https://www.faz.net/-gzg-9zca7

Politischer Kompromiss : Wie der Grenzwert für Corona-Neuinfektionen entstanden ist

Der Grenzwert wird aus der Kapazität des Gesundheitssystems ermittelt – dazu gehören auch die Zahl der Intensivbetten (Symbolbild). Bild: dpa

Die Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie werden derzeit stark gelockert. Aber das ist an eine Bedingung geknüpft: Es dürfen nicht mehr als 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in einer Woche registriert werden. Wie kommt dieser Grenzwert zustande?

          2 Min.

          Wie der am 6. Mai verkündete Grenzwert für die maximal zulässige Zahl von Corona-Neuinfektionen zustande kommt, hat sich der Mainzer Epidemiologe Emilio Gianicolo selbst schon gefragt. Der Mitarbeiter des Instituts für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik am Universitätsklinikum Mainz vermutet, dass bei der Festlegung auf 50 Neuinfizierte je 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen verschiedene Parameter berücksichtigt worden seien, zum Beispiel wie viele Bürger ein Infizierter anstecke. Ausschlaggebender Faktor sei die Kapazität des Gesundheitssystems, sagt Gianicolo – das betrifft nicht nur die Zahl der Intensivbetten, sondern auch die der Mitarbeiter in Gesundheitsämtern, die Infektionen nachverfolgen können.

          Ingrid Karb
          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das sei zum Beispiel in der Lombardei in Italien der limitierende Faktor gewesen. In der wohlhabenden Region gebe es zwar eine gute intensivmedizinische Versorgung, doch nicht genügend Beamte im öffentlichen Gesundheitswesen. Deshalb seien dort mehr Menschen gestorben als beispielsweise im benachbarten Venetien, wo die Nachverfolgung gut funktioniert habe und Infizierte isoliert worden seien.

          Auch die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie sieht Nachverfolgungs- und Testkapazitäten als wichtigste Faktoren, um die Zahl der Neuerkrankten nicht zu stark ansteigen zu lassen. In einer Stellungnahme schreibt die Fachgesellschaft: „Diese Zahl sollte auch bestimmen, ob in einer Region eine Lockerung von Maßnahmen möglich ist.“ Allerdings könne „diese Zahl regional stark variieren“.

          Das heißt, in manchen Regionen könnte selbst der nun festgelegte Grenzwert, der bisher nur im April in drei hessischen Landkreisen überschritten wurde, die Ämter überfordern. In einer Metropole wie Frankfurt mit gut 700.000 Einwohnern wären mehr als 350 Neuinfektionen je Woche möglich, bevor Lockerungen zurückgenommen werden müssten. Das hieße für das Gesundheitsamt jedoch, es müssten mehr als 350 Infizierte angerufen und betreut sowie deren Kontaktpersonen ermittelt werden. In der vergangenen Woche wurden 60 Neuinfektionen festgestellt.

          Und selbst wenn der Grenzwert überschritten wird, muss das nicht gleich zu Einschränkungen für alle Bürger führen. Lockerungen müssen nicht zurückgenommen werden, wenn eine Stadt oder ein Landkreis nachweisen kann, dass sich die Neuerkrankungen lokal eingrenzen lassen – und die Zahlen beispielsweise nach oben schnellten, weil das Virus sich in einem Pflegeheim ausgebreitet hat. Deshalb fürchtet selbst der Landrat des bisher im Verhältnis zur Einwohnerzahl in Hessen am stärksten betroffenen Odenwaldkreises, Frank Matiaske (SPD), in naher Zukunft keine Verschärfung der Situation.

          Seit die Wochen-Inzidenz, also die Häufigkeit je 100.000 Einwohner, zum 1. April in die Statistik aufgenommen wurde, hatte der Kreis mit rund 97.000 Einwohnern den Wert von 50 mehrfach überschritten. In der Spitze gab es am 25. April eine Inzidenz von 72. „Die hohen Fallzahlen resultieren daraus, dass sich im Odenwaldkreis das Coronavirus in sieben Pflegeheimen trotz aller Maßnahmen stark ausgebreitet hat. Die Fallzahlen der übrigen Bevölkerung sind nicht überdurchschnittlich hoch“, erklärte Matiaske. Gleiches gilt für den Schwalm-Eder-Kreis und den Werra-Meißner-Kreis. In Frankfurt wurde eine Inzidenz von 52 am 31. März erreicht – die bezog sich jedoch auf die Zeit seit Beginn der Pandemie Anfang März. Die höchste Zahl von in einer Woche bestätigten Neuinfektionen wurde seither am 12. April mit 252 Fällen verzeichnet, was einer Inzidenz von 33 entsprach.

          „Ein solcher Grenzwert ist letztlich immer ein politischer Kompromiss, der nicht rein wissenschaftlich begründet werden kann“, sagt Epidemiologe Gianicolo. Als Beispiel nennt er den Grenzwert für Feinstaub. Den hätten Wissenschaftler aufgrund der Studienlage und der Gesundheitsgefährdung inzwischen niedriger angesetzt als den derzeit gültigen Wert.

          Weitere Themen

          Wie man um die Ecke schießt Video-Seite öffnen

          Geht doch! : Wie man um die Ecke schießt

          Ecken direkt verwandeln – auf dem Fußballplatz geht das noch vergleichbar einfach. Beim Tipp-Kick braucht es viel Feingefühl. Wir verraten, wie der perfekte Schuss um die Ecke gelingt.

          Topmeldungen

          Tankstelle in Marseilles, Südfrankreich: Die französische Regierung will einige Mitbürgerinnen und Mitbürger nun durch ein Energiegeld entlasten.

          Benzinpreise : Hilfe auch für deutsche Autofahrer?

          Paris macht es vor: Die Regierung federt die steigenden Strompreise mit einem Energiegeld ab. Auch in Deutschland steigt der Unmut wie die Spritpreise. Wie reagiert Berlin?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.