoch wird in den vergangenen Tagen ein deutlicher Anstieg verzeichnet. Ziele in Südeuropa und sogar in der Türkei, für die das Auswärtige Amt die Reisewarnung aufrechterhält, sind besonders gefragt.

          Selbst wenn dort ähnliche Verhaltensregeln gelten wie in Deutschland, wird es wohl weitgehend jedem selbst überlassen bleiben, wie strikt er sich daran hält und ob er so verantwortungsvoll sein wird, sich testen zu lassen, wenn er aus einem vom Robert-Koch-Institut so eingestuften Risikogebiet zurückkehrt. Die Auflagen für Reisen sind überschaubar geblieben. Sie beschränken sich im Wesentlichen darauf, sich nach der Rückkehr aus Risikogebieten beim Gesundheitsamt zu melden, Symptome einer Infektion anzuzeigen, einen höchstens 48 Stunden alten negativen Coronatest vorzulegen oder sich selbst zwei Wochen in Quarantäne zu begeben. Aus dem Frankfurter Gesundheitsamt heißt es, dass wieder mehr Zeit darauf verwendet werden müsse, Kontaktpersonen von Infizierten ausfindig zu machen und zu informieren. Viele der Neuinfizierten seien erst kürzlich aus Risikogebieten zurückgekehrt.

          Krankenhäuser sind auf steigende Fallzahlen vorbereitet

          Einer, dem die Lockerungen zu weit gehen, ist Jürgen Graf, Ärztlicher Direktor der Uniklinik und Leiter des Planungsstabs Covid-19 im hessischen Sozialministerium. „Wenn die Leute aus den Risikogebieten zurückkehren, werden die Fallzahlen wieder steigen.“ Die Krankenhäuser seien darauf vorbereitet. Lieber wäre es ihm, wenn sie das nicht beweisen müssten. „Wir haben eine gute Übung im März, April und Mai durchführen können.“ Die einstudierten Abläufe und die Umorganisation der Häuser in einen abgetrennten Bereich für Corona-Patienten und einen für Nicht-Corona-Patienten können größere Häuser seiner Erfahrung nach binnen drei Tagen wiederaufleben lassen. „Wir fangen einfach wieder an.“

          Graf, der bisher viel Lob für die Politik und den Umgang mit der Corona-Krise hatte, kritisiert jetzt die Lockerungen der bis noch vor wenigen Tagen geltenden Regeln. „Wir wissen nicht, welche Maßnahme welchen Effekt hatte“, sagt er. Ebenso wenig sei jetzt abzusehen, welche Lockerung welches Risiko birgt. „Wir können einfach nicht ausschließen, dass der Herbst wie das Frühjahr wird“, sagt Graf.

          Er geht nicht von einem Pandemieverlauf in Wellenform aus, sondern von einer drohenden, „kontinuierlichen Belastung“. Deshalb sei es umso wichtiger, dass auch das Personal in den Krankenhäusern die ruhige Phase ausnutze, um noch einmal durchzuatmen und Kraft zu tanken. Viele seiner Kollegen seien seit Anfang des Jahres stark belastet. Sein Haus werde, trotz der politischen Empfehlung, nicht alle Lockerungen umsetzen. „Nicht umsetzen können“, schiebt er hinterher. Das Besuchsrecht an der Uniklinik bleibe weiterhin eingeschränkt, da der Mindestabstand in den Patientenzimmern nicht sicher eingehalten werden könne, so der Ärztliche Direktor. Bei aller Kritik räumt er ein: „Ich sehe natürlich die Patienten und weniger das, was in der Wirtschaft passiert.“

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