https://www.faz.net/-gzg-9x695

Riesige Kahlflächen im Wald : Wie das Coronavirus der Forstwirtschaft schadet

„Jeder hofft auf eine Lücke im Absatzmarkt“

Die Lage ist überall ähnlich. Der Usinger Förster Karl-Matthias Groß hat 2019 sechsmal so viel Fichte einschlagen lassen wie in normalen Jahren. „Jeder hofft auf eine Lücke im Absatzmarkt.“ Gerade ist es ihm gelungen, von einer Firma im Vogelsberg 200 Festmeter aus dem Jahr 2018 abfahren zu lassen. Immer wieder wird Groß gefragt, warum er die Bäume nicht stehen lässt, wenn sie nicht vermarktet werden können. Vom Borkenkäfer einmal abgesehen, der in den trockenen Bäumen ideale Lebensbedingungen findet, kommt das für den Usinger Förster auch aus Sicherheitsgründen nicht in Frage. Die Bäume könnten jederzeit umstürzen. „Für Mountainbiker und Wanderer könnte man ja noch einen Sicherheitskordon von 30 Metern zu beiden Seiten der Wege schlagen“, sagt Groß. „Aber was ist mit den Pilzsammlern?“ Auch Forstarbeiter könnten Bestände, die man absperren müsste, auf Jahrzehnte nicht betreten. Das sieht sein Bad Homburger Kollege genauso. Busch weiß um die Kindergartengruppen, die regelmäßig im Wald unterwegs sind.

Usingen zählt neben Bad Homburg und Oberursel zu den Städten im Hochtaunuskreis, die sich selbst um ihren Wald kümmern. Voriges Jahr ist Neu-Anspach hinzugekommen. Der neue Förster übernahm also gleich einen Wald im Krisenmodus. „Mehr als ein Viertel unseres Fichtenbestands von 384 Hektar sind weg“, sagt Bürgermeister Thomas Pauli (SPD). Trotzdem hält er den Schritt zur Eigenbeförsterung für sinnvoll, weil die Stadt dadurch mehr Flexibilität habe.

Kein Absatzmarkt: Unterhalb des Herzbergs im Stadtwald Bad Homburg stapelt sich das Holz.
Kein Absatzmarkt: Unterhalb des Herzbergs im Stadtwald Bad Homburg stapelt sich das Holz. : Bild: Wonge Bergmann

Inzwischen beschäftigt die Förster natürlich auch die Frage, was mit den jüngst entstandenen Blößen geschehen soll. Im Usinger Wald zum Beispiel sind in den vergangenen beiden Jahren 200 Hektar Freiflächen entstanden. Mit anderen Worten: Zehn Prozent der gesamten Waldfläche sind kahl. An Stellen, die schon vor geraumer Zeit vom Wind gefällt wurden, entdeckt Groß Ansätze einer Verjüngung. „Ich traue dem Wald viel zu“, sagt der Usinger Förster.

Natürliche Wiederbewaldung

Er hat den Kommunalpolitikern im November einen Vorschlag zur Wiederbewaldung der Kahlflächen vorgestellt. Danach würden 40 Prozent sich selbst überlassen, damit sich auf natürliche Weise Wald bildet. Ein weiteres Drittel würde locker mit Bäumen besetzt. Den Rest der Fläche könnte man zum Schutz vor Wild einzäunen, um Eichen und Edellaubholz zu pflanzen. Er kam auf Gesamtkosten von 780.000 Euro, wobei er damals noch von einer deutlich kleineren Freifläche von 120 Hektar ausging.

Groß glaubt, dass es unter den 20 Baumarten im Taunus welche gibt, die den geänderten Bedingungen widerstehen könnten. Im Usinger Schlosspark stehe eine alte Elsbeere, und auch etliche Weißtannen hätten die Dürre gut überstanden. Neu-Anspach will im Hessenpark in einem sogenannten Kamp Setzlinge für den eigenen Wald ziehen lassen, sagt Bürgermeister Pauli.

Der Bad Homburger Förster Busch hat hingegen frisch aufgeforstete Flächen vor Augen, die in den vergangenen beiden Jahren fast vollständig vertrocknet sind. Von den hiesigen Baumarten hätten selbst Bergahorn und Kiefer gelitten. Er setzt daher vor allem auf natürlichen Wiederbewuchs. Die Pioniere wie Birken lieferten den nötigen Schatten, in dem auch größere Bäume wieder wachsen könnten. „Mein Nachfolger hätte dann in 20 Jahren zumindest wieder eine Waldvegetation.“ Mit dem Ertrag dauert es noch länger. „Heute gepflanzte Bäume werden erst in frühestens 100 Jahren geerntet“, steht im Bad Homburger Waldwirtschaftsplan.

Weitere Themen

Topmeldungen

Mit sehr vielen Subventionsmilliarden treibt der Staat beispielsweise den Ausbau der Windenergie voran.

Staatliche Investitionspolitik : Finanzpolitik aus der Mottenkiste

Die Idee, staatliche Investitionsprogramme für Klimaschutz, Bildung und Digitalisierung auf dem Reißbrett zu planen, hat nichts Progressives an sich. Sie erinnert an die Naivität, mit der linke Politiker früher staatliche Investitionslenkung chic fanden.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.