https://www.faz.net/-gzg-9tbmj

Provinz im Aufbruch : Wie Lokalpolitik und Bürger die Zukunft gewinnen wollen

Selbstbewusst: Gemeinden wie Brombachtal wollen nicht auf Windräder reduziert werden Bild: Marcus Kaufhold

Zusammen mit den Bürgern ein Zukunftsmodell für das Leben auf dem Land suchen: Das probiert seit einigen Monaten ein Kreis mitten in Deutschland. Ziel ist es, im Wettbewerb der Regionen zu bestehen.

          3 Min.

          Es wäre sicherlich überbewertet, Hessens Umweltminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) die Fähigkeit zuzuschreiben, per Kuss einen ganzen Landstrich aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Aber der im Odenwald von der Landesregierung besonders stark forcierte Ausbau der Windenenergie hat sicherlich mit zu jener Aufbruchsstimmung beigetragen, die sich dieses Jahr in dem waldreichen Landkreis zwischen Darmstadt und Heidelberg bemerkbar gemacht hat. Und zwar nicht nur in Form vieler Bürgerinitiativen gegen Windräder. Wie Landrat Frank Matiaske (SPD) glaubt, befindet sich der Kreis in einem viel umfassenderen Sinn in einer spannenden Umbruchphase, „in der sich entscheidet, ob er seinen Anschluss an die benachbarten, wachsenden Ballungsräume zu seinen Gunsten nutzen kann oder nicht“.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Ein erstes Fazit werden der Landrat und die Kreispolitiker schon diesen Monat ziehen können. Insgesamt sind vier Dialogforen geplant, auch am Dienstag und am darauffolgenden Montag sollen Bürger vortragen, was ihnen auf dem Herzen liegt und wie sie die Zukunft sehen.

          Basis der Diskussion ist eine Bürgerumfrage zu Stärken und Schwächen und den Entwicklungsperspektiven des Kreises, an der sich 1540 Odenwälder beteiligt haben. Eine erste Blitzauswertung durch das beauftragte Beratungsunternehmen hat einen Fingerzeig gegeben, wohin die Diskussionen gehen könnten: Das Thema „Umwelt und Natur“ bekam in der Bewertung durchweg die Note 1.

          Horx: „Glokalisierung“ als Zukunft

          Aus Darmstädter Sicht – und noch viel stärker aus Frankfurter Perspektive – ist der Odenwald ein weit vom Herzen der Metropole entfernt liegendes Mittelgebirge, das in der Regionalplanung zuletzt vor allem als potentieller großräumiger „Windenergiepark“ eine Rolle spielte. Nun würde Matiaske den Spieß gerne umdrehen und die wirklichen Entwicklungschancen des ländlichen Raums aufzeigen. Um was es dabei gehen könnte, hatte 2018 der Zukunftsforscher Matthias Horx schon einmal schlagwortartig bei einem Vortrag in der Kreisstadt Erbach skizziert. Horx sah die Zukunft des Landes in der „Glokalisierung“ – einer Verbindung zwischen „lokal“ und „global“ – und im Aufbruch nach „Agriconia“, der elektronisch erreichbaren Provinz. Ein ländlicher Raum also, in dem Menschen die Verbindung von weitgehend noch intakter Natur und schnellem Internet als neue Lebensqualität schätzen und der Enge in den Metropolen vorziehen.

          In den zurückliegenden Monaten haben die Kreispolitiker Schritte eingeleitet, um diese Vision greifbarer zu machen. Im März begannen in Michelstadt mit rund 100 Künstlern und Kreativen die Beratungen zu einem Kunst- und Kulturkonzept. In der Auftaktveranstaltung gab der Kulturwissenschaftler Wolfgang Schneider die Idee vor, sich auf die Suche nach „Projekten der Provinz“ zu machen, mit denen sich der Odenwaldkreis von städtischer Kultur absetzen könne, ohne jedoch provinziell zu sein. Ein konkreter Vorschlag war zum Beispiel, temporäre Künstlerresidenzen in leerstehenden Geschäften einzurichten. Wer weiß, wie frustriert Kreative in Darmstadt oft nach einer Werkstatt oder einem Atelier suchen, ahnt, dass derartige Odenwälder Künstlerresidenzen tatsächlich eine Marktlücke füllen könnten.

          „Landräume“ in vielen Ländern in Bewegung

          Inspirationen fürs Bauen auf dem Land hat der Landkreis im September mit einer Konferenz gegeben, an der das Frankfurter Architekturmuseum, der Bund Deutscher Architekten BDA Hessen und die Stadt Michelstadt beteiligt waren. Auch dort ging es um „nachhaltige Impulse“ für die Entwicklung ländlicher Regionen. „Landräume“, das zeigte die Veranstaltung, sind in Europa tatsächlich in Bewegung. So präsentierte der Korbacher Architekt Christoph Hesse die von ihm mitkonzipierte Siedlung „Ways of Life“ am Edersee, die darauf abzielt, Menschen aus größeren Städten, die zeitweise woanders leben wollen, anzuziehen. Der Architekt Florian Aicher aus Leutkirch skizzierte die innovative Baukultur im Bregenzer Wald, wo schon vor Jahrzehnten als neues Leitbild das traditionelle Bauernhaus entdeckt worden sei. Im Schwarzbachtal in Thüringen wurde die Tradition der „Sommerfrische“ zu neuem Leben erweckt. Dort wurden ehemalige Sommersitze reaktiviert als Wohn- und Arbeitsstätten für Menschen, die auf dem Land und in der Stadt leben wollen.

          Architektur, Kulturkonzept, Bürgerumfrage – noch sind die Beratungen alle im Fluss. Der Landrat hofft, dass diese Initiativen dazu beitragen, „den Odenwald neu zu denken und eine Verbindung zwischen Tradition und Moderne zu schaffen, damit wir im Wettbewerb der Regionen bestehen“. Einfließen sollen die verschiedenen Vorschläge und Ideen in eine Kreisentwicklungsstrategie, an der in der Kreisverwaltung seit diesem Sommer gearbeitet wird.

          Eine „Qualitätscharta“ im Gespräch

          Womöglich bekommt der Odenwald im nächsten Jahr sogar eine „Qualitätscharta“. Dieser Vorschlag stammt vom Landschaftsarchitekten Andreas Kipar. Er hält das Landschaftsbild des Odenwaldes für einen „interessanten Zukunfts- und Sehnsuchtsraum“, der ins Bewusstsein zu heben sei. Dazu brauche es eine solche Charta, die einzelne Räume der planerischen Verfügbarkeit entziehe – zur Not mit Hilfe „künstlerischer Interventionen“. So unscharf bisher auch das Zukunftsbild sein mag: Es zeichnet sich deutlich ab, dass der Odenwald der Vorstellung, vor allem Windenergielieferant für die Metropole zu sein, im nächsten Jahr ein Alternativmodell gegenüberstellen will.

          Weitere Themen

          Viele Lokale kurz vor der Insolvenz

          Folgen der Corona-Krise : Viele Lokale kurz vor der Insolvenz

          Wegen der Corona-Krise sind viele Gastronomiebetriebe in Hessen insolvenzgefährdet. Im Bundesländer-Vergleich geht es Gastronomen in Hessen dennoch vergleichsweise gut, wie eine eine Studie zeigt.

          Streit um Holzkohlefabrik

          Heidenrod : Streit um Holzkohlefabrik

          Das Unternehmen Carbonex will in der Taunusgemeinde Heidenrod Holzkohle aus nachhaltig zertifizierten Quellen herstellen. Viele Einwohner sind gegen die Ansiedlung des Unternehmens. Am Sonntag stimmen die Bürger darüber ab.

          Topmeldungen

          Eine Frau mit einer Packung Eier – im Hintergrund das Kapitol in Havanna

          Corona-Krise auf Kuba : Schlimmer als die Pandemie

          In Kuba setzt die Regierung strenge Maßnahmen gegen Corona ein. Noch härter als die Pandemie trifft die Menschen jedoch die Lebensmittelkrise. Das Land schlittert in eine immer schwierigere Situation.
          Wahlkämpferisch: Donald und Melania Trump am Freitag bei einer Veranstaltung in Tampa, Florida.

          Wahl in Amerika : Gespaltene Staaten

          Aus dem zivilisierten Wettstreit um die politische Macht zwischen Rot und Blau ist in den Vereinigten Staaten ein radikaler Kampf um alles oder nichts geworden; das liegt nicht nur an Donald Trump. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.