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Folgen des Klimawandels : Tannen aus Kalabrien für Hessen?

Auf einer Versuchsfläche hat Hessenforst Traubeneichen angepflanzt - die kommen mit der Hitze gut zurecht. Bild: Michael Kretzer

Was können die hessischen Wälder Stürmen, Hitze und Borkenkäfern entgegensetzen? Das versuchen Fachleute gerade herauszufinden. Eichen und Kastanien könnten helfen.

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          Trotz aller Widrigkeiten ist „Waldbaden“ ein neuer gesellschaftlicher Trend. So sieht es jedenfalls Beatrix Tappeser (Die Grünen), die Staatssekretärin im hessischen Umweltministerium. Es lohne sich nach wie vor, die freie Natur zu genießen, meint auch Michael Gerst, der Chef des Landesbetriebes Hessen-Forst. Aber er warnt Spaziergänger vor möglichen Gefahren und bittet sie, mit offenen Augen unterwegs zu sein. Während etwa Buchenwälder angesichts der heißen Sommer der zurückliegenden zwei Jahre regelrecht vertrocknet sind, haben sich Pilzgesellschaften entwickelt, die die Bäume befallen und zersetzen. Das Holz wird brüchig, und Kronen oder Äste können schon bei leichten Windbewegungen abbrechen.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Die Mitarbeiter der Forstämter hätten Vorsichtsmaßnahmen getroffen, könnten aber nicht überall gleichzeitig sein, sagte Gerst. Darum müssten Spaziergänger auch dort aufpassen, wo sie nicht durch Absperrungen gewarnt würden. Bei einem Ortstermin auf den Taunushängen oberhalb von Wiesbaden erklärte Tappeser am Dienstag, dass der Wald nicht nur der Naherholung diene. Immer mehr trete auch seine Funktion in den Vordergrund, Kohlendioxid zu binden und die Luft rein zu halten.

          „Nicht nur in Brasilien gibt es Wald“, stellte die Grünen-Politikerin fest. Ihr traditioneller Rückblick auf das vorangegangene Jahr enthielt diesmal kaum Neuigkeiten. Denn angesichts der verheerenden aktuellen Lage sind die Ursachen bekannt: zwei heiße trockene Sommer mit Bränden, ein nasser Winter, Stürme und die Plage der sich exponentiell vermehrenden Borkenkäfer haben den hessischen Wäldern derart zugesetzt, dass die Landesregierung gerade beschlossen hat, 200 Millionen Euro zu investieren, um die Folgen des Klimawandels abzumildern.

          Mischwald auf dem Taunuskamm angelegt

          Wie man den aktuellen Herausforderungen gerecht werden will, zeigt auf dem Taunuskamm exemplarisch eine durch umgestürzte Bäume entstandene Freifläche in der Größe von einem Fußballfeld. Angepflanzt wurden zirka 8000 junge Traubeneichen. Durch die Besamung der am Rande der Fläche stehenden Lärchen, Kiefern und Douglasien kommen drei weitere Baumarten dazu, so dass nun ein vielseitiger Mischwald entsteht.

          Er wurde im Frühjahr 2018 angelegt und überstand die Sommerhitze. Allerdings kosten die anscheinend ziemlich widerstandsfähigen Eichen immerhin rund 16.000 Euro. Die Frage, welche Baumarten am besten zu den sich ändernden klimatischen Bedingungen passen, wird demnächst Gegenstand eines Symposions sein, zu dem die Vertreter von Verbänden und Wissenschaftler zusammenkommen. Gerst erinnerte daran, dass es in Hessen schon seit 140 Jahren Versuchsflächen gebe, auf denen erforscht werde, welche Baumarten wie auf unterschiedliche Gegebenheiten reagierten. Im Übrigen verfüge man über Erfahrungen. So entwickeln sich in Wiesbaden und Königstein Esskastanien besonders gut. Die Römer brachten sie einst mit, um aus den Ästen Rebstöcke für ihren Weinbau zu schneiden.

          Er freue sich über jede gesunde Fichte, sagt Gerst. Aber er zählt sie nicht zu den Baumarten, die dem Klimawandel langfristig wirklich gewachsen seien. Als Ersatz kämen Douglasien in Frage. Interessant findet der Forstwissenschaftler auch Tannen aus Kalabrien. Sie ertrügen die Winter, seien aber gleichzeitig sehr trockenresistent. Im Übrigen müsse man in einem großen Land wie Hessen differenziert auswählen. Beispielsweise herrschten im Rheingau ganz andere klimatische Bedingungen als etwa in Nordhessen. „Es gibt nicht die eine geeignete Baumart“, so Gerst. Der von ihm geführte Landesbetrieb wird vom nächsten Jahr an zusätzlich mit 30 Millionen Euro im Jahr unterstützt.

          Grüne setzen auf erneuerbare Energien

          Damit sollen die Schäden im Staatswald beseitigt und die Kahlflächen zügig wieder bewaldet werden. Zu dem geplanten Abbau von Personal und Zusammenlegungen von Revieren auf dem Land werde es zunächst nicht kommen, wie Tappeser erklärte. „An der einen oder anderen Stelle gibt es sogar Verstärkung“, kündigte die Staatssekretärin an. Nach ihren Angaben beschäftigt der Landesbetrieb gegenwärtig 2036 Menschen.

          Die Staatssekretärin bekräftigte das Ziel der Landesregierung, dem Klimawandel mit erneuerbaren Energien zu begegnen. Dass für Windräder Bäume abgeholzt würden, bedeute keine allzu große Beeinträchtigung der Wälder. Denn diese Flächen machten nur 0,02 Prozent des gesamten Staatswaldes aus. Mit Spannung blickt Tappeser dem Klimagipfel in Berlin entgegen. Sie äußerte die Hoffnung, dass der Bund „Millionen für unsere Wälder“ bewillige.

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