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Öffnung der Kulturbetriebe : Chance oder Schwarzer Peter?

Platz ist da, aber nicht für ein großes Publikum: Blick in den Cantate-Saal der Volksbühne Frankfurt. Bild: Helmut Fricke

Die hessischen Kulturbetriebe wurden von den ersten Lockerungen der Landesregierung überrumpelt. Für Privattheater lohnt es sich nicht, unter den derzeitigen Auflagen zu spielen. Die öffentlichen Häuser reagieren unterschiedlich.

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          Wir wünschen uns nichts sehnlicher, als bald wieder für Sie spielen zu dürfen“, heißt es auf dem Anrufbeantworter des Frankfurter Fritz Rémond Theaters. Jetzt dürfen die Theater wieder. Hessen ist mit seiner neuen Corona-Verordnung vorgeprescht: Theater, Opern, Konzerthäuser und Kinos dürfen ab sofort wieder öffnen – unter strengen Auflagen. Die Überraschung aber bringt Künstlern und Veranstaltern neue Sorgen.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es geht um Angst vor dem Ruin, fehlende künstlerische Formate für die verschärften Bedingungen auf der Bühne und im Saal und nicht zuletzt auch um die Erkenntnis, dass nur etwa zehn Prozent des Publikums derzeit Interesse am Besuch einer selbst streng geschützten Form des Kulturbetriebs haben, wie einige Blitzumfragen unter den Abonnenten ergeben hätten.

          Am Montag will die Landesregierung ein hessisches Kulturhilfspaket vorstellen, das den durch alle Raster fallenden Künstlern helfen soll und vielleicht auch Klarheit für die Kulturbetriebe bringen könnte: Ist Theaterspielen oder sind Filmvorführungen unter Corona-Bedingungen Chance oder Schwarzer Peter? Künstler und Veranstalter fürchten letzteres. Dialog finde kaum statt, niemand habe die Szene vor diesen überraschenden Beschlüssen gefragt.

          „Wir haben alles runtergefahren, so dass wir mit dem städtischen Zuschuss und Kurzarbeit überleben können“, sagt Michael Quast, der Prinzipal des Frankfurter Volkstheaters: „Aber wir können uns nicht erlauben, ins Risiko zu gehen. Aus betriebswirtschaftlichen Gründen ist es fast unmöglich.“ Dieser Überlegung ist am Samstag sein Festival „Barock am Main“ zum Opfer gefallen, für das schon 50 Prozent der Tickets verkauft waren. Das Durchrechnen einer Lösung mit weniger Publikum unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen hat zur Absage geführt.

          Wenn nach den jetzigen Auflagen nur ein Zuschauer je fünf Quadratmeter und maximal 100, mit Ausnahmen 200, je Theater oder Kino teilnehmen können, ist gerade für kleine Häuser, die nicht staatlich oder städtisch sind, und für Kinos der Betrieb ein Verlustgeschäft. Für Künstler, die, wie oft üblich, als Gage Eintrittsbeteiligung erhalten, blieben nur winzige Beträge. „Ich halte diese Verordnung für hochgradig realitäts-fern und von aktionistischem Populis-mus getrieben“, sagt Michael Herl, Leiter des Frankfurter Stalburg Theaters.

          In seinen Saal würden unter diesen Auflagen 12,6 Personen passen. Dass währenddessen öffentlich geförderte Häuser wie die Städtischen Bühnen Frankfurt die Spielzeit für beendet erklärt haben, empfinden viele Freischaffende und Privattheater als absurd. Denn bei den öffentlichen Theatern machen die Einnahmen aus dem Ticketverkauf nur einen Bruchteil des Etats aus. Wenn auch jenen, der für Kunst frei verfügbar ist.

          Welche Kunst möglich ist, wenn auch auf der Bühne mit 1,50 Meter Abstand gespielt werden muss, will erst noch entwickelt werden. „Wir würden es auf jeden Fall machen, keine Frage“, sagt Reinhard Hinzpeter, Leiter des Freien Schauspiel Ensembles Frankfurt und Vorstand der Frankfurter Theaterallianz. Denn es sei wichtig, auch für die im Titania dann möglichen 25 Zuschauer zu spielen.

          Aber der Spielplan müsse angepasst werden, an Abstandsregeln ebenso wie an den Wunsch, dass die Schauspieler etwas verdienen können. „Atmen“, die Spielzeiteröffnung im derzeit wegen Bauarbeiten geschlossenen Theater, soll das leisten: „Wenn man das nicht ästhetisch und inhaltlich entwickelt, ist das ein totaler Krampf. Wenn man aus dieser Auflage Kunst macht, eine Metapher zum Beispiel, dann kriegt das eine ganz andere Qualität“, sagt Hinzpeter. „Pandemisches Theater“ nennt das Michael Quast mit Galgenhumor. Lust, zu spielen sei da und die Bereitschaft, loszulegen – unter den neuen Vorschriften. Doch abgesehen von den so entstehenden Verlusten müsse man fragen: „Wollt ihr das? Ist es das, was Theater ausmacht?

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