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Familien in der Corona-Krise : Wenn Nähe zur Belastung wird

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Seit Tagen sind Kitas und Schulen geschlossen und viele Eltern im Homeoffice oder von ihren Betrieben freigestellt. Bild: dpa

Seit Tagen sind Kitas und Schulen geschlossen und viele Eltern im Homeoffice oder von ihren Betrieben freigestellt. Beim Kinderschutzbund macht man sich Sorgen um die Lage in den Familien.

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          Eltern mit Kita- und Grundschulkindern im besten Tobe-Alter, verschlossene Teenager oder Jugendliche, deren soziales Jahr abgebrochen werden musste – sie alle sitzen plötzlich zu Hause. Wie bändigt man bewegungshungrige Kinder in einer möglicherweise engen Wohnung, wenn Mutter oder Vater acht Stunden Homeoffice absolvieren müssen? Wie bringt man Jugendliche, die sonst mehrfach pro Woche Sport treiben, wenigstens um 9.30 Uhr zum mittelmäßig gut organisierten virtuellen Schulalltag an den Schreibtisch, wenn sie Abends vor Kraft und Sauerstoffmangel nicht einschlafen können? Wie bewältigen angestrengte Eltern mit möglicherweise unerwarteten finanziellen Sorgen ein friedfertiges Miteinander mit unausgelasteten, nörgelnden Kindern?

          Stefan Schäfer sieht die Entwicklung mit Sorge: „Noch bemerken wir keine deutlich erhöhte Nachfrage am Elterntelefon“, sagt der Geschäftsführer des Frankfurter Kinderschutzbundes. „Jedenfalls nicht, weil Eltern die Decke auf den Kopf fällt. Was wir jedoch jetzt schon feststellen, ist, dass vorhandene Krisen in Familien sich durch die eingeleiteten Corona-Schutzmaßnahmen verstärken.“

          Familien, in denen schon Konfliktpotential herrsche, hätten oft wenig räumliche Ausweichmöglichkeiten, ohnehin schon strittige Umgangsregelungen in Trennungsfamilien würden zusätzlich erschwert oder gar instrumentalisiert, Besuchszeiten für Familien, deren Kinder nicht in der Familie sondern in Heimen leben müssten, fielen aus. „Das belastet die betroffenen Familien zusätzlich“, sagt Schäfer. Über die Babylotsen, die vereinzelt noch an Frankfurter Kliniken Eltern von Neugeborenen niedrigschwellige Beratung anbieten, verzeichnet der Kinderschutzbund schon vermehrt Nachfragen von Eltern, die jetzt überraschend in finanzielle Not geraten sind und keine Rücklagen haben: „Da sind durchaus auch Familien dabei, die noch nie mit den zuständigen Ämtern Kontakt hatten“, berichtet Schäfer.

          Telefonische Angebote sollen ausgeweitet werden

          Um Eltern, sei es bei finanziellen, sei es bei häuslichen oder pädagogischen Fragen, schnell und unbürokratisch Hilfe anzubieten, will der Kinderschutzbund seine telefonischen Angebote ausweiten und dazu festangestellte wie ehrenamtliche Mitarbeiter verstärkt einsetzen: „Sowohl die hauptamtlichen Therapeuten und pädagogischen Mitarbeiter als auch die Babylotsen, die jetzt zunehmend nicht mehr in den Kliniken arbeiten können, können beim Elterntelefon eingesetzt werden“, so Schäfers Plan. Das Elterntelefon ist ein bundesweites Beratungsangebot des Vereins „Nummer gegen Kummer“, der Mitglied im Deutschen Kinderschutzbund ist und in Trägerschaft der regionalen DKSB-Mitgliedsverbände angeboten wird. Es ist immer und überall in Deutschland kostenfrei, anonym und vertraulich.

          Da alle anderen Angebote wie Eltern-Kind-Treffs, Elternkurse oder Veranstaltungen in der hauseigenen Orangerie abgesagt werden mussten, seien für die telefonische Beratung Kapazitäten frei geworden, die man derzeit umstrukturiere, so Schäfer. Denn: „Es ist doch vorprogrammiert, dass es in Familien mit wenig Ausweichmöglichkeiten, möglicher Überforderung mit schulischen Aufgaben, vielleicht vorhandenem Konfliktpotential oder neuen finanziellen Sorgen verstärkt zu Stresssituationen kommt.“ Insgesamt 27 ehrenamtliche und acht hauptamtliche Mitarbeiter stehen dem Frankfurter Kinderschutzbund zur Verfügung, um mehr Beratungs-Telefone freizuschalten und womöglich auch verlängerte Anrufzeiten zu ermöglichen.

          Zwei konkrete Empfehlungen gibt der Geschäftsführer des Frankfurter Kinderschutzbundes: „Wichtig ist sicher, in dieser speziellen Situation immer wieder bewusst Momente der Entspannung zu suchen, nicht alles perfekt schaffen zu wollen. Das kann nicht funktionieren.“ Vielleicht müssten die Schulaufgaben dann auch mal verschoben werden. „Stressfaktoren entzerren, entspannen, die Situation erklären, zuhören“ lautet sein Rat für angestrengte Eltern. Und er warnt eindringlich vor unseriösen Betreuungsangeboten, die – bislang nicht in Frankfurt aber in aber in anderen deutschen Städten – dem Kinderschutzbund aufgefallen seien: „Seine Kinder jetzt in wildfremde Hände abzugeben, ist sicher keine gute Idee“, warnt Geschäftsführer Schäfer. Nicht nur sei möglicherweise keine pädagogische Ausbildung vorhanden und die Gruppengröße nicht klar definiert, was das Ansteckungsrisiko erhöhe, hinter den wohlmeinenden Angeboten könnten auch andere, gefährliche Motive stecken.

          Elterntelefon/Nummer gegen Kummer: 0800 1110550 (bundesweit kostenfrei). Derzeit erreichbar: Montag bis Freitag von 09.00-11.00 Uhr, Dienstag und Donnerstag von 17.00-19.00 Uhr

           

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