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: Wie man in Nordhessen neues Leben in alte Bahnhofsgebäude bringt

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Wenn es darum geht, etwas falsch zu machen, läßt die Bahn kaum eine Chance aus. Das neue Preissystem, das längst wieder ein altes ist, ist nur ein Beispiel dafür. Heruntergekommene Bahnhöfe sind ein anderes Exempel.

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          Wenn es darum geht, etwas falsch zu machen, läßt die Bahn kaum eine Chance aus. Das neue Preissystem, das längst wieder ein altes ist, ist nur ein Beispiel dafür. Heruntergekommene Bahnhöfe sind ein anderes Exempel. "Ob die Bahn einen tollen Takt bietet oder mit neuen Fahrzeugen fährt, das alles sehen die Kunden nicht, sondern sie nehmen den gammeligen Bahnhof war, an dem sie warten müssen," sagt Susanne Henckel. Die Ingenieurin ist Referentin für Infrastrukturplanung beim Nordhessischen Verkehrsverbund (NVV). Henckel und der NVV haben ergründet, warum Bahnhöfe verfallen, um Konzepte zu entwickeln, wie sie künftig Bestand haben werden. "Neues Leben in alten Mauern. Von der Wiederbelebung ungenutzter Bahnhofsgebäude" ist eine schon wissenschaftlich zu nennende Broschüre des NVV überschrieben, die in ganz Deutschland Interesse hervorruft. Das Organigram der "Zuständigkeiten für die Eigentumsübertragung von Liegenschaften der Deutschen Bahn AG" soll sogar die Eisenbahner selbst begeistert haben.

          Die Geschichte der Fehler ist lang. Sie beginnt mit dem Rückzug aus der Fläche, der Aufgabe von Linien, die heute wieder sinnvoll zu betreiben wären, und führt konsequent bis zum Beschluß der Bahn, Bahnhöfe, die sie nicht mehr zu gebrauchen meint, zu schließen und zu verkaufen. Doch sei der Bahnhof erst mal "verrammelt", sagt Henckel, sei er auch bald "vergammelt".

          Die Verhältnisse auf dem Immobilien-Markt der Bahn ähneln den ostdeutschen in der Umbruchphase nach der Wende: Schwer durchschaubare Eigentumsverhältnisse, Kompetenzwirrwarr und überhöhte Preise. Die Entwicklung der Bahnhöfe, ihre städtebauliche Nutzung und Einbindung ins Umfeld leidet unter der zersplitterten Eigentümerstruktur der Bahn. Die Suche nach verläßlichen Ansprechpartnern und verbindlichen Auskünften endet im Kafkaesken. Bahnhöfe, die Gebäude und Grundstücke, sind nach einem Verfahren geteilt oder parzelliert, das für Außenstehende nur schwer durchschaubar ist. Wer einen Bahnhof erwerben will, muß mit mehreren Eigentümern verhandeln. Zudem, sagt Henckel, "hat die Bahn die Werte ihrer Immobilien von Frankfurt aus geschätzt". Um die Liegenschaften von DB-Netz niedrig bewerten zu können, habe die Bahn ihre Liegenschaften andernorts zu hoch bewertet. Ein Quadratmeter einer mit Giften belasteten Fläche am Bahnhof der kleinen Fachwerkstadt Melsungen soll zum Beispiel mehr als 800 Euro kosten. Da wundere es nicht, wenn die Kommunen nur geringe Neigung zeigten, die alten Bahnhöfe zu übernehmen. Die Kämmerer kalkulierten bei solchen Übernahmen mit symbolischen Preisen von "einem Euro". Die Bahn aber will nach der Schilderung der Fachfrau Henckel für einen heruntergekommenen Kleinstadt-Bahnhof mit einem Sanierungsstau von einer Million Euro mehr als 500000 Euro.

          Im Gebiet des NVV prüfen derzeit fünfzehn Kommunen den Kauf eines Bahnhofs. Der NVV hilft, berät und sucht nach Wegen, wenigstens den Fahrkartenverkauf im Bahnhof zu erhalten, damit die Anlagen nicht völlig verwaisen. Voraussetzung für die Integration des Gebäudes in die Stadt ist freilich, daß er seine Funktion behält. Der Erhalt und Ausbau des Bahnnetzes in Nordhessen ist beispielhaft. Die beiden Vorzeigebahnhöfe im NVV-Gebiet sind die Badestädte Wildungen und Arolsen. Werde ein Bahnhof entwickelt und gepflegt, kämen auch die Fahrgäste, wenn die Öffnungszeiten stimmten, sagt Henckel. Die Zahl der verkauften Karten verdreifacht sich nach den Erfahrungen des NVV.

          In Wildungen hat die Gemeinde den Bahnhof gekauft: Dort ist die lokale Wirtschaftsfördergesellschaft eingezogen und hat obendrein ein Gründerzentrum errichtet. Das Bistro im Erdgeschoß könnte zwar belebter sein, aber die Resonanz hängt nicht nur von der Lage, sondern auch vom Wirt ab. Mit der Landesgartenschau will Wildungen seinen ohnehin schon größten Kurpark Europas durch die Stadt bis zum Bahnhof hin verlängern.

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